Die Sonne glühte gleich an diesem ersten Tag trocken und heiß. Der Weg war ziemlich hügelig. Dazu voll von großen Unebenheiten. Um elf Uhr, als die Hitze unerträglich wurde, kamen wir zum Glück an einen schönen schattigen Platz und machten da Rast. Unfern davon war ein schönes stattliches Farmhaus von den Schwarzen ganz und gar zerstört worden: die Fenster waren herausgerissen, die Stuben ausgebrannt; die schweren, sauber gearbeiteten Möbel lagen zerschlagen durcheinander; viele Bücher lagen verschmutzt und zerrissen umher. Wir kochten uns, jede Backschaft für sich, ein wenig Reis zu Mittag und legten uns dann zur Rast in den Schatten der Wagen. Am Nachmittag zogen wir weiter bis in den späten Abend hinein.

In einer Lichtung machten wir dann ein Lager und befestigten es, indem wir die Wagen im Viereck rund um uns aufstellten. Dazu machten wir noch ungefähr fünfzig Meter außerhalb der Wagen, an allen vier Himmelsrichtungen, je einen kleinen Dornverhau, der mit seiner halbmondförmigen Rundung nach draußen wies, und legten in jeden einen Unteroffizier und drei Mann hinein. Der Unteroffizier mußte in der Mitte des Verhaus stehn und überweg sehn; zwei der Leute mußten seitwärts hinter ihm liegen; der vierte aber mußte bis zum nächsten Verhau, ungefähr vierhundert Meter weit, zwischen die Büsche durch, hin und her gehen. Es war bekannt, daß feindliche Haufen in der Nähe wären.

Ich gehörte in dieser Nacht zum Posten Nummer zwei, lag bis acht Uhr hinter dem Unteroffizier auf der Erde und lugte und horchte in die Nacht hinaus, das Gewehr zur Hand. Von fern her aus dem Busch kam das Geheul fremder wilder Tiere; leise und niedrig setzte es an und wurde dann höher und heiser. Dazwischen klang ein anderes Geheul, gröber und stoßweise. Dann und wann krachte ein dürrer Ast. Ist es der Posten, der vom andern Verhau zurückkehrt? Ist es der Feind? Ist es ein Tier? Da kommt der Posten langsam und vorsichtig heran. Er beugt sich ein wenig vor und meldet in den Verhau leise: »Von Patrouille zurück. Alles klar.« Es war eine sehr dunkle Nacht.

Kurz darauf kam an mich die Reihe unterwegs zu gehen, bis an den Morgen. Ich machte mich auf und tappte vorsichtig los und stand oft still und horchte in die dunklen Büsche hinein, die rings um mich standen, und kam zum nächsten Verhau, meldete und ging ebenso wieder zurück. Oft meinte ich deutlich, daß ein dunkler Körper da irgendwo an einem Busch im Grase kauerte. Das Herz klopfte mir wild. Nun brach hinter mir ein Ast. Ich trat mit einem leisen, vorsichtigen Schritt zurück, daß ich einen Busch im Rücken hatte, und spähte nach allen Seiten. Als alles wieder still war, ging ich vorsichtig weiter. Meine Augen gingen eilig hin und her, wie Mäuse in einer Falle.

Da, beim dritten Gang, fiel vor mir, nach dem nächsten Posten zu, ein Schuß. Er schlug knallend durch das stille Dunkel der Nacht. Ich stürzte auf das Knie, riß mein Gewehr hoch und wartete, ob ich ein Ziel sähe. Ich lag eben, da drangen sie auch schon aus der Wagenburg, dem Posten zur Hilfe. Ich hörte ihre Stimmen; dann blitzten ihre Schüsse seitwärts vor mir. Das ganze Lager kam in Bewegung; ich hörte Kommandos; sie schossen eifrig. Ich lag, und wartete wohl eine halbe Stunde oder mehr, und schoß nicht; denn ich sah kein Ziel. Dann wurde es still.

Da erhob ich mich und ging weiter, langsam und vorsichtig, damit ich nicht unversehens für einen Feind gehalten und beschossen würde. Ich kam glücklich zum Verhau und machte Meldung. Da war dort nur ein Mann. Ich fragte ihn leise, wo die andern wären. Er sagte ebenso leise, sie wären auf den ersten Schuß hinausgegangen, den Angegriffenen zu helfen und wären noch nicht zurückgekehrt. Da ging ich also wieder zurück.

So wanderte ich in der stillen Nacht hin und her, wie mir gesagt war, und jedesmal, wenn ich zu dem andern Posten kam, beugte ich mich vor und sah in den Verhau und fand immer nur den einen, der stand aufrecht, das Gewehr im Arm und sah ins Dunkle. Und wenn ich leise fragte: »Die andern?« wandte er den Kopf rasch zu mir und hob die linke Hand abwehrend und spähte weiter in die Nacht und sagte kein Wort. Da dachte ich daran, daß es ein Unglück gegeben hätte.

So ging ich hin und her, bis das Dunkel langsam grau und grauer wurde und die kleinen Stimmen in den Büschen zirpten und im Osten in fünf rosigen Streifen das Morgenlicht aufstieg. Da kam die Ablösung.

Und da, als ich ins Lager gekommen und auf meine Backschaft zuging, die um ihr Feuerloch saß, und ich mich so von ungefähr umsah – denn das ganze Bild war mir neu: die großen, schweren Wagen rundum, die alten Afrikaner in ihren hohen Stiefeln hemdärmlig um ihre Feuerlöcher, die beiden Zelte der Offiziere, die schwarzen Treiber in der Ecke in hockender Stellung schwatzend und lachend – und ich grade den Mund auftun und ganz munter und großprahlig fragen wollte: »Was war das für 'ne Schießerei diese Nacht?« da stand das ganze Lager plötzlich auf und blickte mit großen, ernsten Augen nach dem einen Ende, wo viele zusammenliefen und vor sich auf die Erde sahen. Und einer sagte: »Siehst Du? Da ist es.«

Da wußte ich, was geschehen war. Ich ging mit ihnen zu dem Haufen – die Füße waren mir ganz schwer – und sah drei Kameraden auf der Erde liegend, die ganze Brust blutig, mit offenem Mund und starren, trüben Augen. Ein Unteroffizier, der neben mir hinzugetreten war, sagte: »Es sind die vom Posten drei.« Wir standen und sahen auf sie nieder. Immer mehr kamen hinzu. Wir sagten kein Wort. Ein Offizier trat hinzu und schickte uns fort.