Einige Stunden später wurden die Toten, in ihre Wolldecken gehüllt, an einer sanften Anhöhe begraben. Acht Mann schossen über ihrem offenen Grab schräg hinauf in die Luft, zu ihrer Ehre. Der Hauptmann sprach ein Vaterunser. Dann saßen wir still und bedrückt an unsern Kochlöchern.
Wir blieben drei oder vier Tage an dieser Stelle. Denn es war Befehl gekommen, daß wir hier den Major erwarten sollten, der mit der andern Kompanie nachkam. Wir mußten viel Dienst machen: Gewehrappelle, Gefechtsübungen im Busch und dergleichen.
Daneben machte uns das Kochen viel Arbeit. Aber wir machten auch viel unnötige Umstände dabei und Ungeschicklichkeiten. Jede Backschaft – das waren meist sechs Mann – machte sich ein Kochloch, so schön, wie es nur möglich war, und machte mit viel Kunst und noch mehr Gerede in einem Kreis eine Rinne darum, knietief, darin ein jeder seine Beine stecken konnte, so daß wir recht behaglich herum saßen. Einige Backschaften prahlten mächtig mit solchen Erdarbeiten. Dann mußte einer, und zwar einer mit gutem Griff und Mundwerk, Proviant vom Wagen holen: Reis, Fleisch, Weizenmehl, Salz, Kaffee. Andere mußten aus dem Busch ums Lager trockenes Holz zusammen suchen. Andere mußten aus den steilen schwarzen Klippen aus tiefen Wasserlöchern Wasser holen. So hatte jeder seine Arbeit.
Eine schwierige Sache war das Brotbacken. Der eine erinnerte dies, der andere das. Jeder wußte etwas. Einige sahen in Gedanken auf die Erde und hatten dann glücklich eine Erinnerung wie ein Gesicht und sprudelten heraus, was ihnen im Geist erschienen war. Einer, ein Holsteiner aus der Gegend von Neumünster, schien die größte Zeit seiner Kindheit neben seiner Mutter vor dem Backofen gestanden zu haben, der in der Ecke des Gartens am Wall gestanden hatte; er behauptete sogar, seine Mutter hätte ihn mehrmals aus Versehen auf die Schaufel gesetzt und hineingeschoben, er wüßte also nicht allein wie einem Brotbäcker, sondern auch, wie einem Brot zumute sei. Er war ein Schelm und wir hörten nicht auf ihn. Wir waren sehr neugierig. Besonders machte der Sauerteig uns viel Gedanken. Nach langen, hitzigen Reden und nach viel Gelauf hin und her zu andern Backschaften machten wir ihn aus Rum und Mehl. Einige standen schon lange mit aufgekrempelten Ärmeln, bereit zum Kneten. Einer schlug vor, daß sie sich vorher die Hände waschen sollten. Er bekam aber einen scharfen Verweis, daß er einen Vorschlag mache, der lächerlich wäre. Es gab kein Wasser zum Händewaschen. Sie kneteten den Teig fleißig. Sie legten ihn vorsichtig ins Kochgeschirr auf das gelinde Kohlenfeuer. Er ging auch ein wenig in die Höhe. Er bräunte sich auch ein wenig. Aber er war dann doch klitschig und klebrig.
Abends saßen wir um das verglimmende Feuer und sprachen von der Stellung der Feinde und dem Verlauf des Feldzuges – es liefen viele wilde und auch wunderliche Gerüchte hin und her – und kamen auf das letzte Gefecht: daß wir keinen einzigen toten Feind gefunden hatten und ob die drei vielleicht von uns selbst erschossen wären, und schüttelten sehr die Köpfe und sahen in die Glut, und einer beugte sich vor und half dem Feuer ein wenig auf. Dann kamen wir auf Kiel zu sprechen und auf die Heimat. Und jeder erzählte von seinem Leben und seiner Kindheit und lobte sie. Und besonders die Schwaben redeten viele und große Worte, was sie da alles hätten und könnten. Dann legten wir uns so, wie wir saßen, im Kreis um das Kochloch, legten die Decke über uns und schliefen.
Am vierten Abend, als es schon dunkel war und wir um die Feuer saßen, sahen wir im Osten Lichter blitzen. Bald darauf blitzte es auch im Westen. Wir kamen sehr in Aufregung; wir meinten, es wären Signale, welche die Feinde sich gäben, uns anzugreifen. Es stellte sich einen Augenblick wie ein weißer Stern am Horizont, und verschwand, und erschien gleich wieder. Es schien ganz nahe. Aber am andern Morgen erzählte mir Gehlsen, daß es Lichtsignale der unsrigen gewesen wären, die fern im Osten, mitten unter den Feinden, in einer Feste saßen. Sie hatten über uns weg nach Westen hin, der Hauptstadt zu, ihre Meldung gemacht und von da Antwort bekommen.
Am andern, dem fünften Morgen, in aller Frühe, sahen unsere Posten den Major heranziehen. Da stiegen viele auf die Wagen und sahen den langen, langen Zug, der langsam aus den Schluchten der Berge herauf kam, und wir redeten, als wären wir schon alte Afrikaner, obgleich wir ihnen doch bloß um vier Tage und drei Tote voraus waren, und sagten einer zum andern: »Na, der Alte wundert sich! Das ist ein anderes Marschieren als in Kiel!« So standen wir und sahen, wie sie zu uns heraufzogen, und freuten uns besonders, als wir den Alten erkannten. Wir waren ihm zum erstenmal überlegen.