VI

Wir sollten den Feind nordostwärts im Bogen umgehn und ihn stellen, wie einer auf der Hofstelle einen Bogen läuft und das Fohlen stellt, daß es wieder zurück läuft, wo mit dem Halfter in der Hand der Knecht wartet. In Eilmärschen sollten wir marschieren, mit wenigen und leichten Wagen, das heißt, mit wenigem und leichtem Proviant, und weniger und leichter Kleidung. Wir waren gegen dreihundert Mann, Seesoldaten, Matrosen und die Schutztruppler, die uns führten.

Voran zog wieder der Haufe alter Afrikaner, Offiziere und einfache Soldaten, alle beritten. Dann kam der Alte mit einem Offizier. Dann kamen wir zu Fuß, in langer, dünner Linie, in Staub gehüllt. In unserer Linie, hier und da, fuhren unsere dreißig mächtigen Kapwagen mit Proviant und Munition, und die leichten Geschütze, von je zehn bis vierundzwanzig langhörnigen Ochsen gezogen, von Schwarzen unter lautem Schreien getrieben. Zu beiden Seiten des Weges war dichter oder lichter, graugrüner Dornbusch mit knochenhartem Holz und fingerlang gebogenen Dornen, mannshoch, zuweilen zwei Mann hoch. In solcher Weise und durch solches Gelände sind wir nun Tag für Tag, Woche für Woche gezogen. Und von Tag zu Tag und Woche zu Woche mühseliger. Denn bald fing die Zeit an, wo wir mehr und mehr verhungerten und verelendeten, wo die Ochsen vor Entkräftung stürzten und wo einige der schweren rumpumpelnden Wagen voll von dem Jammer der Verwundeten und Schwerkranken waren.

Wenn die Sonne über uns hoch und höher, fast bis zur höchsten Himmelshöhe stieg und der Sand unter unseren Füßen glühend wurde und Auge und Kehle brannten, hielt die Spitze an einer Lichtung, wo Wasser sein sollte. Nicht immer war Wasser da; oft mußten wir, die schwer dürstenden, Löcher graben, ob wir ein wenig fänden, welches langsam hervorsickerte; fast immer war es salzig, oder milchig von Kalk, oder stinkend. Oft aber fanden wir auch dieses lumrige, widerliche Wasser nicht und mußten durstig weiter ziehn bis in die Nacht.

Fanden wir es, so machten wir erst einen Dornverhau rund um uns. Dann holte sich jede Backschaft ihre schmale Nahrung: ein wenig Fleisch von einem frischgeschlachteten schlappen Ochsen, ein wenig Mehl, ein wenig Reis. Das Fleisch oder Mehl verrührten wir in unserm Kochgeschirr mit dem schlechten Wasser, setzten es aufs Feuer und nannten es Fleischsuppe, Bouillon mit Reis, oder Pfannkuchen, die sie Plinsen nannten. Die Kochgeschirre reinigten wir mit dem Sand, der daneben lag. Danach lagen wir noch eine Stunde im Schatten der Wagen oder einer hochgestellten Zeltbahn. Dann ging es weiter.

Müde und gleichgültig zogen wir in den Abend hinein. Ich weiß nicht, ob wir in diesen Wochen jemals gesungen haben. Oft zogen wir bis in die Nacht. Wunderlich fahl, wie helle Spinnweben, lag der Mondschein über dem weiten, buschigen Land; wunderlich wirr und unruhig funkelten die fremden Sterne. Der Gewehrriemen auf der Schulter drückte; die Füße stolperten in der unebenen Wegspur; die Gedanken waren langsam und stumpf.

Wenn wir dann in der Nacht eine Wasserstelle erreicht hatten und zuletzt ein oder zwei, oder, wenn es hoch kam, drei Kochgeschirrdeckel voll des schlimmen Wassers ausgeliefert bekommen hatten, waren wir zu müde, um noch ordentlich abzukochen. Wir rührten ein wenig zusammen, was wir bekamen, und aßen es halb gar. Es war uns befohlen, das Wasser erst zum Sieden zu bringen. Aber ich habe gesehen, daß auch die Offiziere, ja selbst die Ärzte es so wegtranken. Wir waren zu müde und zu stumpf.

So ging es Tag nach Tag, vier Wochen lang. Das Land war immer eben, buschig. Wir trafen kein einziges Haus und wir trafen keinen Menschen.