Es war schlimm, daß wir nicht reichlich Proviant mitnehmen konnten. Dann hätte mancher die Heimat wiedergesehen. Wir selbst merkten es nicht; aber die Offiziere und Ärzte haben es wohl gesehen, daß wir allmählich saft- und kraftlos wurden. Wenn wir noch Zeit und Lust gehabt hätten, ordentlich zu kochen; aber das Wasser war oft so widerlich, daß es keine Freude war. Und wir mußten noch dazu so sparsam damit umgehen, daß unsere Geschirre verschmutzten. Ich rieb sie mit Sand; ich rieb sie mit abgerissenem Gras, aber sie wurden nicht rein. Es war auch schlimm, daß wir nichts als den dünnen Khakianzug hatten. Die Beinkleider, morgens im kniehohen, nassen Gras, mittags im heißen Staub, den ganzen Tag zwischen dornigem Buschwerk, fransten unten aus und hingen bald in Fetzen. Wenn zuweilen ein Gewitter oder ein Regensturz herniederging und dann die Nacht kam, fror uns entsetzlich. Es gab sehr kalte Nächte.
So mußte es kommen, daß wir bald kraftlose Leute wurden. Wir selbst merkten es nicht. Ich dachte nur zuweilen verwundert: ›Es war doch so viel Reden und Streiten an Bord! Es waren doch so viele Schelme unter uns! Wo sind die Narren? Und warum singen wir nicht? Wie ist Behrens gelblich blaß und mager geworden! Wie liegen dem Unteroffizier die Augen tief und fiebrig im Kopf! Was haben wir für wunderliche dünne Bärte, wir jungen Menschen!‹ Es waren viele unter uns, die noch nicht zwanzig waren.
Einmal trafen wir einen großen Kapwagen. Verlassen stand er auf dem Weg. Ein Farmer oder Händler hatte entfliehen wollen, hatte seine wertvollste Habe auf den Wagen gepackt, seine Ochsen davor gespannt, seine übrige Herde vor sich hergetrieben. Bis hierher war er gekommen. Seine Knochen lagen von Tieren rein gefressen, seitwärts am Busch in der Sonne; seine Habe war gestohlen; und rund um den Wagen lag zerrissen das einzige, was der Feind nicht hatte brauchen können: Briefe und Bücher. Wir begruben die Knochen im Busch, banden mit Bindfaden ein Kreuz zusammen und stellten es auf das Grab, und nahmen einige Briefe und Buchfetzen an uns und lasen darin und warfen sie weg.
An einem andern Tag entdeckten wir, versteckt im Busch neben dem Weg, auf einer Anhöhe, viele verlassene Hütten der Feinde. Sie waren wie große Bienenkörbe, im Gerippe aus Ästen und Reisig, mit Kuhdung beschmiert. Obgleich wir so müde waren, nahmen wir uns doch Zeit, sie anzustecken, und standen nachher auf einer Steigung unseres Weges und sahen zurück. Die Glut färbte weithin den Abendhimmel.
Sonst weiß ich nicht, daß uns etwas Besonderes begegnet wäre. Wir zogen immer auf dem sandigen Weg dahin, in Staub gehüllt. Zu beiden Seiten war Buschfeld, das zuweilen dünner war, und zuweilen zur Seite wich, daß es eine stattliche Lichtung gab.
Unsere Reiter, die alten Afrikaner und die Offiziere, ritten oft voraus, oft stundenweit, und suchten den Feind zu erspähen. Wenn sie zurückgekommen waren, ging es oft durch die Reihen, und abends von Feuerstelle zu Feuerstelle: »Wir sind dem Feind nun ganz nah, morgen, übermorgen treffen wir ihn!« Dann freuten wir uns, und jeder saß und besah sein Gewehr und untersuchte den Patronengurt. Aber es kam ein neuer Tag, und noch einer, und wir wurden matter und schlapper und sahen nichts vom Feind.
So ging es vier Wochen, immer weiter, weiter. Es war schlimm, daß wir nie aus den Kleidern kamen und uns nie waschen konnten, selten und unvollkommen einmal das Gesicht und die Hände. Aber schlimmer war wohl, daß wir uns nie mehr satt essen konnten. Sie hatten es mir übergeben, den Proviant zu holen: ich brachte immer weniger zum Kochloch. Ein wenig Reis, ein wenig Büchsenfleisch, ein wenig Mehl, ein wenig Kaffee. Es gab keinen Zucker mehr. Und dann kam ich eines Tages vom Wagen zurück: da brachte ich kein Salz mit. Da buk ich Plinsen aus Mehl und schmutzigem Wasser. Das Wasser, das wir dazu tranken, schmeckte oft widerlich nach Glaubersalz, oft war es gelb wie Erbsensuppe und stank. Die Nächte waren kalt.
Ich kann nicht sagen, daß wir immer niedergeschlagen waren. Auch murrten wir nicht. Wir sahen ein, daß es nicht anders gehen konnte, und daß die Offiziere alles wie wir ertrugen. Wir waren aber still und sehr ernst. Wir dachten immer, und damit hielten wir uns aufrecht: »Wir kommen nun bald an den Feind und schlagen ihn und beenden damit den Feldzug, und dann … dann, ach, dann kehren wir nach der Hauptstadt zurück und bekommen einen neuen Anzug und baden. Wir springen ins Wasser. Und bekommen ein Taschentuch, ein schönes rotgewürfeltes, ganz reines, und bekommen einen großen Topf voll schönem Fleisch und eine Handvoll weißem, körnigem Salz, und einen großen, großen Becher voll reinem, silberblankem Wasser … wie das hell leuchtet! und trinken einen langen, langen Zug, und halten den großen leeren Becher wieder hin und – wieder fließt das Wasser hinein – und trinken und trinken … Und dann, nach einigen Tagen, fahren wir zur Küste und dann geht es in die Heimat. Was werden wir alles erzählen aus diesem Affenland!«
Unsere Stiefel gingen entzwei; unsere Beinkleider waren unten nichts als Fetzen und Lumpen; unsere Jacken bekamen vom Dorn große Löcher und wurden entsetzlich schmierig, weil wir alles daran abwischten; unsere Hände waren voll von entzündeten Stellen, weil wir oft in den Dorn greifen mußten.
Unser Leutnant sprach oft mit uns. »Seid munter!« sagte er. »Wir werden ein Gefecht haben und die Kerle nach Westen zu der Hauptabteilung in den Rachen werfen. Und im Juli sind wir wieder zu Hause.« Ich wunderte mich über ihn, daß er, obwohl er nicht viel älter war als wir, und alle Beschwerden hatte wie wir, immer gleichmäßig ruhig war, während wir doch oft unnütz waren und zornig wurden und schimpften. Es kam nicht davon, daß er mehr gelernt hatte als wir: ich glaube, es kam daher, daß er ein inwendig gebildeter Mensch war; das heißt: Seele und Geist in Gewalt hielt, daß sie die Dinge rund um ihn her ruhig, gerecht und nachsichtig überdachten. Sein Wille wollte so, und da geschah es. Da habe ich gemerkt, daß Wille zehnmal mehr wert ist als Wissen. Wir sagten mit keinem Wort, wie viel wir von ihm hielten. Aber wir sprachen oft von ihm und sahen oft nach ihm hin. Er war ein kleiner Mann und ritt ein starkes, ostpreußisches Pferd und trug den grauen Filzhut mit der aufgeklappten linken Krempe immer ein wenig auf dem linken Ohr.