Der Alte kam auch zuweilen zu uns und redete uns an. Dabei sah er jeden genau an, als wollte er erkennen, ob er irgendeine Not hätte. Wir fühlten alle, daß er ein kluger und wacher Mann war und daß er ein mildes, teilnehmendes Herz hatte. Darum fühlten wir uns sicher unter ihm, wußten auch, daß es nicht anders sein konnte, wie es war – sonst hätte er es geändert –, und liefen wie die Hasen, wenn wir ihm etwa eine Freude machen konnten. Und wenn einer so gelaufen war, verspotteten wir ihn: »Mensch, was bürstest Du!« Aber wenn die Reihe an einen andern kam, lief er ebenso.
Zuweilen, wenn wir an unserm Kochloch saßen, machte ich mich davon und ging zu den alten Afrikanern, die ihr Feuerloch immer an einem der Wagen hatten, die Sergeant Hansen führte. Dann winkte mir Hansen; denn er mochte mich leiden, seit ich ihn im Hof der Feste angesprochen hatte. Sie saßen immer für sich, nicht allein aus Stolz, sondern auch, weil sie meist fünf oder gar zwanzig Jahre älter waren als wir. Einige von ihnen waren schon zehn Jahre oder darüber im Lande.
Ich setzte mich still zu ihnen und hörte mit großer Begierde, was sie miteinander redeten. Zuweilen sprachen sie von den wilden fünfzehnjährigen Kämpfen in der Kolonie, die sie ganz oder zum Teil mitgemacht hatten, und von den Kämpfen der letzten drei Monate. Sie nannten manchen Ort tapferer Tat und manchen wackern Mann, Tote und noch Lebende. Ich wunderte mich, daß schon so große und harte Dinge von Deutschen in diesem Lande ausgeführt waren, davon ich nimmer auch nur ein Wort gehört oder gelesen hatte, und daß schon so viel deutsches Blut qualvoll in diesem heißen, dürren Lande geflossen war. Sie kamen auch auf die Ursachen des Aufstandes; und ein Älterer, der schon lange im Lande war, sagte: »Kinder, wie sollte es anders kommen? Sie waren Viehzüchter und Besitzer, und wir waren dabei, sie zu landlosen Arbeitern zu machen; da empörten sie sich. Sie taten dasselbe, was Norddeutschland 1813 tat. Dies ist ihr Befreiungskampf.« »Aber die Grausamkeit?« sagte ein anderer. Aber der erste sagte gleichmütig: »Glaubst Du, daß es ohne Grausamkeit abginge, wenn bei uns das ganze Volk gegen fremde Unterdrücker aufstände? Und sind wir nicht grausam gegen sie?« Sie sprachen auch darüber, was wir Deutschen hier eigentlich wollten. Sie meinten, darüber müßten wir uns klar werden. »Jetzt stände es so: Es wären Missionare hier, die sagten: ›Ihr seid unsere lieben Brüder in dem Herrn, und wir wollen Euch diese Güter bringen: Glauben, Liebe und Hoffnung,‹ und es wären hier Soldaten, Farmer und Händler, die sagten: ›Wir wollen Euch Euer Land und Euer Vieh so allmählich abnehmen und Euch zu rechtlosen Arbeitern machen.‹ Das ginge nicht nebeneinander. Das sei eine lächerliche und verrückte Sache. Es sei entweder recht und richtig, zu kolonisieren, das heiße entrechten, rauben und zu Knechten machen, oder es sei recht und richtig, zu christianisieren, das heiße Bruderliebe verkünden und vorleben. Man müsse das eine klar wollen und das andre verachten, man müsse herrschen wollen oder lieben wollen, gegen Jesus sein wollen oder für Jesus. Die Missionare predigten ihnen: Ihr seid unsre Brüder! Und verwirrten ihnen die Köpfe! Sie seien nicht unsre Brüder; sondern unsre Knechte, die wir menschlich aber streng behandeln müßten! Diese sollten unsre Brüder sein? Sie mögen es einmal werden, nach hundert oder zweihundert Jahren! Sie mögen erst mal lernen, was wir aus uns selbst erfunden hätten: Wasser stauen und Brunnen machen, graben und Mais pflanzen, Häuser bauen und Kleider weben. Danach mögen sie wohl einmal Brüder werden. Man nimmt niemanden in eine Genossenschaft auf, der nicht vorher seinen Einsatz bezahlt hat.«
Ein älterer Frachtfahrer, der manches englische und holländische Wort in seine Rede mischte, sagte, es wäre das Beste, wenn die Kolonie an die Engländer verkauft würde, die Deutschen seien wohl brauchbare Soldaten und Farmer, aber von der Verwaltung der Kolonien verständen sie nichts; sie wollten dies und sie wollten das. Ein jüngerer, der erst drei Jahre im Lande war, sagte darauf: »Es müssen erst tausend oder zweitausend deutsche Gräber in diesem Lande sein, und die werden vielleicht noch in diesem Jahre gegraben werden.«
Über diesen Gesprächen wurde es tiefe Nacht und die Feuer glühten noch wenig und ich sah in ihrem unsicheren Schein die Gesichter, die vom Brand der afrikanischen Sonne verwittert und dunkelbraun geworden waren.
In diesen schlimmen, heißen Marschtagen und mondhellen, kalten Nächten, da wir auf der Spur der Feinde mühselig, doch nicht mutlos durch das wilde, buschige Land zogen, eine Woche nach der andern – da war kein Haus, kein Graben, kein Baum, keine Grenze, im Sonnenbrand des Tages und in dem fahlen Mondlicht der klaren Nächte – da ich hungrig, schmutzig und müde neben der sandigen, holperigen Wagenspur dahinzog, das Gewehr am Riemen über der Schulter, da ich in heißer Mittagsstunde im Schatten des hohen Kapwagens und in bitterkalten Nächten hungrig und unruhig in dünner Decke auf der blanken Erde lag und am schönen, blauen Himmel die fremden Sterne standen: da, glaube ich, gerade in diesen schweren Wochen habe ich das wunderliche, endlose Land lieb gewonnen.