VII

Gegen Ende der vierten Woche kamen vorgeschickte Reiter wieder einmal mit der Meldung, der Feind wäre nahe. Da machten wir ein besseres Lager als gewöhnlich. Wir stellten unter einem großen Baum das Zelt des Alten auf und machten einen starken Dornverhau rund um uns und hoben draußen Latrinen aus, und schliefen die Nacht.

Am andern Morgen in aller Frühe, als ich vom Posten kam, hörte ich, daß alle unsere Reiter, nicht allein die alten Afrikaner, sondern auch die meisten Offiziere als Patrouille ausziehn und die Stellung der Feinde erkundigen wollten. Bald darauf sah ich auch, wie sie sattelten, und das Maschinengewehr und den einen zweiräderigen Karren mit Ochsen bespannten. Dann zogen sie, gegen vierzig Reiter, noch in aller Frühe aus dem Lager. Der Alte mit seiner kleinen strammen Gestalt und seinem forschen Gesicht ritt mitten unter ihnen. Auch unser Leutnant ritt mit. Ich ärgerte mich, daß er statt meiner den Unteroffizier mitgenommen hatte. Doch sah ich ihm nach, bis der schmale Sandweg in den Büschen verschwand. Er trug den Hut auf dem linken Ohr.

Nachdem sie fort waren, fingen wir eine große Wäsche an, denn es war an dieser Stelle ziemlich viel Wasser in tiefen Löchern, die in den hellgrauen kalkigen Boden hinein gegraben waren. Wir machten bei unserm Feuerloch eine breite Grube, legten eine wasserdichte Zeltbahn darüber, gossen das Wasser hinein, zogen unsere Lumpen aus und wuschen und rieben mit großem Eifer. Dann hingen wir sie über die Büsche zum Trocknen. So verbrachten wir den Tag ein wenig munterer als lange, und sprachen über unsere Reiter: ob sie den Feind wohl fänden, und wann sie wohl wiederkämen. Gegen Abend ging ich zu unsern Proviantwagen und empfing unser Teil für die Backschaft und machte einen Mehlpapp und wir setzten uns nach unserer Gewohnheit um das Kochloch und aßen.

Als wir noch so saßen, sahen wir plötzlich, wie die nächste Backschaft die Hälse reckte und aufstand. Zugleich hörten wir ein Rufen vom Ende her. Da sprangen wir auf und sahen, auf dem Weg her, auf dem unsere stolze Patrouille heute morgen ausgezogen war, einen einzelnen Reiter heran galoppieren. Er war vor Anstrengung matt, daß er mit den schweren Sprüngen des Pferdes hin und her wankte, und das Pferd war dunkelblank von Schweiß und mit Schaumflocken übersät. Sie halfen ihm vom Pferde. Sprechen konnte oder wollte er nicht. Der Hauptmann kam aus dem Zelt und nahm ihn mit sich.

In dem Augenblick kamen, kurz nacheinander, zwei weitere Reiter, alte Afrikaner. Der eine war ein Schleswiger, ein tüchtiger, ernster Mann. Sie riefen nach dem Hauptmann und sagten vom Pferd mit schwerer Stimme: »Über die Hälfte sind tot.«

Da riefen wir durcheinander: »Wer denn? Was denn? Wer lebt denn? Wo ist der Alte? Ist Peter tot? Ist unser Leutnant tot? Sag' es doch!« Aber sie sagten nichts. Da kam auch der erste wieder aus dem Zelt und sagte: »Die Karre wird gleich kommen mit mehreren Offizieren, die verwundet sind.«

Da machten wir unsere Gewehre bereit, verstärkten den Posten und schickten einen Zug aus, dem Wagen entgegen, und warteten und brüteten vor uns hin und sprachen mit leiser Stimme. Wir waren wie auf den Kopf geschlagen.

Bald hörten wir dann von ferne aus dem Busch Peitschenknallen; dann sahen wir das weiße Zeltdach des Wagens zwischen den Büschen schimmern. Das Geschirr der Ochsen war verwirrt; mehrere der Tiere waren verwundet. Auf der Kiste, mitten im Wagen, saßen die verwundeten Offiziere, mehrere andere lagen wie tot daneben. Der Alte aber stand in der Mitte aufrecht. Sein Haar war blutig und sein Gesicht war bleich. Die Lazarettgäste kamen mit wollenen Decken gelaufen und legten sie über die Liegenden und trugen sie vom Wagen. Das Blut sickerte in großen roten Tropfen vom Wagenbrett. Nach geraumer Zeit kamen, nach und nach, noch fünfzehn, unter ihnen der Sergeant Hansen. Das war alles was wiederkam.