Um ein Uhr in der Nacht traten wir an und zogen, müde Pferde und Reiter, sieben Stunden. Da kamen wir zu der Stelle; aber Wasser war nicht da. Von einer Anhöhe aus sahen wir, wie zwei mächtige Staubwolken eilig nach Osten und Nordosten zogen, hinein in den Dursttod. Aber auch wir waren am Ende. Der vierte Mann war an Ruhr oder Typhus krank; die anderen überangestrengt. Von unseren Pferden waren über die Hälfte gefallen; unsere Kleider und Sättel waren zerrissen. Und wir waren sieben Stunden von der nächsten dürftigen Wasserstelle entfernt und vierundzwanzig von der besseren. Es war die Gefahr nicht fern, daß wir hier am Rande der Wüste hängen blieben. Darum befahl der General, die Verfolgung abzubrechen.

Doch sollten einige Patrouillen versuchen, noch einige Stunden weit vorzustoßen. Es meldeten sich, wie zu allen Patrouillenritten, so auch jetzt zu diesem letzten schweren, Freiwillige genug. Da ich ein guter Reiter war, bekam ich das Pferd eines Unteroffiziers, der eben krank aus dem Sattel geglitten war, und ritt mit der einen Patrouille aus dem Lager. Ein Oberleutnant, der aussah wie ein Gelehrter, führte uns. Wir ritten und ritten; wir rasteten eine Stunde. Dann zogen wir weiter. Wenn wir zehn Minuten schwerfällig getrabt hatten, sprangen wir ab und führten die Pferde, und zwar so, daß einer zwei Pferde zog und der andere sie von hinten her antrieb. So ging es ziemlich rasch vorwärts. Dem Oberleutnant wurde die Stimme in der vertrockneten Kehle heiser von dem Kommandieren: »Absitzen … Aufsitzen … Trab!«

Einige Male sahen wir von einer kleinen Erhöhung die Staubmasse, die sich langsam vorwärts schleppte; aber wir kamen ihr wenig näher. Wir dachten, sie sollten rasten; dann wollten wir sie mit unserer letzten Kraft erreichen und durch unsere Erscheinung und unser Gewehrfeuer aufschrecken und noch weiter in die Öde jagen. Die Sonne brannte entsetzlich heiß auf das weite, dürre Land. Mein Hals war so ausgetrocknet, daß ich jedesmal, wenn ich dem Drange zu schlucken folgte, vor Schmerz leise stöhnte. Ich hatte zuweilen ein plötzliches Gefühl der Angst, daß ich aus dieser schrecklich dürren, heißen Luft herausmüßte und weg von dieser stechenden Sonne, sonst würde sich mein Verstand plötzlich, mit einem schrecklichen Aufschrei, verwirren. Ich konnte nicht widerstehen und trank das letzte Wasser im Sack und befeuchtete mit dem feuchten Sack meine brennenden Augen. Bald danach fing einer von uns zwanzig an, im Sattel zu wanken und vor sich hin zu murmeln; als ich mich nach rückwärts umsah, wie es mit den anderen stand, hingen zwei oder drei bleich und stumpf im Sattel, andere ritten mit tiefliegenden geschlossenen Augen. Der Unteroffizier sah mich mit einem Blick an, als wenn er sagen wollte: »Es ist ein Wahnsinn, daß wir noch weiter reiten.«

Gleich darauf ließ der Oberleutnant auch Halt machen und ließ fünf absteigen und sich hinlegen. Wir deckten sie vor der Sonne mit ihren Mänteln zu und zogen weiter. Aber nach ungefähr einer Stunde konnten fünf oder sechs die Pferde nicht mehr führen; die Glieder waren ihnen wie Blei. Zwei zitterten an allen Gliedern und erbrachen sich. Wir ließen sie sich hinlegen und deckten sie zu; sie lagen noch nicht, da schliefen sie schon wie Tote.

Ich merkte, daß der Oberleutnant sich sehr ärgerte, daß er nicht weiter konnte, obgleich er selbst kaum mehr sprechen konnte. Er stand und sah mit dem Glase nach der Anhöhe hinauf, hinter der die Staubwolke verschwunden war – es lag noch wie ein Dunst über der Höhe –; er wollte gern, daß wir uns da oben zeigten, wenn etwa die Feinde jenseits der Höhe Halt gemacht hätten, in der Hoffnung, die deutschen Truppen wären nun endlich umgekehrt. Ein Schutztruppler, der mit dabei war, trat an ihn heran und sagte, daß er und sein Pferd wohl noch kräftig genug wären, ein bis zwei Stunden zu reiten, zumal es gegen den Abend ginge. Da trat auch ich heran und bot mich an, mit ihnen zu reiten. Wir machten mit den andern ab, daß sie zu den ersten fünf zurückkehren und dort bis zehn Uhr auf uns warten sollten. Kämen wir bis dahin nicht, so sollten sie den Rest der Nachtstunden benutzen, zum Lager zu kommen. Ich hatte die heimliche Meinung, daß die beiden ihren Plan nicht eher aufgeben würden, als bis sie vor Übermüdung zusammenbrächen. Da wollte ich bei ihnen sein; denn ich hielt mich für stärker als sie.

Nach einer halben Stunde machten wir uns auf. Das Führen der Pferde gaben wir auf; wir blieben im Sattel. Nach einer Weile kamen uns drei Kühe entgegen; sie waren entsetzlich mager und brüllten kläglich; dem einen Tier war mit einem Messerschnitt die Seite aufgeschnitten, wohl um das hervorquellende Blut zu trinken. Wir ritten eine Weile weiter; da lag eine Ziege am Weg und neben ihr ein Knabe mit magern, merkwürdig langen Gliedern, als hätten sie sich im Sterben gereckt. Wir bogen kaum aus mit unseren Pferden, daß sie ihn nicht traten; es ist merkwürdig, wie gleichgültig uns Mensch und Menschenleben ist, wenn es von anderer Rasse ist. Nach einer halben Stunde oder mehr näherten wir uns der Höhe; der Schutztruppler ritt voran, das Gewehr zur Hand; der Oberleutnant und ich hinterher. Es ging sehr langsam. Da spähte ich von ungefähr nach einigen Büschen hinüber, die, in einer Entfernung von ungefähr fünfzig Metern, dichter beieinanderstanden als die andern, und sah zwischen und unter den Büschen, Schulter dicht an Schulter, Menschen sitzen in Klumpen, ganz unbeweglich. Einige hatten die Köpfe ganz tief auf der Brust, die Arme lang herabhängend, als wenn sie schliefen; andre saßen an Busch oder Nachbar angelehnt, mit offenem Mund, rasch und trocken atmend und sahen uns mit blöden Augen an; einige, Frauen und Kinder, hatten sich schräg zur Seite auf die Beine und den Schoß der Sitzenden gelegt. Ich hatte den beiden andern leise gesagt, was ich sah; sie warfen einen langen Blick hinüber, sagten aber nichts. Wir ritten weiter. Der Schutztruppler zeigte noch zwei- oder dreimal in die Büsche; ich sah darüber hin. So erreichten wir die Höhe und spähten über die Steppe, die wie ein gelblich graues Meer in unendlicher Weite und lautloser Stille zu unseren Füßen lag. Die langen Strahlen der untergehenden Sonne lagen wie Streifen dünnen hellglänzenden Tuchs drüber.

Wir sprangen von den Pferden und lockerten die Gurte und legten uns auf die Erde. Das Pferd des Schutztrupplers fing an, über sein Gesicht zu schnuppern; er merkte es nicht, er war schon eingeschlafen. Der Oberleutnant stand wieder auf und sagte mit mühsamer, heiserer Stimme: »Stehn Sie auf. Wenn wir einschlafen, verschlafen wir die Nacht; und dann sind wir verloren.« Ich stand auf und wir beide standen eine Weile in dumpfem Sinnen zwischen Wachen und Schlafen. Die Sonne versank in der roten Glut; es wurde kühler; die Pferde wurden etwas muntrer und fingen an mit müden Schritten einige Büschel abzureißen. Nach einer Weile erwachte der Schutztruppler und fragte mit kläglicher Stimme, ob nicht ein einziger Tropfen Wasser da wäre. Ich sagte: »Nein.« Er sagte: »Der Oberleutnant hat etwas.« Ich sagte: »Nein.« Da sagte er, er könne es nicht mehr aushalten ohne Wasser; er hätte sich zuviel zugetraut; er müsse hier sterben.

Der Oberleutnant, der sich am Sattel seines Pferdes haltend, im Stehn halb geschlafen hatte, war bei einem Schritt seines Pferdes aufgewacht und tröstete ihn: »Ermuntern Sie sich; wir brechen gleich auf. Dann geht es nach Haus; der Krieg ist ja nun zu Ende.« »Ja,« sagte der Schutztruppler, »der ist zu Ende: vierzigtausend von ihnen sind tot; all ihr Land gehört nun uns. Aber was hilft es mir; ich muß hier sterben.« Er bat kläglich: »Haben Sie nicht einen einzigen Tropfen Wasser?« Der Oberleutnant schüttelte den Kopf: »Sie wissen, daß ich nichts habe. Ruhen Sie noch ein wenig; die Nacht ist da; die wird uns frischer machen.«