Gegen Mitternacht stieg langsam der Mond auf über der weiten Steppe. Wir zogen die Wachen ein, sattelten und zogen weiter, und kamen nach drei Stunden zu der Wasserstelle, welche unsre Patrouillen ausgekundschaftet hatten. Der Mondschein war so hell, daß wir schon von weitem die Wasserlöcher sahen, die als dunkle Stellen auf der kalkigweißen, gespenstisch hellen Fläche lagen. Zur Seite standen hier und da einzelne schöne, hohe Bäume. Zwei Termitenhügel standen grau und hellbeschienen unter ihnen. Es sah aus wie ein schön geebneter, marmorbelegter Platz in einem herrlichen Park, Statuen zur Seite unter hohen, stillen Bäumen. Die Pferde hoben die Köpfe; ihr Schritt wurde munterer; die verschlafenen, verfrorenen und verhungerten Reiter wurden lebendig. Nun waren die ersten am ersten Wasserloch. Aber ihre Pferde wandten sich ab und gingen zum zweiten, und gingen zum dritten. Da kamen auch wir heran und spürten den aasigen Geruch, der wie ein böses, schreckliches Ungeheuer platt und gierig auf der ganzen schönen, mondbeschienenen Lichtung lag. Die Löcher waren voll von verwesendem Vieh. Da standen die Pferde mit hängenden Köpfen da, und wir neben ihnen, die aufeinander gelegten Hände aufs Gewehr aufgestützt. Und mancher wankte, verschlafen und ausgehungert, im Stehn.
Wir mußten weiter, den Rest der Nachtkühle auszunutzen. In dieser nächtlichen Stunde hat mancher gedacht: ›Wärst Du zu Hause geblieben! Könntest Du jetzt zu Hause sein; nie wieder gehst Du in die Fremde.‹ Aber sein stolperndes Pferd weckte ihn aus seinem Traum. Und wenn das Pferd nach einigen stolpernden Schritten zitternd stand und dann plötzlich vorn in die Knie fiel und sich stöhnend auf die Seite legte und die nachfolgenden gleichmütig an ihm und seinem liegenden Pferd vorbei weiter zogen und es dann hieß: »Nun, steh nicht so lange! Schnell die Packtasche ab und häng' sie Dir um!«, dann wurde mancher ganz wach; dann hieß es: »Hinter Dir und zu beiden Seiten unter den dürren Büschen trabt und läuft der Tod. Nur nach vorn ist Leben und Heimkehr.« Er bückte sich nach der Packtasche, warf noch einen langen Blick in die Augen seines Pferdes und trabte voran. An der Pad entlang lag eine Menge kleiner, erloschener Feuerstellen; daneben allerlei liegengelassenes Gut, eigenes und gestohlenes, besonders Kleider und Sättel; auch christliche Bücher, welche die Missionare ihnen geschenkt oder verkauft hatten. Der ganze Weg war voll von gefallenem Vieh. Wir hatten den Fluchtweg des Feindes erreicht. Eine Patrouille kam mit der Nachricht, daß unsre andere Abteilung einen Teil des Volkes überrascht, mit Granaten beworfen und auseinander gesprengt hatte.
Am andern Tag erreichten wir endlich eine gute Wasserstelle und vereinigten uns hier mit der andern Abteilung. Vereint wollten wir nun den Feind, der an der nächsten und letzten Wasserstelle saß, angreifen und ihm den Garaus machen. Es war allgemein der Glaube, daß es ein Gefecht werden würde wie das vor vier Wochen, ebenso schwer und verlustreich.
Der General wollte seine Soldaten, die er nun vereint hatte, in Reih und Glied sehn, auch in Erwartung des Gefechts den Geist heben; also befahl er für den andern Tag Parade und Gottesdienst.
Da nahmen wir denn auf der weiten Lichtung Aufstellung: die Reiter, und die zu Fuß gehn mußten, und die Artilleristen bei ihren Kanonen. Die Ochsen, die schwarzen Treiber, die Kapwagen und der Himmel über der weiten Steppe sahen zu. Wir standen schön in Reih und Glied und großartig klang es: »Guten Morgen, Soldaten!« – »Guten Morgen, Exzellenz!«, aber die Pferde waren mager, zottig und müde; und die Kleider und Stiefel zerrissen; und Hunger und Krankheit stand vielen im Gesicht.
Am Nachmittag um vier traten wir zum Gottesdienst an. Der Pastor war immer bei einer andern Abteilung gewesen, so daß ich ihn erst vor einigen Tagen zum erstenmal gesehn hatte. Er war ein großer, starker Mann und trug die Uniform und die hohen Stiefel wie wir, und saß mit Gewehr und Patronengurt im Sattel. Auch jetzt, da er vor der Kiste stand, die mit einem roten Tuch bedeckt war, trug er die Uniform und die Reiterstiefel; er hatte aber ein goldenes Kreuz vor der Brust hängen und trug am Arm eine blauweiße Binde mit rotem Kreuz. Es wurde zuerst das Lied gesungen: »Wir treten zum Beten vor Gott den Gerechten«; dann fing er an zu sprechen und sagte, ein Naturvolk habe sich gegen die Obrigkeit erhoben, die Gott ihm gesetzt hätte; dazu habe es sich mit entsetzlichem Morden befleckt. Da hätte die Obrigkeit uns das Schwert in die Hand gegeben; das sollten wir morgen wieder brauchen. Möchte jeder von uns als ein braver Soldat es redlich führen. Es wäre eine ernste Stunde; es möchte wohl geschehen, daß der eine oder andre morgen den Abend nicht erlebe. Wir wollten Gottes Angesicht suchen, daß er uns etwas von seiner Heiligkeit und Ewigkeit schenke; dem, der sich ihm ergebe, habe er eine ewige Ruhe und Frieden vorbehalten. Wir merkten, daß es dem Pastor Ernst mit seinen Worten war, und daß er ganz und gar an sie glaubte; und wir wußten alle, es ginge in ein ernstes Gefecht und vielleicht in raschen Tod oder jammervolle Verwundung und traurigen Transport; und dann noch stand uns allen das bevor: schwerer, weiter, mühsamer Weg durch schreckliche Krankheiten und heißen Hunger und quälenden Durst, bis wir wieder nach der fernen Heimat kamen. Darum hörten auch alle mit großem Ernst zu. Dann nahmen wir die Hüte ab zum Gebet.
Abends um zehn Uhr machten wir uns auf. Das Land war leicht wellig, mit dünnem Busch bedeckt. Wir zogen oben auf der Höhe einer Welle entlang und sahen im Mondschein die weichen, schönen Linien der Hügel; unten in der Niederung lief ein breiter, heller Streifen, das Sandbett eines Flusses. Es wurde vier Uhr und es wurde Morgen; vom Feinde war nichts zu sehen. Aber wir dachten: wenn wir die Höhe vor uns erreicht haben, werden wir den Feind sehen. Es ging trotz der heißer werdenden Sonne weiter. Die Spitze erreichte die Höhe und verschwand. Kein Schuß. Die vordere Kompanie erreichte die Höhe. Kein Schuß. Wir sahen, wie die Artilleristen die Staubkappen von den Geschützen nahmen. Weit von vornher fielen einige Schüsse. Nun erreichten auch wir die Höhe. Vom Feinde war nichts zu sehen, als unten in der Ferne eine ungeheure schwere Staubmasse, die rasch durch die Steppe vorwärtszog.
Da war es klar, daß dem stolzen Volke aller Mut und alle Hoffnung vergangen war; daß sie lieber den Tod in der Wüste wollten, als weiter mit uns kämpfen.
Wir ruhten ein wenig an der vom Feinde verlassenen Wasserstelle und an seinen noch brennenden Feuern; dann zogen wir auf müden Pferden weiter. Gegen Abend, als wir am Flusse entlang zogen, kamen wir zu einer Stelle, wo Wasser sein sollte. Wir fanden auch einige alte Wasserlöcher, daneben Hunderte von neuen, welche die Feinde gestern gemacht hatten. Sie waren bis vier Meter tief und tiefer; aber Wasser hatten sie nicht.
Es kam aber die Meldung, daß ungefähr fünf Reitstunden weiter noch eine letzte Wasserstelle wäre, an welcher Haufen Feinde säßen. Da wurde beschlossen, daß wir sie da noch vertreiben müßten und wollten. Wenn wir sie von dort verjagt hatten, dann blieb ihnen nichts weiter als das Sandfeld.