Er kam gerade von einem solchen Streifzug zurück. Wenn seine Mutter, eine Bürgermeistersfrau, ihn gesehn hätte, hätte sie sich entsetzt: sein Haar war rattenkahl geschoren, sein Bart war stoppelig, sein Rock war dreckig, seine Hosen nicht ohne Risse und seine Stiefel waren ziemlich heruntergetreten; ein halbes Dutzend Perlhühner, die er auf dem Rückweg geschossen hatte, hingen an einem Riemen aus frischer Ochsenhaut von der Schulter; und als er nachher seine Brust etwas öffnete, sah ich, daß er wenigstens heute kein Hemd hatte: es war wohl in den wringenden Händen des dürrbeinigen Buschweibes. Er freute sich sehr, als er uns sah und erzählte uns, über sich selbst spottend, von seiner hiesigen Bedeutung und täglichen Tätigkeit. Dann lud er uns zum Mittagessen ein.

Nun war es immer so, daß, wenn man Kameraden von einer andern Abteilung traf, man über dreierlei sprach, zuerst über den Feind, dann über Ereignisse im Heer, zum dritten über allerlei Kochkunst. Nachdem Punkt eins und zwei genügend besprochen waren, führte er uns mit wichtiger Miene zu einer Stelle in der Ecke des Lagers, wo ein wenig dünner Rauch aus der Erde stieg. Er nahm ein Stück Holz und schob die Erde vorsichtig zur Seite; da kamen zwei Kochgeschirre heraus, eingepackt in Kuhmist, der leise glühte. Zwei Mann kamen heran und hoben die Geschirre mit großer Geschicklichkeit aus der Grube hervor und der Leutnant erzählte, daß die Geschirre sechzehn Stunden in dieser Glut gestanden hätten. Dann nahm er den Deckel ab, und forderte uns mit Stolz auf, daran zu riechen. Da war es eine schöne Bouillon und das Fleisch war auch mürbe. Wir mußten es sehr loben und aßen es auch gern; wir waren aber etwas bedrückt, daß sie und nicht wir diese große Erfindung gemacht hatten.

Als wir nun so umhersaßen, jeder seinen Kochgeschirrdeckel in der Hand, hatte der rothaarige Leutnant noch eine andre Überraschung: eine ziemlich neue Nummer einer Südwestafrikanischen Zeitung. Da sie in seinem Lager schon von Hand zu Hand gegangen war, war sie schon sehr schmutzig und lappig geworden; doch griff unser Leutnant eilig danach und breitete das Blatt aus und sah, von ungefähr oder nicht, auf die Stelle, wo neue Dekorierungen standen: da sah er plötzlich auf, mit zusammengebissenen Zähnen, und sah nach dem Gebannten, der ein wenig seitwärts von uns saß und nach seiner Weise vor sich hin auf die Erde sah, nannte seinen Namen und sagte: »Kamerad, sehn Sie mal hier!« Der fuhr aus seinen Gedanken auf und kam und kniete hinter ihm und sah auf die Stelle, die jener zeigte und atmete kurz und schwer. Der Leutnant sah uns an und sagte leise: »Er ist zur Dekorierung eingegeben.« Da konnte der Gebannte sein heftiges, innerliches Schluchzen nicht mehr zurückhalten; er weinte sehr; wir aber umdrängten ihn und schüttelten ihm die Hand, die meisten mit feuchten Augen. Dann schrieb er eine Postkarte an seine Frau und Kinder, und wir alle mußten unterschreiben: ein Leineweber aus Oberschlesien, ein Schornsteinfeger aus Berlin, ein Knecht aus Oldenburg, ein Graf aus Bayern, ein Schlossergesell aus Holstein und andre. Wir waren noch alle in Fahrt und Aufregung über diese Begebenheit, da kam der Posten vom Viehkraal her und meldete: »Herr Leutnant, die bunte Kuh will kalben und kann nicht.« Der rote Leutnant sah ganz perplex darein: »Was?« sagte er, »kann nicht? Natürlich kann sie.« Da lachten wir über ihn und waren sehr gemütlich; und der Knecht aus Oldenburg half der Kuh. Dann ritten wir weiter. Von einer guten Wasserstelle wußte der Rote nichts; er sagte, man müsse sich das Trinken abgewöhnen.

Nachmittags, auf dem Rückweg zu unsrer Abteilung, überholten wir eine Proviantkolonne, mit deren Führer sich unser Leutnant eine Zeitlang unterhielt. Die andern sprachen derweil mit der übrigen Bedeckung. Ich aber konnte meine Augen nicht von einem Treiber abwenden, der, die lange Peitsche über der Schulter, mit langen, würdevollen Schritten neben seinen Ochsen herging. Hinter ihm ging seine Frau, ein kleines zweijähriges Kind im Tuch auf dem Rücken; dann kamen, weiter im Gänsemarsch, nach der Größe abgestuft, noch drei halbwüchsige Kinder. Eine Scheckpfeife, die gemeinsames Eigentum der Familie war, ging vom Mann die Reihe entlang bis zum letzten kleinen Achtjährigen, der sie, nachdem er einige Züge getan hatte, im Trab vorlaufend, seinem Vater wiederbrachte. Nur das kleinste hatte für den Tabaksgenuß noch kein Interesse; es versuchte – und ich glaube mit Erfolg – von seinem Sitz auf dem Rücken der Mutter, nach ihrer Brust zu langen, die lang und schlaff auf den Leib herunterhing.

Als ich noch in Betrachtung dieses Bildes dahinritt, rief mich der Leutnant und sagte mir, daß, nach der Aussage des Kolonnenführers, der oberste von unsern Ärzten, selbst krank, und mit einem einzigen kranken Begleiter und einem schwarzen Diener, vor etwa drei Stunden diese Pad gezogen wäre, um unsre Abteilung zu erreichen; nun wäre aber seine Spur nicht zu finden und es wäre zu befürchten, daß er eine andre Pad gezogen wäre, die ihn nicht zu einer Wasserstelle führen würde. Ich sollte mit zwei Mann reiten und sehn, ob ich ihn fände und ihn zu unsrer Abteilung geleiten.

Ich war sehr froh über den Auftrag und vollführte ihn mit besonderem Glück; denn als wir etwa eine Stunde zurückgeritten waren, wobei ich jede Spur, die über die Pad lief, wie ein alter Jäger betrachtete, entdeckte ich zu meiner großen Freude, daß die drei Reiter an einer Stelle, die sandig genug war, die Spur deutlich zu zeigen, nach rechts von der Pad abgebogen waren, um den Versuch zu wagen, das Lager auf dem kürzesten Weg quer durch den Busch zu erreichen. Wir verfolgten nun also ihre Spur und sahn die drei einsamen Reiter bald vor uns in sehr dünnem Busch, wie sie auf sehr müden Pferden dahinzogen. Links ritt der Doktor, an seiner kurzen, kräftigen Figur zu erkennen; ich hatte ihn vor dem letzten Gefecht mehrmals gesehn. Sein Begleiter, der zur Linken ritt, hing im Sattel als wenn er schliefe; dann und wann langte der Doktor nach ihm, um ihn zu halten oder ihn aufzurütteln. Der schwarze Diener ritt als Wegführer einige zwanzig Meter voran. Ich schüttelte den Kopf darüber, daß der Arzt mit so geringer Begleitung und Bedeckung von Lazarett zu Lazarett kreuz und quer durch dies weglose, durstige und von feindlichen Horden durchstrichene Land reiten mußte, und setzte mein müdes Pferd in Trab. Da sah sich der schwarze Diener auch schon um und meldete uns. Der Doktor gab seinem Begleiter wieder einen Knuff, wandte sein Pferd und nahm sein Gewehr aus dem Schuh. Da viele Feinde unsre Uniform trugen, auch unsre Schlapphüte, unter denen unsre verbrannten Gesichter fast schwarz aussahn, zumal ja die Sonne fast senkrecht herunterschien, so hielt er uns vorläufig für Feinde. Als wir aber die Hüte abnahmen, erkannte er uns. Da sah ich denn, daß sein Begleiter schwer krank war und sich nicht recht mehr im Sattel halten konnte, und daß der Doktor selbst, der beim Gefecht, vor vier Wochen, noch stattlich und frisch ausgesehn hatte, sehr zusammengefallen war und müde und fiebrig aus tiefliegenden Augen sah. Er war seit sechs Wochen von Abteilung zu Abteilung geritten und hatte gestern und heute siebzig Kilometer gemacht und in zwanzig Stunden nicht geschlafen. Während er mich nach woher und wohin fragte und aus meinem Wassersack trank und, dazwischendurch, den Schwarzen auslümmelte, der aus lauter Gleichgültigkeit und Faulheit den Wassersack nicht gefüllt hatte, halfen die Kameraden dem Begleitsmann vom Pferd und führten ihn abseits, daß er sein Bedürfnis verrichtete. Dann hoben wir ihn mit aller Macht aufs Pferd, und ritten langsam weiter.

Spät abends kamen wir todmüde zu unsrer Abteilung, die an vertrockneten Wasserlöchern die Nacht zubrachte. Es war eine sehr kalte, unfreundliche Nacht. Ein scharfer, schneidender Wind fuhr über die Steppe und jagte feinen, dürren Sand über die verdurstenden Menschen und Tiere.

Am folgenden Tag kamen Gewitter über uns hin. Wie von allen Seiten stieg dunkles Gewölk auf; Donner rollten gewaltig über die weite Ebene, glühende Peitschen zuckten lang über den Himmel; Regen fuhr nieder. Aber nach einer Stunde war alle Feuchtigkeit wieder weg und ein stürmischer Wind blies uns den Sand ins Gesicht, daß wir Augen und Mund nicht öffnen konnten. Wir schützten uns abends im Biwak vor der schneidenden Kälte, indem wir Zeltbahnen als Windschirme aufstellten; in deren Schutz kochten wir mit schlechtem Wasser bei kümmerlichem Feuer unsre alltägliche Mahlzeit, zähes Fleisch und Reis, und redeten stumpf und wenig. Fern im Osten standen mächtige Rauchwolken, von Feuer durchglüht. Der Feind verbrannte auf seinem Rückzug in die Wüste die spärliche, trockne Weide.

Am andern Tag, vor Mittag, sollten wir an einer Stelle im trocknen Flußbett Wasser finden. Wir fanden auch Löcher; sie waren aber leer. Da stiegen zwanzig Mann hinein und gruben sie tiefer; aber es kam kein Wasser. So konnten wir also weder trinken noch kochen. Auch die Pferde konnten, ungetränkt, nicht weiden; die vertrocknete Schleimhaut konnte das trockne, grobe Gras nicht verarbeiten. Es blieb nichts übrig als weiter zu ziehn. Wir stiegen ab und führten die Pferde und gingen im tiefen Sand und heißer Sonne, mit ausgedorrtem Halse, gegen wehenden Sand an, ein langer, müder Zug. Ab und zu strauchelte ein Pferd; der Reiter riß es hoch und redete ihm zu, freundlich oder barsch. So wurde es Nacht und dunkel. Der Boden wurde steinig und hart, und wir konnten die Spur nicht mehr sehn. Da machten wir Halt, stellten Wachen rund um uns, zündeten einige Feuer an und lagen dumpfschlafend auf der Erde. Die Pferde standen und lagen neben uns an den Feuern.