Wir waren nach Mitternacht ausgezogen und ritten bis neun Uhr. Da sattelten wir ab und rasteten. Wir hatten aber noch nicht lange im Schatten einiger Büsche gelegen, da spürten wir einen brenzligen Geruch, der rasch stärker wurde, so daß wir es trotz unsrer Gleichgültigkeit für richtig hielten, uns nach der Ursache umzusehn; da kam auch schon der Posten gelaufen und sagte, daß der Wind einen mächtigen Grasbrand auf uns zutriebe. Wir schimpften auf den Feind und standen auf und sattelten schon in aller Eile; denn Qualm und Feuer, das durch den Qualm grell blinkte, kam in breiter Front auf uns zu. Da unsre Pferde unruhig wurden, sich bäumten und durcheinander fuhren, gingen wir, so rasch wir konnten, ohne irgendeine Verabredung, die Pferde an der Hand, nach einer Stelle, wo die Lichtung sich senkte. Wir waren eben da und hatten eben angefangen, noch eine kleine Strecke Gras abzuschneiden und zu raufen: da kamen sie schon an wie eine kleine glühende Kinderschar, die, sich an den Händen haltend, vorwärts tanzte; hier und da sprang eine höher als alle andern und duckte sich gleich; im Springen brausten und bliesen sie einen entsetzlich dürren, heißen Atem vor sich her, den sie uns in Mund und Augen jagten. Einige von uns hatten von dem kalten Kaffee, den sie in ihren Wassersäcken hatten, auf ihre Taschentücher gegossen; andere duckten sich hinter ihren Pferden; andre drückten ihr Gesicht gegen die feuchten Wassersäcke. Dann gab es einen kurzen Augenblick großer Verwirrung; die Pferde bäumten sich wild, der Atem stand, ein Kamerad stolperte und wurde hochgerissen. Da war es vorüber. Wir sahen aus wie die Schornsteinfeger, schimpften und schüttelten die Köpfe und sahen uns an; und mußten zuletzt über das Abenteuer lachen. Ich aber lachte noch besonders in mich hinein, da ich an den Schelmen von der holsteinischen Heide dachte, den seine Mutter zuweilen in den Backofen geschoben hatte, wie er sagte. Dem hätte ich dies Abenteuer gegönnt.

Abends gelangten wir an Wasserlöcher, die vertrocknet waren; wir gruben sie etwas tiefer und schliefen die Nacht, indem wir die Sättel im Kreise hinlegten und jeder sich hinter seinen Sattel legte. Die Pferde wurden in aller Eile auf einem ziemlich guten Weideplatz mit gesammelten und abgehauenen Dornzweigen eingekraalt. Der Leutnant und der Gebannte wachten abwechselnd im Kreis der Schlafenden; zwei Posten, stündlich abgelöst, umkreisten sie; ein Mann stand im Pferdekraal.

Als die Reihe der Wache an mich kam und ich hinausging, war die Nacht so bitter kalt, daß ich mir allerlei Bewegung machte, um ein wenig Wärme zu halten. So stieg ich auch zweimal auf einen niedrigen, verfallenen Termitenhaufen und sah nach den Feuern, die hier und da, meist aber ziemlich fern, durch die Nacht leuchteten. Dabei fiel mir eines auf, das nicht weit von uns im dichten Busch brannte. Ich merkte es mir und sagte es bei meiner Ablösung dem Leutnant, der neben dem heruntergebrannten Feuer auf der Erde saß.

Da machten wir uns vor Morgengrauen auf und entdeckten richtig die Stelle im Busch und umschlichen sie. Sie hockten, fünf Mann, und acht oder zehn Weiber und einige Kinder um das trübe, kleine Feuer, in Lumpen, ganz erstarrt. Wir drohten ihnen, daß sie sich nicht rühren sollten, und durchsuchten die Bündel, die neben ihnen lagen, und fanden zwei Gewehre und gestohlene, wahrscheinlich unsern Toten geraubte Unterkleider; der eine der Männer aber trug einen deutschen Waffenrock, der die Namenzeichen eines unsrer gefallenen Offiziere trug. Da führten einige von uns die fünf Männer zur Seite und erschossen sie. Die Weiber und Kinder, die jämmerlich verhungert aussahen, jagten wir in den Busch.

Als wir wieder an die Stelle kamen, wo wir übernachtet hatten, war in die tiefer gegrabenen Löcher so viel Wasser gesickert, daß wir jedem Pferd ein Kochgeschirr voll geben konnten und auch ein wenig in unsre Wassersäcke taten. Das Wasser war im Geschmack nicht so ganz übel; es hatte aber, wie fast überall im Sandfeld, einen Gehalt von Glaubersalz und hatte davon, wie der Leutnant es nannte, eine entschieden durchschlagende Wirkung.

Wir fanden diesen ganzen Tag keine gute Wasserstelle und der Leutnant war sehr ärgerlich, während wir uns immer noch freuten, daß wir einmal wieder aus dem Kompanieverband heraus waren und allein durch das weite, grenzenlose Land zogen. Während wir bis an den Abend ritten, erzählte er uns seinen Plan, daß wir unsern nächsten kleinen Posten aufsuchen sollten, der schon seit einigen Wochen in der Nähe kampierte, um feindliche Horden am Rückzug in die Heimat zu verhindern. Bei dem wollte er sich befragen.

Aber gegen Abend, ehe wir nach den Angaben, die wir bekommen hatten, bei jenem Posten sein konnten, wurden die Büsche plötzlich üppiger, das Gras saftiger, einige große Bäume stiegen aus dem Busch, einige Hühner flogen auf: kurz, wir merkten, daß wir an Wasser kamen, wurden sehr froh und stolz, daß wir so findige Leute wären, und setzten unsre müden Tiere in Trab. Und sieh da, seitwärts auf der Lichtung, wahrhaftig, da war ein kleiner Teich oder mehr nur eine Pfütze mit blankem Wasser. Wir kamen an, stiegen ab, und einige knieten schon und tranken; die Pferde standen bis zum Knie im Wasser neben uns. In dem Augenblick kam ein fremder Kamerad die Anhöhe herunter gelaufen und schrie: »Ums Himmels willen, trinkt nicht von dem Wasser. Trinkt nicht: es ist Typhus darin.« Wir ließen ab und schoben die Schultern hoch; einige wurden ernst; andre lachten leichtfertig. Oben auf der Anhöhe war ein kleines Feldlazarett neu eingerichtet, das wir noch nicht kannten. Wir blieben diese Nacht in der Nähe, doch abseits von den Typhuskranken und abseits von dem bösen Teich. An seinem Wasser hatten sich – wie sich nach einigen Tagen und Wochen zeigte – sechs von uns den Typhus getrunken und zwei davon den Tod.

Am andern Morgen zogen wir in aller Frühe weiter und fanden gegen zehn Uhr richtig den Posten, den wir suchten.

Sie hausten, fünfzehn Mann, auf einer Lichtung in einem kleinen Lager, das sie rundum mit einem Dornverhau verschanzt hatten. Innerhalb dieses Verhaus hatten sie sich zwei Laubhütten gebaut und ein großes Kochloch gemacht. Außerhalb gingen in einiger Entfernung ihre Pferde und ihr Vieh, nämlich vier Kühe, die sie sich aufgegriffen hatten und die sie melkten. Dazu hatten sie sich ein ältliches Buschweib gefangen, das ihnen die Wäsche besorgte und Holz sammelte. Der Leutnant, ein untersetzter Mann mit rötlichem Haar, der den Posten befehligte, hatte wegen seines Haares und weil er unermüdlich tätig und sehr findig war, streifende feindliche Banden zu erspähen und aufzuheben, den Namen »der rote Freibeuter« bekommen.