Als der Hamburger Zug kam und sie einsteigen mußten, bat mich mein Vater, ich möchte ihm irgendeine Kleinigkeit mitbringen, ein Horn, oder einen Schmuck der Feinde, oder so was. Ich glaube: das hatte er sich aufgespart, damit er im letzten Augenblick etwas zu sagen hätte. Meine Mutter aber umarmte mich plötzlich mit Weinen. Da sie mich seit meiner frühesten Kindheit niemals mehr umarmt hatte, erschrak ich und sagte: »Was tust Du, Mutter?« Sie sagte: »Ich weiß nicht, mein Sohn, ob ich Dich wiedersehe.« Ich lachte und schüttelte ihre Hände und sagte: »Es ist ja gar keine Gefahr! Ich will schon wiederkommen!« Die Eltern von Behrens waren auch auf dem Bahnhof.

Als ich im Dunkeln nach der Kaserne zurück kam, war da ein großes Leben. Eltern, Geschwister, Verwandte, Bräute und Bekannte waren gekommen; sie tanzten und tranken und redeten. Da war einer, der hatte das eiserne Kreuz von 70 her, ein älterer Mann und Vorarbeiter auf der Werft; dessen Jüngster ging mit hinaus. Der stand auf und sprach einige Worte von Fahneneid und Tapferkeit, so, als wenn es gegen einen ernsthaften Feind ginge; aber wir hörten ihm doch gerne zu. Ja, wir wurden von seinen Worten Feuer und Flamme und vergaßen gern, daß wir wußten, es ginge gegen Flitzbogen und Holzkeule. Wir wollten ehrlich streiten, und wenn es sein mußte, auch sterben für die Ehre Deutschlands.

Um Mitternacht nahmen wir auf dem Hofe Aufstellung und gingen dann mit vollen Kapellen durch die Stadt.

Wenn ich hundert Jahre alt werde, so vergesse ich doch niemals diese nächtliche Stunde, als Tausende von Menschen mit uns zogen und in unsere Sektionen drangen, uns anriefen, grüßten und winkten, und Blumen auf uns warfen und unsere Gewehre trugen und uns zum Bahnhof brachten. Der Platz vor dem Bahnhof war schwarz von Menschen.

Auf der Bahnfahrt nach Wilhelmshaven schlief und döste ich so vor mich hin. Auch die andern waren müde. Als wir ankamen, ging ich mit einigen andern in eine kleine Wirtschaft nicht weit vom Hafen und bekam für viel Geld ein wenig schlechtes Essen. Um vier Uhr nachmittags traten wir wieder an und gingen unter dem Zuschauen vieler Menschen, die aus der ganzen Umgegend zusammengelaufen waren, zu zweien, mit voller Bepackung, die lange, schmale Holztreppe hinauf, die vom Kai auf das hohe Schiffsdeck führte. Es war ein heller, bitterkalter Wintertag.