III
Wir stiegen zwei kurze Treppen hinunter und kamen in einen ziemlich großen, niedrigen Raum, der so ganz und gar und so dicht mit Bettstellen belegt war, daß wir uns wunderten. In zwei Stockwerken standen sie über- und unter- und hart beieinander. Sehr schmale Gänge liefen zwischen ihnen hin und an den Wänden entlang. Ich bekam ein unteres Bett.
Da stellten und legten wir nun an und über unser Bett alles hin, was wir hatten: Gewehr, Tornister und Kleidersack. Und packten und hantierten und standen inzwischen an den Bullaugen und sahen aufs Wasser, und waren sehr lebhaft und guter Dinge, wie immer in einem neuen Quartier; und wurden nur fortwährend durch das Zittern, das vom Gang der Maschine her durch das ganze Schiff ging, erinnert, daß dies unser Quartier uns in die weite Ferne trug. Wir aßen im selben Raum, an der Seite, an langen Tischen, und bekamen an diesem Abend Erbssuppe und Kaffee.
Nachher ging ich noch einige Zeit hinauf und stand im Windschutz der ersten Kajüte an der Reeling und sah nach der Küste hinüber. Ich sah aber im Dunkeln nichts weiter als von den Lichtern des Schiffes einen gelblichen, wirren Schein in schwarzen, schwer rauschenden Wellen, und in der Ferne einige stillstehende Lichter, wohl von Leuchttürmen oder Feuerschiffen; und am Himmel die Sterne. Da wurde ich von dem Gedanken bedrückt, daß ich fortgebracht würde und mich nicht dagegen wehren könnte und in der Fremde vielleicht Furchtbares erleben müßte. Ich fand aber Hilfe, als ich vor Gott gelobte, daß ich gut und fröhlich und mutig sein wolle, was mir auch geschähe.
Am andern Morgen sahen wir nichts als weites, dunkelgraues Meer, soweit das Auge sah. Am Horizont standen einige Rauchwolken und einige kleine Segel. Wir gingen zum Appell an Deck und bekamen jeder auf unsern linken Arm einen Anzug aus leichtem braunen Leinen, das Khaki heißt, und große, topfartige, hellbraune Helme aus Kork, sogenannte Tropenhelme. Wir wunderten uns und lachten; und gingen in unsern Schlafraum und probierten die Helme und machten viel Unsinn. Nachher befestigten wir Knöpfe an die Anzüge. Wir standen aber viel an den Bullaugen und sahen hinaus. So waren wir den ganzen Tag sehr tätig. Einige schrieben schon die ersten Ansichtspostkarten.
Am Spätnachmittag stand ich noch längere Zeit mit Heinrich Gehlsen vorn an der Back und redete mit ihm über die Kinderzeit. Nachher kamen noch einige andere Einjährige, davon der eine ein Arzt war – wie ich nachher erfuhr –; und fingen an mit ihm zu reden. Da sie aber begannen von gelehrten Dingen zu sprechen, ging ich fort. Ich bin nachher häufig mit Gehlsen zusammengekommen. Er war nur klein von Figur und von Gesicht zart; aber es stak ein ganzer Mann in ihm. Er war auch nachher im Busch umsichtig, anschlägig und tapfer.
Am zweiten Tag standen wir lange an der Steuerbordreeling und sahen nach der Küste von England hinüber, welche, gar nicht fern, mächtig schroff und stark aus dem Wasser aufstieg, und nach den Fischerböten, welche mit ihren grauen oder schwarzen Segeln in großer Zahl auf dem weiten, bewegten Meer lagen. Als ich dies große, weite Bild sah, dachte ich daran, daß wohl so klein und noch kleiner jene Fahrzeuge gewesen waren, mit denen einst vor tausend und mehr Jahren unsere Vorfahren dicht über den Wogen, ja fast zwischen ihnen, diesen rauhen Weg übers Meer gefahren waren, den wir jetzt fuhren; und ich malte mir die wilden Kämpfe aus, die sie bestanden hatten, ehe sie oben auf diesen hohen, starken Ufern Hütten gebaut und Heimat gefunden hatten. An dies alles dachte ich und freute mich, daß ich einen so guten Lehrer gehabt hatte und daß ich wohl als der erste von allen, die mit mir die Itzehoer Volksschule besucht hatten, diese Gegend mit meinen Augen sah.
Als ich noch so stand, ging der Stabsarzt an mir vorüber; neben ihm ging ein Oberleutnant zur See. Sie wollten wohl einen Matrosen besuchen, der krank war. Wir hatten nämlich auch ein Kommando Matrosen an Bord, welches zum Ersatz für den Habicht hinausfuhr. Sie blieben eine Weile nicht weit von mir an der Reeling stehen und ich hörte, wie der Oberleutnant zu dem andern sagte: »Wir Seeleute denken anders über die Engländer, als die Menschen drinnen im Lande: Wir treffen sie in allen Häfen der Erde und wissen, daß sie von allen die respektabelsten Leute sind. Da hinter den hohen Kreidefelsen wohnt doch das erste Volk der Erde, vornehm, weltklug, tapfer, einig und reich. Wir aber? Eine einzige ihrer Eigenschaften haben wir von alters her: die Tapferkeit. Eine andre gewinnen wir langsam: den Reichtum. Ob wir den Rest jemals bekommen: das ist unsre Lebensfrage.« Ich wunderte mich über das Wort. Aber nachher sprachen auch die alten Afrikaner, die ich kennen lernte, mit großer Hochachtung von den Engländern.
Das Wetter war kalt, hell und windig. Wir sahen kleinere Schiffe auf den Wogen auf- und niedergehen; aber unser großes Schiff rührte sich nicht viel, und es waren nur Einige ein wenig seekrank. Ich konnte es nicht ertragen, das lange, lange Deck entlang zu sehn, wie es sich langsam ein wenig hob und dann wieder hinunterging. Es erschien mir so unvernünftig und unglaublich, und es legte sich ein Druck auf den Vorderkopf und auf den Leib. Auch andern ging es so. Aber wenn ich mich dann zusammennahm und mich aufrichtete und hin und her ging und weit übers Meer sah, verging es wieder. Aber als wir aus dem Englischen Kanal heraus und in das Gebiet der Biscaya kamen, da wurde es plötzlich schlimm.
Ich stand gerade in Gedanken vor meinem Bett, Behrens neben mir; wir besahen gemeinsam ein Bild seiner Eltern, das sie ihm mitgegeben hatten. In dem Augenblick hob und schob sich ganz plötzlich der Boden schräg unter unsern Füßen, während im gleichen Augenblick ein mächtiges Krachen, Klirren, Fallen und Schreien von überall her kam und wir beide übereinander und über das Bett fielen, und mit Armen und Beinen nach allen Richtungen Hilfe und Stützen suchten. Mühsam kamen wir wieder hoch und griffen nach den eisernen Stangen, welche die Bettstellen trugen, und torkelten, indem nun die andere Seite des Schiffes gewaltig hoch fuhr, gegen die andere Bettreihe; und strebten aus den Bettreihen heraus, als wenn da Rettung wäre. Ich hatte aber erst wenige Schritte gemacht, da war mir zumute wie damals, als ich zwölfjährig die erste Zigarre geraucht hatte. Ein Druck lag mir schwer auf dem Kopf, und mein Magen stieg und stieg zum Hals hinauf. Mein ganzer Mut und all meine Lebenslust war weg, und Angstschweiß tropfte mir von der Stirn. Da ging ich taumelnd und kläglich den Gang wieder zurück und warf mich auf mein Bett. Es war nur gut, daß ich nicht in ein oberes Bett hinauf mußte.