Es war eine schlimme Nacht. Wenn ich jetzt, nach zwei Jahren, daran denke, wird mir noch wieder schlimm zumute und ich muß schlucken. Was war das für ein Gespuck und ein Gewürge! Viele jammerten, als ob ihr letzter Tag gekommen wäre. Bloß einer, der ja wohl von der Kinderflasche an Seewasser getrunken hatte, oder auf irgendeine andere Art einen ausgepichten Magen hatte, lachte zuweilen auf, und zwar so heimlich und von Herzen, als wenn unter lauter heulend Verdammten ein Engel lacht, aus seiner schönen und sichern Seligkeit heraus.

Als ich gegen Morgen aus schwerem, dumpfem Schlaf erwachte, war es etwas ruhiger. Doch stöhnten noch viele. Der Ausgepichte aber pfiff leise und gemütlich. Da wurde ich zornig und überredete mich und nahm all meinen Willen zusammen und achtete auf das Hin- und Herfallen des Schiffes und dachte: ›Sieh! Hier geht es hin, da geht es hin. Es kann nicht anders. Es muß so. Und alles, was dran und drin ist, muß mit. Es kann nicht anders sein und es ist nichts dagegen zu machen, und daß man sich dagegen auflehnt, ist ein Unsinn. Geh hier hin! So! Kannst du nicht weiter? Dann geh dahin! So! Kannst du nicht weiter? Dann geh wieder nach der andern Seite!‹ So redete ich und wurde munter; und hörte dem Ausgepichten zu und merkte, daß er gut im Takt pfiff, in dem das Schiff hin- und herging.

Da merkte ich, daß es besser mit mir wurde, und gleichzeitig, daß eine schreckliche Luft im Raum war. Ich setzte mich bedächtig aufrecht im Bett, dann nahm ich vorsichtig die Füße herunter. Dreimal stellte ich mich auf die Füße, und dreimal setzte ich mich wieder hin. Dann ging ich stolpernd und ganz langsam und vorsichtig, als hätte ich einen Magen von dünnem Glas, und kam glücklich hinaus. Ich tappte mit beiden ausgestreckten Armen nach der Reeling und fiel gegen sie und atmete die frische Luft und starrte dumm und dumpf in den nachtgrauen Morgen.

Und da, als ich so stand und auf das Zittern des Schiffes und auf sein schweres Wiegen achtete und auf die großen, schwer aufrauschenden und schäumenden Wogen starrte, hatte ich noch wieder ein besonderes Glück. Ich sah, nicht weit von unserm Schiff, einen mächtigen Segler dahingleiten. Alle seine ungeheuren Segel hoch, lag er schräg vorm Wind, daß ich im grauenden Morgenschein das ganze Deck sehen konnte und den Steuermann im dicken Mantel so recht gemütlich auf dem Skylight sitzen sah, die kurze Pfeife im Mund. Es hob und senkte sich, von der Back bis zum Heck, schwer und machtvoll; aus zwei Fenstern kam heller Lichtschein. So zog es, eine mächtige Erscheinung, wie voll von einer ruhigen, großen Seele, lautlos, schön und mühelos im dunkelgrauen Morgen die dunkle, wilde Meerbahn. Ich habe niemals etwas Schöneres gesehen, von Menschen gemacht. Und ich wurde gesund davon.

Es wurde nun Tag für Tag wärmer. Nicht weil der Frühling kam, sondern weil wir immer weiter nach Süden fuhren und die Sonne also immer senkrechter auf uns fiel. Die Sonne strahlte, das Meer war wieder ruhig. Wir waren vormittags sehr fleißig. Es war überm Heck ein Balken aufgestellt, der an seinem oberen Ende eine Scheibe trug; danach schossen wir mit unseren neuen Gewehren. Die Offiziere schossen auch, jeder mit seinem Revolver; und jeder prahlte mit seiner Waffe. Nachmittags saßen wir auf dem Deck umher, reinigten die Gewehre, oder flickten, oder wuschen; und unterhielten uns und sangen dazu. Abends saßen wir im Kreise und erzählten uns Kasernengeschichten aus Kiel, oder es erzählte jeder aus seiner Heimat. Einige Schelme konnten Stücke vortragen, die sie gelernt hatten, oder aus der Luft griffen. Es ging alles auf Hochdeutsch. Sie neckten uns Holsteiner aber, weil wir das »s« so zwischen die Lippen nahmen, als wäre es eine Nadel. Ich freute mich, daß wir Schleswig-Holsteiner an Bord zufällig lauter ordentliche Leute waren. Es gibt ja auch in unserer Provinz kümmerliche Menschen.

Wir sprachen natürlich auch viel über die nächste Zukunft und ärgerten uns sehr, wenn wir daran dachten, daß der Aufstand vielleicht niedergeschlagen sein könnte, wenn wir einträfen, und wir also vielleicht gar nicht von Bord kämen. Wir wollten doch wenigstens das Land betreten haben und nachher zu Hause von den afrikanischen Urwäldern, Affenherden und Antilopenrudeln erzählen können und von Strohhütten unter hohen Palmenschatten.

Einige spielten immer Skat. Ihr Eifer wurde immer größer; ihre Karten immer schmutziger. Es war ihnen ganz einerlei, was um sie vorging. Ob wir zu ihnen sagten: »Ihr da, da sind fliegende Fische zu sehen! Sie schwenken ein wie Schwadronen!« Oder: »Ein großer englischer Dampfer kommt vorüber!« Oder: »Ihr da, seht mal auf, wie schön die Sonne untergeht: das ganze Meer bis zu ihr hin ist goldgrün, und jede Welle hat einen blauschwarzen Kamm.« Oder: »Wir sehen den Rücken von einem Walfisch!« Oder: »Habt Ihr schon Meerleuchten gesehn? Geht doch mal nach dem Heck und seht, wie die aufbrodelnden Wellen ganz voll von warmem, rotem Feuer sind.« Aber sie sahen nicht auf. Sie schüttelten ärgerlich den Kopf; oder sagten: »Guck Dir das man genau an!« und spielten weiter. Sie spielten um nichts.

Es waren ziemlich viele Kleine und ganz Junge unter uns, zwanzig Jahre alt und noch darunter. Ich glaube, von ihnen hatte mancher schweres Heimweh. Und einige von ihnen erschraken, so schien es mir, über alles Neue, das sie sahen. Es war ihnen verwunderlich und fast unheimlich und sie wurden immer stiller. Ich dachte darüber nach: wie wohl diese so Jungen, so Stillen sich machen würden, wenn wir jetzt in einen wirklichen, harten Krieg hineingingen. Wir gingen in einen wirklichen, harten Krieg hinein. Sie haben sich alle gut gemacht.

Andere saßen in einer Ecke und übten stundenlang, eine Kapelle zustande zu bringen. Der eine hatte einen Kamm quer vorm Mund, der andere klapperte mit Holzstücken, der dritte pfiff durch die Finger; unsere Spielleute lieferten Flöte und Trommel. Ein kleiner Schlesier war der Hauptmakker. Er war es auch, der an jedem Abend die Lieder anstimmte, die wir zusammen sangen. Und besonders war es ein Lied, das wir sangen, daß es weit und traurig übers Meer klang: ›Nach der Heimat möcht' ich wieder.‹ Wenn ich jetzt im Geist die einzelnen Gesichter sehe, die es damals sangen, wird mir das Herz still, und ich muß die Lippen zusammenpressen.