Es wurde immer wärmer und sonniger. Wir kamen in die Höhe der Straße von Gibraltar. Wir zogen die blauen Anzüge aus und zogen die leinenen braunen Khakisachen an. Immer, Tag und Nacht, zitterte das Schiff vom Gang der Maschine, wie der menschliche Körper vom Schlag des Herzens. Gott mag wissen, wie viel mal sie sich gedreht hat. Das Meer war immer gleicherweise sonnig, scheinend weithin. So jagten wir nach dem Süden, immer weiter, Tag und Nacht. Ich wunderte mich, wie groß die Welt war. Eines Tages sah ich auf der großen Karte, welche an der Treppe hing und auf welcher die tägliche Stellung unsres Schiffes bezeichnet war – wir standen oft in Haufen vor dieser Karte –, daß nun bald die Insel Madeira kommen mußte.
Und am andern Morgen schon, in aller Frühe, als ich sofort nach der Back ging, um Ausschau zu halten – viele standen schon da –: da lag vor uns, nicht mehr fern im Meer, ein buntes Eiland. Es erhoben sich rauhe Felsen breit, wuchtig und kahl, von denen der mittlere alte breite Festungsmauern als schwere Krone trug. Davor aber, vom Strand sanft aufsteigend, breitete und dehnte sich eine ziemlich große Stadt von weißen, plattdachigen Häusern, die sich weiter nach oben hin, rund zu Füßen der alten Feste, in üppigem Grün, in Wäldern und Blumenfeldern verloren.
Immer näher kamen wir dem schönen Wunder. Wir standen und staunten und glitten in die Bucht hinein, wie neugierige Kinder dem Bilderbuch näherrücken, bis wir dicht davor waren. Da hörten wir auf das Schreien und Zurufen unter uns und sahen unter uns Böte dicht am Schiff, deren Insassen aussahen wie Italiener, dunkelbraun von Haut und bunt gekleidet. Sie standen aufrecht in Böten und hielten Fruchtkörbe in die Höhe und riefen zu uns hinauf. Wir kauften aber nichts, da wir wußten, daß wir an Land kommen würden.
Am Vormittag noch ging ich mit vielen andern die schmale Holztreppe hinunter, die draußen an der Schiffswand hinabgelassen war, und stieg in eins unsrer großen Boote, und wurde an Land gerudert. Wie war alles neu! Und wie war alles bunt! Unser Leutnant hatte uns gewarnt: »Ich will Euch was sagen: Kauft nicht so dumm drauf los! Es ist nicht alles, was bunt ist, schön und echt. Und nehmt Euch mit dem Wein in acht!« Aber es dauerte nicht lange, da standen hier zwei, dort drei, dort fünf und sechs in den weit geöffneten und niederen Läden und kauften für ihre Schwestern und Bräute Blusen und Tücher, alles aus leuchtender Seide in allerschönsten Farben. Und sie riefen mich an und sagten: »Du mußt doch auch ein Andenken mitbringen, Moor. Vielleicht ist der Aufstand vorbei, wenn wir in Swakopmund ankommen und wir kommen gar nicht an Land. Wenn Du dann nachher zu Hause sagst, Du wärst auch mit gewesen und hast nichts aufzuweisen, glaubt es Dir keiner.« Da schien mir richtig, was sie sagten, und ich ging hinein und kaufte zwei kleine seidene Halstücher für die beiden ältesten Schwestern; denn einen Schatz hatte ich nicht, und meine Mutter würde so Buntes niemals anlegen. Als wir endlich wieder heraus kamen, ging gerade der Leutnant vorüber, der vorhin so großartig von »Ich warne Euch« geredet hatte und hatte auch schon ein Paket in der Hand und ich mußte ein wenig lachen und er lachte auch.
Es war überhaupt, als wenn wir alle, sobald wir das Land betreten hatten, von lieblichem Wein trunken waren: so schön hell und weich schien die Sonne und so prächtig glänzte alles in Farben und so fröhlich waren die Menschen. Ich dachte: ›Mach Deine Augen auf, daß Du jetzt etwas siehst; wer weiß, ob Du noch einmal im Leben wieder unterwegs kommst.‹ Ich ging durch mehrere Straßen und wunderte mich über alles, was ich sah, so über das langohrige Pferd, das vor seinem Karren ging, und erkannte plötzlich, daß es ein Maultier war, das ich zuweilen auf Bildern gesehen hatte. Ich besah die fremden Worte auf den Schildern der Läden und merkte mir am Inhalt des Ladens einige Worte. Ich sah nach den Frauen in bunten Kopf- und Schultertüchern und nach den Männern, die breite Schärpen um den Leib trugen; wunderte mich über den Stolz um den Mund und das dunkle Feuer im Auge. Ein Soldat kam langsam des Weges, ein schöner Mensch, aber in schlampiger Uniform. Er legte die Hand an die Mütze und sah mich freundlich an; da grüßte ich ihn ebenso.
Nachdem ich so eine Weile allein gegangen war, kam ich wieder an den Strand und fand einige Kameraden in einer offnen Weinstube sitzen, dicht an der Straße, fast auf dem Bürgergang. Sie saßen um kleine Tische und schrieben eifrig Ansichtspostkarten und tranken dabei aus kleinen Gläsern. Ich setzte mich zu ihnen, winkte und bekam auch ein Glas und schrieb auch eine Karte an meine Eltern. Ich wollte auch noch an meinen Onkel in Hamburg schreiben, aber ich kam nicht dazu. Ich mußte immer um mich sehn. Meine Mutter hat mich oft gescholten, daß ich so neugierig sei und in ihrem Nähtisch jedes Schubfach und jede Schachtel öffnete. Aber als sie es einst meinem Lehrer klagte, lachte er und sagte: »Das ist Lernbegierde.«
Nach einiger Zeit kamen einige der Unsrigen vorüber, die sangen und waren laut und wankten ein wenig. Da drängte ich die andern, daß wir weiter gingen. Der Wirt, in roter Weste und Hemdärmeln, konnte sicher kein einzig deutsches Wort sonst, aber die Namen der deutschen Geldstücke kannte er. Als ich den Leutnant am Kai stehen sah, war ich neugierig, ob er sich zu seinem schönen Tuch auch schönen Wein gekauft hatte; aber als ich ihm nahekam, sah ich, daß seine Augen nur trunken waren von all dem Schönen und Bunten und Freundlichen, das er gesehen hatte. Noch einen ganzen Tag lang, als wir schon wieder auf dem Meer schwammen, sah ich in träumender Seele schöne Menschen auf bunten, sonnigen Straßen gehn, dahinter erhoben sich weiche Hügel in schöner, frischer Fruchtbarkeit.
Am dritten Morgen hiernach stand ich ziemlich früh an der Reeling und wartete auf den Dienst und sah so in Gedanken verloren übers Wasser, ob ich wohl etwa in der Ferne eine der Kanarischen Inseln entdecken könnte, in deren Nähe wir nun waren. Es schien mir aber ziemlich zwecklos; denn es war noch nebelig.
Da sah Behrens, der neben mir stand, so von ungefähr nach dem Himmel auf und sagte: »Sieh mal, was für eine merkwürdige weiße Wolke da!« Ich sah auf und sah, ganz oben am Himmel, eine schwere, stillstehende, schneeweiße Wolke, von einem sanften Glanz, wie weißes Vogelgefieder, und stand noch und sah und dachte: ›Was ist das für eine merkwürdige Wolke.‹ Da kam Gehlsen nach vorne gelaufen, flink wie er war, und sagte in seiner raschen, kühnen Art: »Siehst Du schon? Dort? Siehst Du? Das ist der Berg von Teneriffa. Aus dem Meer steigt er auf, zu solcher Höhe, und sein Kopf ist mitten im Sonnenbrand weiß von Schnee.« Da erschrak ich, daß ich zitterte. So ergriff mich das Wunder, das Gott hier mitten ins weite Wasser und unter die brennende Sonne gestellt hatte. Sie standen alle und sahen hinauf. Einige redeten laut; aber viele sahen still hinauf. Und sahen, wie die Nebel da oben in der ungeheuren Höhe zur Seite glitten, und die glatten, schrecklich steilen Felsen sichtbar wurden, die wie alte, ungeheure Festungsmauern sich auftürmten, eine auf die andre. Und auf der obersten, breiten, zerfallenen Mauer lag der ewige Schnee. Langsam glitten wir an seinem steinernen Fuß dahin.
Es ging immer weiter, Tag und Nacht, immer nach Süden. Es ist ein Wunder, wie groß die Welt ist. Wie leicht und rasch gleitet auf der Landkarte die Hand von Hamburg nach Swakopmund; aber wie arbeitet die Maschine hastig, eintönig, dumpf, fleißig, unermüdet, durch Tag und Nacht, über drei Wochen lang. Was haben die Menschen doch für Kraft in sich und harten Willen, daß sie so in die Ferne fahren und dort leben, handeln, forschen und herrschen wollen.