Da erhob sich wieder der Hauptmann von St. Wigbert und rief mit mächtiger Stimme durch die Halle: »Übel fügen sich heiße Worte zu starkem Trunk, ich rate, daß ihr beide in dieser Nacht euren Wortkampf stillt, morgen aber, wie euch Herren gebührt, an Versöhnung denkt oder an Schwertschlag.«
Aber Gerhard fuhr eifrig fort: »Nicht wir anderen haben den Unfrieden begonnen, sondern diese, vorhin, als sie hier eintraten. Und es ist wohlbekannt im Lande, daß ihr sogar untereinander nicht Frieden halten könnt. Schon zur Zeit eurer Väter raunte man im Volke mancherlei von der Brudertreue, welche die Männer eures Geschlechts einander beweisen, und jetzt hören wir wieder, daß ihr eurem ältesten Bruder Unheil gesonnen habt, so daß dieser als ein fahrender Recke in der Welt umherschweift.«
Da winkte Odo finster dem jungen Gottfried, daß dieser vor den versammelten Edlen seine erste Kampfprobe ablege, denn er war schneller Worte mächtig. Und in der Stille, welche dem kränkenden Vorwurf des Grafen folgte, sprang Gottfried vor und rief laut: »Eure Rede ist unwahr, Graf Gerhard, nie haben wir gegen unseren Bruder Immo Untreue erwiesen, und jetzt leben wir in großer Sorge um den Abwesenden. Deshalb ersuche ich euch, daß ihr die Kränkung zur Stelle widerruft.«
»Ein Hähnchen höre ich krähen,« versetzte der Graf lachend.
»So vernehmt, ihr edlen Herren,« fuhr Gottfried fort, »daß ich vor euch allen den Grafen Gerhard einen Verleumder nenne, und überall außerhalb des Marktfriedens will ich mit meinen Brüdern das an seinem Leib und Leben erweisen, wo ich ihn treffe.« Er löste seinen Handschuh und warf ihn vor den Grafen, dieser aber stieß verächtlich mit dem Fuß daran.
Da flog ein anderer Eisenhandschuh zu dem kleinen des Jünglings Gottfried; und von dem Eingang her rief eine Stimme: »Nehmt auch den meinen.« Ein hoher Krieger schritt auf den Grafen zu, dieser fuhr zurück wie vor einem Geiste, als er die zornige Entschlossenheit in einem wohlbekannten Antlitz sah, und vermochte nur zu antworten: »Dich habe ich hier nicht erwartet, und dich habe ich nicht gemeint, Held Immo.«
Als er den Namen nannte, der heute in aller Munde war, regten sich die Anwesenden, viele sprangen auf und drängten heran, um den Helden zu sehen. Immo aber wies auf die Fehdezeichen: »Widerruft die Kränkung und gebt vor allen Edlen meinen Brüdern ihre Ehre, oder nehmt den Streit auf auch mit mir.«
Gerhard blickte scheu auf den neuen Gegner: »Du selbst magst wissen, Immo, daß ich ungern gegen dich kämpfe, wenn ich an Vergangenes denke; und du weißt auch, daß meine Ehre mir nicht gestattet, Kampfesworte, die vor den Edlen gesprochen sind, zu widerrufen.«
»Ob wir Gutes oder Arges in vergangener Zeit miteinander gehandelt haben,« versetzte Immo, »das alles sei vergessen in dieser Stunde. Als Sohn meines Geschlechts stehe ich dir gegenüber und Abbitte fordere ich von dir, oder ich suche an deinem Leben die Rache.«
Da rief Gerhard mit querem Blick: »Meine nicht, mir durch dein stolzes Drohen den Willen zu beugen, ich widerstehe dir, wenn du auch jetzt auf deinen Goldschatz vertraust;« und die Handschuhe vom Boden hebend und auf den Tisch werfend, rief er: »Du denke daran, wenn du den Schaden trägst, daß nicht ich die Fehde gefordert habe, sondern du. Und darum sei Unfriede zwischen uns statt Friede, sobald wir den Schranken den Rücken kehren, und Kampf sei um Leib und Leben, Gut und Habe zwischen mir mit meinen Helfern und dir mit deinen Helfern.« Er wandte sich trotzig ab, setzte sich zu seinem Genossen Markwart und verhandelte leise mit diesem. Immo trat zu dem Tisch der Brüder und den Jüngling Gottfried küssend, sprach er: »Ich grüße euch, meine Brüder. Gewährt mir einen Sitz in eurer Mitte und einen Trunk aus eurem Becher, damit die Fremden erkennen, daß sich die Söhne Irmfrieds in der Not nicht voneinander scheiden.«