»Mich wundert, daß diese hier so sanft sind und sich ganz ohne Messer ergötzen,« bemerkte Gerhard im Durchschreiten zu seinem Dienstmann, »sonst waren sie behender, das Eisen von der Hüfte zu holen.«
»Die einander raufen wollen, springen jetzt noch über den Zaun ins Freie,« lachte der Dienstmann, »weil sie sich scheuen, ihre Hand unter das Beil zu legen. Später reißen sie wohl die Schranken nieder, dann klingen auch hier scharfe Weisen.«
Am Tor der Halle stieß Gerhard auf den Mönch, welcher von zwei Dienern begleitet den großen Zinnbecher trug, in welchem St. Wigbert an diesem Feste ansehnlichen Gästen den Ehrentrunk bot. Diese Spende war den Herren der Halle die wichtigste Handlung des Abends, denn stets empfing der zuerst den Becher, welcher seinem Geschlecht nach der Edelste war. Viele der stolzen Herren erhoben den Anspruch und fühlten Eifersucht gegen andere, darum schuf der Becher jedes Jahr, wenn nicht zufällig einer von den höchsten Herren des Reiches anwesend war, dem bevorzugten Geschlechte Händel und Feindschaft. Gerade deshalb war der Vortrunk um so ehrenvoller. Der Mönch stand mit dem Becher in der Mitte der Halle, segnete den Wein und begann: »Da unter den edlen Herren, welche St. Wigbert begrüßt, niemand dem Königsgeschlecht der Sachsen angehört, so reiche ich den Becher heute dem Helden aus dem ältesten Geschlecht der Thüringe.« Und er trug den Becher zu Odo. Einzelne Stimmen riefen Beifall, aber lauter war das mißfällige Gemurr und Geschrei. Die Gegner steckten die Köpfe zusammen und fuhren von ihren Sitzen, Odo aber erhob sich, trank der Versammlung Heil und reichte den Becher seinem Bruder Ortwin. Da rief Graf Gerhard, den die anderen zu ihrem Wortkämpfer gewählt hatten: »Sehr ungeschickt ist die Wahl des Mönches und eine Kränkung für uns alle. Einen Jüngling hat er zum Vortrunk gerufen, während hier nicht wenige sitzen, deren Haar im Rat und Kampfe ergraut ist.«
»Eure Klage nenne ich ungerecht,« rief Odo zurück, »denn nicht den jungen Krieger soll der Trunk ehren, sondern das Geschlecht, für welches ich hier als ältester stehe.«
»Wir aber vermögen nicht die Ehren deines Geschlechtes zu rühmen,« entgegnete Gerhard. »Haben deine Ahnen auch hier und da das Schwert mannhaft geschwungen, was keiner von uns ableugnet, so führt ihr doch kein Banner, welches der König euch in die Hand gelegt hat, wie wir anderen, die wir als Herren das Schildamt üben. Und wenn ihr auf eure edle Herkunft pocht, so wisset, daß man hier und anderswo euren Bauernadel belacht.«
Die jüngeren Brüder sprangen von ihren Sitzen, und Odo rief: »Wenn der König unsere entlaufenen Knechte mit Lehen und mit einem Banner begabt, so rühmen sich die Knechte große Herren zu sein. Wir Bauern aber meinen, der König kann zum Grafen und Markgrafen ernennen, wen er will, aber niemanden zu einem Edlen.«
»Euch aber,« rief Gerhard wieder, »haben die Mönche zu Edlen gemacht, ja man sagt auch, daß sie euch in der Stille zu kleinen Königen gekürt haben, nur daß man nicht laut davon reden darf.«
Odo schlug an sein Schwert. »Ich erkenne, daß ihr selbst Lust habt, von dem Königsstabe, den wir in der Hand führen, die Belehnung zu erhalten.«