Die Wächter der Ladungen waren sorglos zusammengetreten und schauten nach der Stelle, wo wilde Worte und Schläge getauscht wurden. Der Dienstmann traf eine kleine Tonne, welche von den andern abgerollt war, mit einem Stoß, daß sie zur Seite fuhr. »Gefällt's euch, Herr,« sagte er lüstern, »so gebe ich der Runden noch einige Tritte, und ihr könnt in Ruhe prüfen, wie dieser Schatz der Räuber aussieht.«
Unwillig entgegnete der Graf: »Willst du mich im Königsfrieden zum Diebe machen, du Wicht? Wie darf ein ehrlicher Mann fremdes Gut nehmen, wenn er es nicht durch Gewalt und Schwertschlag gewinnt? Hallo, Wächter! hütet euer Gut, die Fässer kollern.«
Ein Mann in langem Mantel, den Hut tief in das Gesicht gedrückt, sprang herzu, hob das Faß an seine Stelle und brummte: »Hütet euch selbst, daß ihr nicht auf den Boden kollert.«
»Enthalte dich der Grobheit, Freund,« versetzte der Graf sanftmütig, »denn ich meine es gut. Ich hoffe, Held Immo läßt seinen Goldschatz nicht lange im Wind und Mondenschein liegen.«
»Habt auch ihr gehört, daß der Held seinen Schatz in diesen Tonnen bewahrt?« frug der Mann. »Wir harren der Wagen: noch während dort die Feuer brennen, wird alles hinter Tor und Riegel geborgen.«
»Ich lobe die Vorsicht,« bestätigte Gerhard. »Die Osterfeuer werden heute nacht den Weg zur Mühlburg erleuchten. Wer aber schreit dort und schlägt so wild?« frug er einen der Wächter, welcher herantrat.
»Es sind wieder die Knechte der Heiligen, welche einander bei den Haaren fassen,« antwortete dieser lachend, »die Fuldaer sind über das Wasser gekommen, um die Dorfmädchen im Reigen zu schwingen, und die Knaben Wigberts wollen das nicht leiden.«
Der Graf schüttelte mißbilligend das Haupt. »Uns schelten die Mönche, wenn wir einmal das Schwert ziehen, aber niemand von uns hegt einen solchen Grimm gegen seinen Feind, wie die Heiligen gegeneinander. Wollen sie selbst nicht Frieden halten, so sollen sie sich nicht wundern, wenn auch wir zuweilen einer dem andern den Weg verhauen.« In schweren Gedanken schritt er der Halle zu, hinter ihm ballte Brunico, der Mann im Mantel, die Faust.
Auch auf dem umfriedeten Raum vor der Halle hatte der nächtliche Jubel begonnen. Überall loderten hohe Freudenfeuer, die Bänke, auf denen die Krämer gute Bissen feilboten, waren umdrängt von Begehrlichen; was stolze Knaben gern ihren Mädchen schenken: bunte Bänder, Glasringe, Halsperlen und kleine Metallspiegel, wurde eifrig gekauft, am dichtesten umlagert waren die Stellen, wo aus Fässern und großen Kannen Bier und Met geschenkt wurde; überall wo ein Spielmann geigte, ein Sänger sang, sammelten sich die Zuhörer. Um die Feuer aber schwangen frische Knaben die Mädchen im Tanze, gesondert nach Gauen und Dörfern; zwar fehlten ihnen die Abzeichen aus Baumlaub und Blüten, durch welche sie sich im Sommer unterschieden, aber viele trugen das rote Kreuz Wigberts, andere das Rad, mit welchem Erzbischof Willigis seine Angehörigen bezeichnete, und die aus dem Nessebruch führten ein Büschel roter Wolle, mit grünem Band umbunden, statt der Distel, welche sie zu andrer Zeit auf ihren Mützen trugen. Viele tanzten in Eisenhemd und Helmkappe, alle die klirrenden Schwerter an der Seite, zu ihren hohen Sprüngen schrien Pfeife und Fiedel in gellenden Tönen. Von allen Feuern erklangen Heilrufe und markdurchdringende Jauchzer, welche die Thüringe vom Walde gewaltiger auszustoßen wußten als andere Helden.