Der Graf wies auf Ballen und Tonnen, welche am Ufer lagen. »Sie tragen das Zeichen, womit ihr market, was euer ist. Ich rühme die Klugheit, welche das Erbe durch Handel zu mehren weiß.«

Odo versetzte: »Rühmlicher wäre es, das Erbe durch Kaufmannschaft zu mehren als durch raubgierigen Wolfssprung auf der Heide, den die Leute dir zutrauen.«

Markwart hob zornig den Arm, doch als sechs hochstämmige Helden nahe um sein Roß drängten, begnügte er sich, Feindseliges zu murmeln und wandte sich zur Seite. Die Brüder aber ritten zu den Tonnen und sahen erstaunt die Runenmarke, welche mit weißer Farbe den Stücken aufgemalt war. »Das ist Immos Zeichen,« riefen sie wie aus einem Munde und Odo frug den Schiffer, welcher dabei stand: »Woher kommst du und für wen bringst du das?«

»Mein Wasserroß trug es vom Norden, drei Wochen haben wir gegen den Strom gerungen und mancher treibende Baumstamm streifte an den Bord, bevor wir ausluden. Für einen Burgmann im Lande ist es bestimmt.« Die Brüder bestürmten ihn mit Fragen, aber von Immo wußte der Mann nichts zu berichten.

In der hölzernen Halle, welche unweit des Baches errichtet war und im Sommer allerlei Frachtgut bewahrte, saßen heute die Häupter der Landschaft, Edle und Grafen, welche dem Feste zugeritten waren. Markwart von Tonna war da mit seiner ganzen Sippe und seinen trotzigen Dienstmannen, die Grafen aus dem Nordgau und andere, neben den Thüringen auch Hessen, unter diesen Graf Gerhard aus den Buchen. Ihn hatte die Gnade des Königs wieder zu einem stattlichen Herrn gemacht, denn obgleich ihm die Waldwiesen und mancher andere schöne Acker abgenommen waren, galt er noch immer für reich an Erbe und Lehen, auch in Thüringen hatte er unweit der Horsila Hufen und hörige Leute. Heute begrüßte er die edlen Thüringe zum erstenmal seit seinem Unglück, er war leutselig und mild gegen jedermann, und wenn einer auf die letzte Gefahr anspielte, so zuckte er nur wehmütig mit den Achseln. Aber die meisten der Anwesenden vermieden davon zu sprechen, denn sie wußten wohl, daß sie selbst um ein kleines in derselben Not gewesen wären. Der Raum war mit Tischen gefüllt, und der Schenkwirt, auch ein Knecht des heiligen Wigbert, lief mit den Kannen umher und drehte fleißig am Hahn seiner Fässer. Die Sonne sank hinter die Berge und es dämmerte in dem fensterlosen Raume, als die Söhne Irmfrieds eintraten. Odo grüßte, und von mehreren Tischen klang der Gegengruß, aber Markwart und sein Geschlecht, welches mit dem Grafen Gerhard unweit des Einganges saß, sperrte, sich breit setzend, den Weg zu den Tischen. »Gib Raum, Markwart,« sagte Odo, »damit wir dir nicht die Knie scheuern.« Aber der Held streckte sein Bein kräftig aus und versetzte: »Mich wundert, daß die Söhne Irmfrieds begehren, ihren Sitz unter den Edlen des Landes zu nehmen, da sie sonst häufiger die schwieligen Hände der Bauern drücken, als die unsern.«

»Harre, bis wir für ehrenvoll halten, deine Hand zu fassen,« versetzte Odo, »unterdes wundere dich nicht, daß ich deinen Stuhl schwenke, da du selbst das nicht tun willst.« Mit einem kräftigen Ruck drückte er den beschwerten Stuhl beiseite. Markwart hielt sich mit Mühe im Gleichgewicht; er fuhr auf und mit ihm sein Geschlecht, die Hände griffen an die Schwerter und das Eisen klirrte in der Halle. Aber der Hauptmann des heiligen Wigbert rief mit lauter Stimme: »Gedenkt des Marktfriedens,« und Gerhard sprang begütigend dazwischen und rief: »Wer eine Hand zu viel hat, der greife an das Schwert, ihr andern aber hütet euch, denn jedes Tun hat seine Zeit und jetzt ist die Zeit friedlich zu trinken.« Dieser Rede riefen viele Stimmen Beifall, der Tumult wurde gestillt und der Wirt lief wieder mit den Kannen. Gerhard aber begann in der schweigenden Versammlung versöhnliches Gespräch: »Obgleich an dieser Stelle die Mönche Wigberts ihr Rauchfaß schwingen, so will ich doch über sie die Wahrheit sagen. Ich weiß manchen, der größeres Vertrauen zu andern Fürbittern hat. Darum möchte ich dich, Held Odo, fragen, was dir von neuen Wundern des Glaubenshelden Meginhard bewußt ist. Denn auch davon hören wir gern beim Trunke.«

Bevor Odo die Antwort gab, rief der Mönch, welcher während des Sommers als Aufseher im Dorfe wohnte: »Ungewaschenes Zeug kommt aus eurem Munde, Gerhard, weil ihr unserm Heiligen in seiner eigenen Halle die Ehre vermindern wollt. Achtet lieber auf anderes, was draußen vorgeht. Denn wundervolle Kunde vernehmen wir, die jedermann mit Staunen erfüllt. Ein fremder Spielmann sagt sie den Leuten, auch euch, ihr Herren, wird es freuen sie zu hören. Dich aber, du Geschlecht Irmfrieds, geht sie noch mehr an als die andern.« Der Mönch steckte eine Fackel an, daß ihr rotes Licht die Halle erleuchtete, und in das Tor sprang ein Spielmann, gefolgt von einem großen Haufen Neugieriger, er schwang sich auf eine Bank, die einer seiner Genossen vor den Eingang stellte und lud mit heftigen Armbewegungen alle edlen Helden und jedermann ein, die unerhörte Neuigkeit zu vernehmen, welche aus dem Nordmeer gekommen war, vom Kampf der Sachsen gegen die Seeräuber. Bei hartem Winterfrost hatten die Sachsen den Sieg gewonnen, indem sie über das Strandeis zogen und die festen Burgen der Räuber zerbrachen, und unter ihnen stritten die Helden der Thüringe, der edle Immo, Irmfrieds Sohn, und Brunico, sein Genosse. Grimmig war die Not der Helden im Streit gegen die Seegespenster und gegen die Riesen unter dem Räubervolk, die mit Eisenstangen auf sie schlugen. Und er schrie: »Alles, was je von Kämpfen gesungen wurde, ist wenig gegen diesen Kampf, und alles, was je von einem Schatz geschaut wurde, ist ganz wenig gegen den unermeßlichen Goldschatz, den die Helden aus den Burgen der Räuber gewannen. Von ihm will ich euch jetzt erzählen, soweit ich ihn selbst mit meinen Augen erkannt habe, denn alles vermöchte einer nicht zu schauen. Zuvor aber spendet mir etwas, denn später, wenn ihr gehört habt, lauft ihr auseinander.« Da lachten die Zuhörer und viele griffen nach den Ledertaschen, der Spielmann hob einen Beutel an einer langen Stange und fuhr damit durch die Versammlung, er überging keinen, und wenn jemand mit dem Kopf schüttelte, so schnitt er ihm ein Gesicht, oder sagte ihm etwas Boshaftes, wenn er das wagte, so daß die Herren lachten und williger gaben. Und als er eingesammelt hatte, erhob er sich wieder, beschrieb die Herrlichkeit des Goldgerätes und schätzte es nach hundert Pfunden recht genau, bis die Leute an der Tür vor Erstaunen die Hände zusammenschlugen. Als er geendet hatte, schied er von seinen Zuhörern, indem er schrie: »Jetzt ziehet dahin, ihr edlen Herren und guten Leute und verkündet es jedermann im Lande, denn selig sind die Eltern und selig ist die ganze Verwandtschaft der Helden, die mit so teurem Goldschatz heimkehren.«

Die Zuhörer am Eingange liefen auseinander, in der Halle vernahm man durch das Gesumme halblauter Reden Rufe des Erstaunens. Aller Augen hefteten sich auf die Brüder und mancher trat an ihren Tisch und rief ihnen scherzend Heil zu; auch neidisches Gemurr und mißgünstige Blicke stachen gegen sie. Odo aber sprach verwundert: »Ist auch der Fahrende ein verlogener Mann, vielleicht ist doch manches wahr. Haltet fest an euren Sitzen und wehrt euch mit scharfer Zunge gegen jede Ungebühr, denn ich merke, nicht in Frieden reiten wir heute nach Hause.«

Graf Gerhard aber eilte aus der Halle, gefolgt von einem vertrauten Dienstmann, denn es zog ihn mächtig zu den geheimnisvollen Ballen und Fässern, welche, wie er vernahm, dem glücklichen Immo gehörten. Er wandelte längs dem Bach, und sein Mann wies auf den geschichteten Haufen und die weißen Zeichen. »Alles riecht nach Fastenspeise, die von der See kommt,« begann der Graf und seine Nasenflügel zuckten. »Das ist die Schlauheit. Sie haben den Schatz ganz unscheinbar unter Eßbarem oder auch unter andern Waren geborgen. Von je waren die Sachsen ein listiges Volk, obgleich sie sich ganz einfältig zu stellen wissen. Viel Wunderliches hörten wir längst über den Goldschatz der Seeräuber. Aus allen Meeren haben ihn die Wilden zusammengeraubt, durch viele Geschlechter haben sie gesammelt, wie Könige saßen sie in ihren Strandburgen, sie tranken ihr Bier aus goldenen Schüsseln, welche mit Edelsteinen besetzt waren und man sagt, daß sie die Hufe ihrer Rosse nur mit Silber beschlugen. Dies alles hat ihnen Herzog Bernhard und dazu Held Immo genommen, und was hier liegt, mag diesen zum reichsten Manne im Lande machen, wenn er es auf seine Burg heimführt.«

Er blickte scharf um sich, in der Nähe war niemand zu erkennen, auf den Bergen flammten die Osterfeuer, aus den Hütten klang Geschrei und Jauchzen und weiter abwärts am Bache lautes Gezänk und der Ruf nach Waffen.