»Weißt du mehr von ihm?« rief Gottfried.
Der Spielmann rührte sogleich wieder die Saiten. »Ihr mögt wählen unter den Liedern, die ich von ihm habe.« Und er verkündete ihnen nach der Reihe alles, wie Held Immo unter den Sachsen ritt, wie er den Dienstmann Egbert schlug und wie er als erster sich mit seinen Genossen in die Festung schwang.
Der Sang war verklungen, die Hörer saßen schweigend, ganz aufgelöst von der starken Bewegung. Da ergriff Wizzelin seine Fiedel und begann mit dem Bogen die Saiten zu rühren, langsam, in einer rührenden Weise, aber er sang und sprach nicht mehr. Auch die Versammelten saßen still und wenn einem das Herz zu weich wurde, so wischte er verstohlen die Träne ab.
Das war die erste Kunde von Immo, welche in sein Vaterhaus drang. Nicht lange darauf kehrten die Bogenschützen in ihre Dörfer zurück mit hochbeladenen Wagen und manchem schönen Beutestück. Mehr als einer wurde nach dem Hofe geladen und erzählte, so gut er vermochte, von sich selbst und von seinem Anführer, und daß Immo mit dem Sohne Baldhards am Main von ihnen geschieden war, um zu den Sachsen an die See zu fahren. Seitdem kam keine Nachricht von dem Helden, auch die Eltern Brunicos wußten nichts zu erkunden. Die Blätter fielen und der Sturmwind tobte um die Mauern der Mühlburg, von welcher der alte Dienstmann Berthold täglich nach seinem Herrn aussah. Berg und Wald lagen unter weißer Schneedecke. Jeder, der einen warmen Ofensitz erlangen konnte, schlüpfte hinein und lauschte vergnügt auf das Brodeln im kupfernen Topfe. Aber der Stuhl, den Edith täglich dem Herrensohne rückte, blieb leer, und niemand wußte zu sagen, ob er unter dem Dach eines Gastfreundes geborgen saß, oder ob er auf wilder See umhertrieb in rasendem Sturm und wirbelndem Schnee.
Die weiße Decke, welche den Bergwald verhüllte, schwand im Frühlingswind. In tausend Rinnen rieselte und strömte das Wasser zu Tale, jeder kleine Quell wurde zum Bach, die Waldbäche fluteten wie große Ströme, die Weiher und Seen am Fuß der Berge überschwemmten Ried und Wiesen, und dem Fremden, welcher von einer Höhe auf die thüringische Ebene herabsah, glitzerte überall zwischen Wald und Ackerbeeten eine gewundene Wasserfläche entgegen, aus welcher die Dorfzäune hervorragten, und er konnte zweifeln, ob er einen ungeheuren See vor sich sah mit zahllosen Inseln, oder einen breiten vielarmigen Strom. Dann lagerte am Morgen und Abend dichter Nebel auf der Flut, und bei Tage flatterten ungeheure Schwärme von Wasservögeln darüber hin. Aber nach wenigen Wochen war der Schwall vermindert, Sonne und Wind verscheuchten den Wasserdunst, die Erde sog begierig das befruchtende Naß und während die Knospen der Bäume schwollen, hob sich der Wiesengrund wieder aus der Flut, und die Waldbäche zogen gebändigt durch ihre Ufer den Flüssen zu und strudelten, wo ein Baumstamm oder eine Erdscholle in ihrem Bett haftete. Dies war die Zeit im Jahre, wo die Männer aus den Waldlauben sich ihrer Schiffahrt freuten. Denn auch ihnen war ein Fluß zuteil geworden, nur klein, aber ehrwürdig dem ganzen Lande, welcher aus den Waldbächen zusammenrann und zwischen dem Gebirge und steilen Hügeln der untergehenden Sonne zufloß. Die Horsila war damals kein unscheinbarer Bach, sie trug befrachtete Kähne in die Werra, und weit von Norden her kamen Fahrzeuge der Sachsen und Friesen die Strömung hinauf bis an den Wald. Dort war bei dem alten Dorfe Horsilgau der kleine Hafen, wo sie ein- und ausluden; eine wertvolle Stätte für die Waldleute, denn die Landfracht vom Norden her war teuer und der Weg oft unsicher. Das Wasser brachte ihnen die kunstvolle Arbeit der friesischen und flämischen Weber und manches Kaufmannsgut, das ihre Frauen ungern entbehrt hätten; sie aber tauschten dagegen ein, was ihr Land an Waren bot: Honig und Wachs, Pelzwerk und Tierhäute. Auch die Erfurter kamen heran, so oft die Kähne abfuhren und anlegten, sie schlugen am Ladeplatz ihre Bänke auf, kauften und tauschten und führten die Fracht auf hochbepackten Karren nach ihrem großen Markt. Vor andern aber freuten sich die Mönche des heiligen Wigbert der Schiffahrt, sie waren seit alter Zeit die Herren der kleinen Wasserstraße und sie hielten die Burg Gotaha zumeist darum hoch, weil diese eine Feste ihres Hafens war und ihr Herrenrecht über den Fluß behaupten half. Denn der Zehnte, welchen die Mönche von allem Schiffsgut erhoben, war eine wertvolle Einnahme des Klosters, er lieferte die Wolldecken ihrer Lager, Stoff zu ihren Kutten und vor allem die geehrte Fastenspeise, den gesalzenen Heerfisch, welcher ihnen das ganze Jahr Freude an ihrem Trunk gab. So wertvoll war dies Herrenrecht, daß sie durch viele Jahre blutige Kämpfe darum geführt hatten. Dennoch vermochten sie es nicht ungeschmälert gegen einen Nachbar zu bewahren, welcher klug gleich ihnen und stärker als sie ebenso auf der Nordseite der Horsila herrschte, wie sie längs dem Walde. Ihr Feind war das Kloster von Fulda, in welchem der heilige Bonifacius beigesetzt war. Und die beiden Glaubensboten Winfried und Wigbert, kämpften aus ihren Klöstern zweihundert Jahre nach ihrem Tode grimmige Fehden um die Heringstonnen der Nordsee und um die Gewebe derselben Friesen, deren Vorfahren sie einst bekehrt hatten. So heftig tobte der Kampf zwischen den Bewaffneten der beiden Klöster, daß die Sachsenkönige mehr als einmal gezwungen waren, sich zwischen die Streitenden zu stellen. Endlich hatten die Mönche von Fulda das Recht erworben, daß auf ihrer Uferseite Kähne frei von dem Zoll der Wigbertleute fahren durften. Aber der Haß der Klöster wurde durch den Schiedsspruch des Königs nicht gestillt, und fast in jedem Jahre wurden Männer erschlagen und Häuser niedergebrannt.
Diesmal brach das Eis und schmolz der Schnee früher als sonst. Das Tauwetter vereitelte einen Rachezug, den König Heinrich über die gefrorenen Sümpfe in das Slawenland gerüstet hatte. Dafür bereitete es den Waldleuten die Freude, daß sie am Fest der Tag- und Nachtgleiche auf schneelosem Anger ihre Reigen sprangen, und daß sie an demselben heilbringenden Tage auch die Kahnfahrt auf ihrem Fluß eröffneten. Die Fahrt war eine Woche vorher zu Erfurt und auf dem Lande angesagt worden, damit sich beizeiten rüste, wer Gut und Ware nach der Werra zu den Hessen und Sachsen abwärts führen wolle. Schon hatten die Erfurter ihre Lastwagen zu einer kleinen Wagenburg beim Dorfe vereint. In langer Reihe lagen die Kähne, welche von den Waldleuten die Wasserrößlein genannt wurden, am Ladeplatz, neu geteert, lang und schmal, zum Teil beladen auf die Abfahrt harrend, während die andern durch Schiffer und starke Lastträger gefüllt wurden. Aber auch von der Mündung des Flusses waren bereits einige Kähne stromauf geführt, die Schiffer hatten ihre Güter an dem Ufer geschichtet und harrten der neuen Ladung, sie waren an ihren Strohhüten, den langen weißen Röcken und den breiten Schwertmessern als Sachsen zu erkennen. Ein weiter Raum war auf dem Anger abgesteckt und mit einem Seil umfriedet, dort stand das Marktkreuz und St. Wigberts Banner, und daneben hielt der Hauptmann mit seinen Bewaffneten und dem Büttel, um den Marktfrieden zu erhalten und von Vieh und Waren den Zoll zu erheben. In der Ferne auf der andern Seite des Baches wehte neben einem Schuppen das Banner von Fulda, geschützt durch Gewappnete, welche der großen Familie des heiligen Bonifacius angehörten. Doch auf der Wigbertseite war der rege Verkehr.
Auch die Landleute, welche nicht selbst um Schiffahrt sorgten, eilten an diesem Tage gern zu der Stätte. Wer Freunde und alte Genossen begrüßen wollte, konnte sie dort finden, wer sich einem Herrn zum Dienste geloben wollte, suchte dort die Gelegenheit, Rosse und Herdenvieh wurden aus den Winterställen zum Verkauf herangetrieben. Die Edlen der Umgegend kamen im Eisenhemd mit ihrem Gefolge und das Volk der Fahrenden fehlte nicht mit seiner Musik, mit neuen Liedern und Kunststücken. Im ganzen Lande war die Lust dieses Tages berühmt und sie erschien den streitbaren Männern um so ehrenvoller, weil selten ein Fest verging ohne Schwerthiebe und tiefe Wunden.
Die Sonne schien hell, und größer als seit langer Zeit war das Gewühl der zugewanderten Gäste. Nicht allein an dem Flusse, in allen Dörfern längs dem Bergwald wurde der Ausgang des Winters und die junge Herrschaft des Sommers gefeiert, man sah lange Reihen geschmückter Dorfleute im Freien tanzen und vernahm ihren Gesang und das Getön der Fiedeln und Pfeifen, überall auf den Hügeln und den Vorsprüngen der Berge waren Holzstöße errichtet, welche nach Untergang der Sonne brennen sollten, denn die ganze Nacht galt für günstig und heilbringend, sie wurde beim Trinkkrug, unter Gesang und Reigentanz durchwacht und war vielen der liebste Teil des Festes.
Zwischen den Bänken, worauf die Erfurter ihre Ware ausgelegt hatten, zogen die Dienstmannen der Edlen mit ihren Knechten, daneben junge Dorfhelden vom Nessebach; auch die Leute aus den Wendendörfern waren mit ihren Frauen gekommen, und neben thüringischer Sprechweise vernahm man sächsische Worte und die feintönende Rede der Slawen. Durch das Gewühl sprengten sechs hochgewachsene Reiter, die Söhne Irmfrieds, unter ihnen Gottfried, der heute zum erstenmal im Schwertgurt über das Land ritt und stolz auf die Grüße und Glückwünsche antwortete, welche ihm hier und da aus den Haufen zugerufen wurden. Neugierig blickte der junge Krieger auf die fremdländischen Männer und Waren, aber die neue Würde hielt ihn ab von freudigem Ausruf und Fragen. Die Brüder stießen auf einen Trupp berittener Spielleute, darunter auch Weiber in fremder Tracht, welche ihre Pferde in künstlichem Tanze trieben, während die Männer um die Raststelle handelten. Als die Sechs einen Augenblick in der Nähe hielten, scheute das Roß eines fahrenden Weibes und sie glitt dicht vor den Brüdern auf den Boden. Mitleidig sprang Gottfried ab, um sie vor den Pferdehufen zu bewahren, aber wie ein Federball hob sich das Weib vom Boden und bevor er sich's versah, fühlte er einen leichten Schlag auf seiner Wange, das Weib schwang sich in den Sattel und davonsprengend rief sie lachend: »Gesegnet seien dir die hübschen roten Wangen.« Da lachten die Leute rings umher, Gottfried aber wurde vor Zorn noch röter und warf einen feindlichen Blick auf die Dirne. Noch grollte er über die Dreistigkeit, da hörte er, wie Graf Markwart von Tonna spottend den Brüdern zurief: »Seit wann treibt ihr Helden Kaufmannschaft wie die Krämer zu Erfurt?«
Odo sah ihn befremdet an. »Nichtige Worte redest du.«