Wieder ging das frohe Schwirren durch die Versammlung und aller Blicke richteten sich nach den Brüdern. Niemand wollte die Frage tun, die zuerst ihnen gebührte. Da sie aber schwiegen, rief Sigilind, ein mutiges Weib: »Weißt du etwas von Brunico, dem Sohn des alten Baldhard?«
»Ha,« rief Wizzelin, »du nennst einen von den großen Helden des Königs Heinrich; laut hörte ich seinen Goldschatz rühmen, denn Armringe aus Königsgold, die wohl ein halbes Pfund schwer waren, hat er meinen Genossen auf die Straße hingeworfen als Lohn für ihre Lieder.«
Da scholl wieder ein lauter Schrei des Erstaunens, und Sigilind, Gisa, Engiltrud und die anderen Weiber hoben die Hände zum Himmel und rannten von dannen, um den Höfen die unglaubliche Kunde zuzutragen.
»Schnatternd wie Gänse fahren sie mit gereckten Hälsen auseinander,« spottete Wizzelin leise zu Odo, »die Bahn ist gefegt, gefällt's euch, so dringen wir durch.« Und nach allen Seiten grüßend und Rückkehr verheißend, trabte er mit den Brüdern von dannen.
Kaum war der Spielmann in das Tor des Herrenhofes geritten, so flog die Kunde von seiner Ankunft durch jeden Stall und jede Kammer; auch hier drängten die Leute heraus, die Knechte waren beflissen, ihm und seinem Gefährten die Pferde anzubinden, und die Mägde steckten die Köpfe zusammen und bewunderten sein schönes Gewand und die klirrende Kette. Nur Murhard, der Hofhund, und sein Geschlecht waren nicht willig zu wedeln, sie bellten wütend und unablässig und sprangen feindselig an den Spielleuten herauf, und Wizzelin klagte gegen Odo, welcher die Hunde scheuchte, mit finsterem Lächeln: »Der Fahrende vermag die Gunst der Männer und Frauen zu gewinnen, die Köter aber bleiben seine Feinde, sie erkennen ihn in jedem Gewande.« Er ordnete Haar und Rock und zog sein Gesicht in ehrbare Falten, als er in den Saal vor die Augen der Herrin Edith trat. Hinter ihm sammelten sich die Dienstleute, alle in froher Erwartung der Kunst, die er nach dem Mahle spenden würde. Den Spielleuten wurde ein besonderer Tisch gestellt, aber Edith winkte, daß ihnen gute Kost geboten wurde und der beste Met des Hauses. Und Wizzelin erhielt den Met in einem Silberbecher, welcher ihm der Ehre wegen noch lieber war als der Trank.
Nach dem Mahle begann Edith: »Da du beim Heere des Königs weiltest, so gib uns Kunde, soweit du vermagst. Denn nur Undeutliches hörten wir von seinem Siege und dem Unglück der Feinde.«
Der Spielmann erhob sich und begann seine Sage vom Raub des Schatzes, von Belagerung der Feste und von den Kämpfen gegen Hezilo. Er sprach langsam und feierlich und seine Rede tönte zuweilen wie Gesang; vieles berichtete er getreu nach der Wahrheit, anderes wie es ihm in den Sinn kam. Den Namen des Mannes aber, an den jeder in der Halle dachte, nannte er nicht. Regungslos, mit verhaltenem Atem lauschten die Zuhörer, nur wenn er vom Schlachtgewühl erzählte, rührten sich die Männer, ihre Augen glänzten und sie nickten einander zu, und so oft er den Fall der Helden und den Brand der Burgen beklagte, seufzten die Frauen. Als er seinen langen Bericht beendet hatte, sprach Edith: »Füllt ihm aufs neue den Becher. Du aber bewahre das Silber mit unserm Dank, denn große Dinge hast du uns verkündet, die wir alle im Gedächtnis behalten, solange wir leben.« Da sprang Gottfried auf, überreichte dem Spielmann den Becher und begann: »Weißt du etwas von meinem Bruder Immo, so verkünde auch das, denn an ihn dachten wir alle, während wir dich hörten.« Bei diesen Worten des Knaben brachen die Dienstleute in einen Freudenschrei aus, es war ein kurzer Ruf, der schnell verhallte, aber er kam aus bedrängten Herzen, die von einer Last befreit wurden. Wizzelin hob den Becher und rief: »Heil sei dir, junger Held, daß du als der erste nach ihm frägst im Saale seiner Väter.« Er ergriff sein Spiel, fuhr schnell über die Saiten und sprach: »Dieses Spiel hat oft von seinem Namen getönt, denn wir Fahrenden singen mehr als ein Lied von ihm auf den Märkten und am Herdfeuer. Wollt ihr das eine hören, wie er den Grafen Ernst schlug?« Und die Saiten rührend, stimmte er die Weise an: »Einen Helden weiß ich, Immo aus Thüringeland. So lautet das Lied,« erklärte er, »höre Geschlecht Irmfrieds!« Und er begann seinen Sang, wie Immo an der Furt des Baches die Helden des Babenbergers schlug, den Waltram, Hartwin und den jungen Hadamund, und wie er darauf die Wache am Felsentor hielt, um durch seinen Leib den König zu decken. Dort lief der edle Graf Ernst gegen ihn an, die Speere flogen, die Schilde krachten und aus den Schwertern fuhr die feurige Lohe, bis der Babenberger mit zerschlagenem Helme betäubt zurückfuhr. Da warf Wolfere von fern her den Hammer und traf dem jungen Helden das Haupt, daß er blutend zurücksank. Aber den Fall seines Edlen zu rächen, sprang König Heinrich selbst in den Kampf.
Oft hatte der Spielmann die Herzen der Hörer bewegt wie er wollte, und er war gewöhnt, daß sie durch hellen Ruf und leises Stöhnen ihren Anteil kundgaben. Heute aber freute sich der Schlaue über das Entzücken, welches er erregte. Die dienenden Frauen streckten in ihrer Aufregung die Hände immer wieder dem Himmel zu, Gertrud schluchzte vor Freude, und die Dienstmannen schnoben heftig mit den Nasenflügeln und griffen mit den Händen um sich. Der Knabe Gottfried stand wie verzückt mit glühenden Wangen und aufgerissenen Augen, seine schlanke Gestalt schien zu wachsen und sein goldenes Haar sträubte sich um das Haupt. Auch andere sah der Sänger, welche sich gegen die Gewalt seiner Töne wehrten, bis ihr stolzer Groll dahinschmolz in der heißen Freude über die Ehren eines Haussohns. Die Mutter barg nach den ersten Tönen ihr Gesicht in der Hand, und als er den Sturz Immos verkündete, erhob sie sich von ihrem Sitz und trat zurück in das Dunkel. Die Brüder saßen im Anfange mit zusammengezogenen Brauen gleich Männern, welche gefaßt sind, Unwillkommenes zu hören. Doch auch ihr Widerstand wurde schwach, in ihren Augen leuchtete die Freude, die jüngeren sprangen auf und traten nahe zu dem Sänger, nur Odo blieb sitzen, aber um seinen Mund zuckte die Bewegung. Und als der Sänger endete und ein Jubelgeschrei der Dienenden, welches nicht enden wollte, durch den Saal brauste, da trat Odo zu dem Spielmann, bot ihm den Becher, aus dem er selbst getrunken hatte, und sprach: »Nimm noch dies Silber, das dir die Söhne Irmfrieds spenden. Leben wir auch in Zwist mit dem Bruder, wir freuen uns doch, wenn der Name unseres Geschlechtsgenossen im Lande gerühmt wird.«