Da rief Brunico zurück: »Schlecht kämpft sich's im Waldesdunkel, harret noch ein wenig, bis wir euch die Osterfeuer anzünden.«
»Brecht durch, Herr,« rief der Vertraute aufs neue, »denn sie schichten das Holz auf der Wegseite zu einem Walle.«
»Pfui über dich, Immo,« rief der Graf, in dem jetzt die Sorge mächtig wurde, »unritterlichen Brauch übst du, ich harre deiner, komm heran und schlage dich um den Schatz.«
Immo rief zurück: »Auch euch war der Pfad zum Kampfe geöffnet, allzulange habt ihr euch um die Tonnen gedrängt, jetzt rate ich, mit uns in Bauernweise den Festbrauch zu üben. Die Flammen lodern, schwingt euch zum Tanze über die Scheite.« Eine kleine Flamme leckte auf, die zweite, die dritte, bald sperrte das Feuer wie ein Wall die Belagerten von dem Wege ab. Aber auch längs dem ganzen Rande des Niederholzes leuchteten die Funken, jeder der Knaben, welche dort die Wache hielten, schwenkte Kienfackeln, denen gleich, womit sich die Dorftänzer auf den Bergen um die Flammen drehten; und jeder schleuderte mit wildem Geschrei und Jauchzen die lodernden Brände gegen die Rosse der Belagerten. Die Rosse scheuten und stiegen, die Reiter selbst, entsetzt über das feurige Gefängnis, vermochten der wütenden Tiere nicht Herr zu werden, mehr als einer wurde abgeworfen und lag ächzend am Boden. In diesem Augenblicke brachen die Söhne Irmfrieds mit ihrer Schar wie ein Wettersturm durch die Flammen, im Nu waren die Helfer des Grafen überrannt, gefangen und gebunden. Der Graf selbst schlug tapfer mit dem Schwert um sich, aber durch eine mächtige Faust wurde er am Nacken gepackt und von seinem Rosse geschwenkt, daß er schwertlos auf den Boden fiel. »Ergebt euch, Gerhard,« rief Immo, »gelobt als mein Gefangener zu folgen, damit ich euch die Schmach der Weiden erspare.« Betäubt gelobte der Graf.
In wenig Augenblicken war das Werk getan, behend rannten die Thüringe, die flüchtigen Rosse der Gebundenen einzufangen. Sie bändigten die Pferde an den Lastwagen und zerwarfen das Holz des brennenden Walles, und nachdem sie sich auf ein Zeichen Brunicos mit hellem Jubelruf um die Brüder gesammelt hatten, brach der ganze Zug mit den Wagen und den Gefangenen nach der Mühlburg auf.
Längs der Freudenfeuer, welche überall auf den Hügeln und um die Dörfer flammten, zogen die Sieger jauchzend und singend dahin. Es war tief in der Nacht, als sie in die Burg kamen. Immo, der während der Fahrt sich von den Brüdern ferngehalten hatte, ritt jetzt zu ihnen, als sie im Hofe auf den Rossen hielten und sprach grüßend: »Seid willkommen im Hause unserer Väter, nehmt vorlieb mit karger Bewirtung, denn erst beim Licht der letzten Sonne ist der Wirt aus der Fremde heimgekehrt. Gefällt es euch, so enden wir unseren Handel mit den Gefangenen noch während der lustigen Nacht, wie er begonnen wurde.«
»Du warst beim Sprung um die Scheite der Vortänzer,« versetzte Odo lächelnd, »wir vertrauen, daß du auch gegen die Gefangenen unser Recht wahren wirst.«
Im Hofe der Mühlburg wurde ein großes Feuer entzündet und herbeigeholt, was der Vogt aus dem Keller zu liefern vermochte. Kräftig tranken die Thüringe, und auch den Gefangenen, welche kummervoll auf den Stufen der Halle kauerten, wurden die Kannen geschwenkt. In der Halle aber saßen die Söhne Irmfrieds mit ihren Dienstmannen und die Landleute von der Nesse, unter ihnen mit gebeugtem Haupt der waffenlose Graf. Da rief Immo ihm zu. »Hebt den Becher, Graf Gerhard, und trinkt trotz eurer Not. Einst lag ich als Gefangener in eurem Turm, da ludet ihr mich in eure Halle und botet mir den Trunk an eurem Tisch. Heute tue ich euch mit Freuden dasselbe zur Vergeltung.«
»Ich lobe dich, Immo,« antwortete der Graf trübe, »daß du in dieser Stunde an den Wechsel des Glückes denkst, beide haben wir ihn seit jenem Abend in der Halle erfahren. Vergiß auch nicht, daß dem Sieger eine Ehre ist, Maß zu halten in allem, was er dem Gefangenen auflegt. Behandelt mich mit Billigkeit, ihr edlen Herren, denn glaubt meiner Erfahrung, die ich mir zu meinem großen Kummer erworben, wer allzuviel für sich begehrt, fühlt zuletzt selbst den Schaden.«