Immo versetzte ernsthaft: »Meine Brüder und ich, wir sind Herren geworden über euren Leib und euer Leben, und wir vermögen euch jetzt zu zwingen durch Haft und Bande und zu schatzen an Habe und Gut, weil ihr wider die Wahrheit und wider eigenes Wissen das Ansehen und die Ehre unseres Geschlechts mit gehässigen Worten angefeindet habt. Dennoch sollt ihr erkennen, daß die Söhne Irmfrieds gegen einen bezwungenen Feind Billigkeit üben. Eure Zunge hat euch in Unfrieden gebracht, eure Zunge soll euch auch den Frieden wieder gewinnen, wenn ihr sie weise gebraucht, solange die Thüringe sich in dieser Nacht um die Festfeuer schwingen.«
In dem Grafen erwachte eine frohe Hoffnung und er rief: »Sage nur, was ich reden soll, damit ich mich aus der Not löse.«
Und Immo fuhr fort: »Wollt ihr Abbitte tun wegen aller kränkenden Worte und wollt ihr mit allen euren Helfern schwören, nichts von dem, was in dieser Nacht gegen euch gesagt und getan worden ist, an uns oder an einem unserer Helfer zu rächen, sondern in Zukunft Frieden und guten Verkehr zu bewahren, so mögt ihr mit unseren Gefangenen, mit Waffen und Rossen, frei und ledig von hinnen reiten, sobald der erste Sonnenstrahl unsere Dächer bescheint.«
Graf Gerhard sprang erfreut in die Höhe und rief: »Wahrlich, Immo, manchen Beweis deines guten Verstandes habe ich erhalten, aber diesen will ich dir niemals vergessen. Ich bin bereit zu allem, was du von mir verlangst, zu Abbitte und Gelöbnis.«
»Wohlan,« gebot Immo, »ladet jeden in die Halle, der jetzt im Hofe weilt, zuletzt die Gefangenen. Und mit diesen werdet ihr euch barhaupt und stehend demütigen.«
Ein Hornzeichen rief die Gäste und das ganze Gesinde zusammen, und als alle versammelt waren, führte Immo den jungen Gottfried auf den Ehrensitz und zu diesem sprach der Graf barhaupt die Abbitte: »Alles, was ich gegen Ehre und Ansehen deines Geschlechtes jemals gesagt und getan habe, das sei ungesagt und ungetan, alle edlen Rechte erkenne ich ihm zu und auch den Vorsitz und Vortrunk. Denn wisset, ihr Herren, wenn ich auch manchmal im Ärger anders sprach, immer habe ich das Geschlecht Irmfrieds vor anderen hochgeschätzt. Und ich bin bereit, nachdem ich Vergangenes abgebeten habe, alles Gute für die Zukunft zu geloben, nicht nur weil ich in Not bin, sondern auch weil ich merke, daß dies in Wahrheit meines Herzens Wunsch ist.«
Als der Graf dies nach Gebühr vollendet hatte und seine Worte durch die anderen Gefangenen bestätigt waren, wurde er mit ihnen in die kleine Kapelle vor den Altar geführt, dort gelobten die Helden für alle Zukunft jedem Rachegedanken zu entsagen. Darauf ward der Graf auf den Ehrensitz in der Halle geleitet, und jetzt trat Gottfried vor und bot ihm den Friedensbecher. Gerhard tat einen tiefen Trunk und seufzte, aber er wurde mild und froh, ja er lachte ein wenig über sein Unglück und sprach allerlei Vertrauliches zu Immo.
Beim Aufgang der Sonne wurden die Rosse der Gäste vorgeführt und Immo geleitete den Grafen selbst in den Hof. Als dieser aufsteigen wollte, sah er die beladenen Wagen und mit einem sehnsüchtigen Blick sprach er zu Immo: »Hätte ich diese in ehrlicher Fehde gewonnen, so würde ich fortan meinen Met aus goldenem Becher trinken.«
Da antwortete Immo: »Eifrig habt ihr darum geworben und als ein Held euer Leben dafür gewagt. Wisset, ihr habt gefochten wie der alte Hildebrand, um wollene Decken, welche die Sachsen mit guter Kunst verfertigen, und zumeist um den gesalzenen Seefisch, welchen die Leute den Hering nennen.«
Als die Entledigten abgezogen waren, dankte Immo mit freundlichen Worten die Landleute ab, welche als freiwillige Helfer herangeritten waren. »Da die Gefangenen gegen den Gebrauch kein Lösegeld gezahlt haben und auf ihren Rossen davonreiten, so nehmt dafür mit meinem Dank einen Teil der Waren aus dem Sachsenland, welche ihr wieder gewonnen habt; nicht als Entgelt, sondern zur Verehrung.« Das waren die Nachbarn wohl zufrieden und Immo gebot dem Brunico, einen billigen Anteil auszuscheiden. Diesen luden sie vergnügt auf einen Karren und schieden mit Heilruf zu ihren Dörfern.