10.
Die Entführung.
In der Halle standen die Brüder zum Aufbruch gerüstet, als Immo ihnen entgegentrat. »Den großen Goldschatz der Räuber hat der fahrende Mann mir angelogen, doch brachte ich reiche Beute und die Gastgeschenke der Sachsen heim; nicht die Wasserrosse führten meinen Kampfgewinn der Mühlburg zu, sondern die Packpferde, welche Brunico leitete. Für euch, Söhne Irmfrieds, sind die Ballen geöffnet, damit ihr daraus wählet, was jedem von euch gefällt, und ich bitte euch, diese Gabe anzunehmen anstatt der Schatzung, die ich den Gefangenen erließ, ohne euch zu fragen.«
»Solches Angebot ist gebührlich gegen Fremde, nicht gegen die Genossen des eigenen Geschlechts,« antwortete Odo finster, und Ortwin rief: »Du tust uns weh, wenn du uns Gold bietest, wo wir brüderlichen Gruß erwarten.«
Da flog helle Freude über Immos gramvolles Angesicht. »Wollt ihr freundlich zu mir reden und brüderlich gegen mich handeln, so wißt, meine Brüder, daß mein Herz sich viele Jahre nach eurer Liebe gesehnt hat. Schon im Kloster fühlte ich traurig unter Fremden die Einsamkeit und dachte mich täglich heim in eure Mitte, und auch jetzt unter den Gastfreunden vermochte ich nicht die frohen Spiele ihrer Knaben zu sehen, ohne daß sich mir das Herz in Gram zusammenzog. Denn wie ein Ausgestoßener lebte ich, weil mir eure Freundschaft fehlte. Begehrt ihr, liebe Knaben, daß ich euch brüderlich begrüße, so springt heran wie einst, denn die Arme des Bruders sind geöffnet, euch zu empfangen.«
Ortwin warf sich um seinen Hals und küßte ihn, und wie er taten die Jüngeren, nur Odo stand zur Seite. Gottfried aber ergriff Immos Hand und legte sie in die Hand des andern. Odo drückte sie und begann: »Der Zorn ist geschwunden mit dem grünen Laub dieses Sommers, beide wollen wir vertrauen, daß in dem neuen Lenz unter uns Sieben sich die Treue bewähre.« Und auf Gottfried weisend, fuhr er fort: »Du siehst, wir haben ihn gewappnet, und da du zu uns zurückgekehrt bist, vermögen wir jetzt in Frieden das Erbe zu teilen. Vor einem Jahre widerstand ich dir, als du das Recht des Ältesten fordertest, fortan bin ich gleich meinen Brüdern bereit, dir zu folgen, wenn du uns führst.«
Aber Immo rief mit ausbrechender Leidenschaft: »Leite du die Brüder und bewahre du die Ehre des Geschlechts, denn ich kehre nicht zurück, um in Frieden unter euch zu leben. Ein großes Leid berge ich in meinem Herzen und mein Leben muß ich wagen in wilder Tat, noch bevor die nächste Sonne aufgeht. Wisset, der Tochter des feindlichen Mannes, den wir heute demütigten, habe ich heimlich mein Leben gelobt, der König aber will sie schleiern, ob es ihr und dem Vater lieb oder leid sei. Bevor sie morgen früh zu Erfurt die Klosterschwelle betritt, hole ich sie auf die Mühlburg, was mir auch darum geschehe. Dem Zorn des Königs trotze ich und dem Rechte des Landes widerstehe ich, um sie zu erwerben, denn ohne sie ist mir mein Leben verhaßt.«
Die Brüder sahen betroffen einander an. »Zu früh habt ihr mich brüderlich begrüßt, ihr Söhne Irmfrieds,« fuhr Immo heftig fort, »mich wundert nicht, wenn ihr euch von mir abwendet, wie von einem Kranken, dessen Berührung Unheil bringt. Meint auch nicht, daß ich euch mahnen will an die Hand, die ihr mir jetzt gereicht habt und an den brüderlichen Kuß. Denn eure Hilfe bei der Tat fordere ich nicht, den Raub wage ich wohl allein mit denen, die sich mir gelobt haben. Euch aber sage ich vorher, was ich tun werde, damit ihr mir tröstlich seid, soweit ihr es vermögt, ohne euch zu verderben. Doch nein, liebe Brüder,« unterbrach er sich selbst, »aus Klugheit und Vorsicht hätte ich's euch nimmer bekannt, aber eure Freundlichkeit hat mir die Seele weich gemacht. Denn Sommer und Winter habe ich die Last allein getragen. Selig macht der Gedanke an das geliebte Weib, aber furchtbar quält die Angst sie zu verlieren, und manche Nacht habe ich in der Fremde auf meinem Lager die Faust geballt, oder kindisch geweint, wie mir jetzt geschieht.« Er wandte sich ab, hielt die Hände vor das Antlitz und sein starker Leib bebte im Krampf.
Es war totenstill in der Halle. Endlich begann Odo: »Wenn unsere Eltern einen Rat hielten, der ihr Wohl und Wehe anging, so saßen sie vertraulich nebeneinander am Herdfeuer nieder. Führe auch du uns zum Herde der Burg, an dem unsere Vorfahren beraten haben, damit wir die Flamme aufzünden. Dort erzähle du uns von dem Weibe, welches dir lieb wurde, und wie alles gekommen ist bis heute, damit wir es wissen, denn auch das ist ein Recht der Deinen.«