Da führte Immo die Brüder über den Hof zu dem Flur des Saales, worin der Herd stand, er entzündete das Feuer und schloß die Tür. Die sieben Brüder lagerten am Herde und Immo begann leise seinen Bericht, zuerst, wie Hildegard unter den Buchen sein Geselle wurde, und wie er ganz plötzlich sich glückselig fühlte, und danach alles andere. Und er zeigte ihnen auch das Pergament mit den Goldfäden, welches alle betrachteten, während er es in seiner Hand hielt, bis er es wieder im Gewande barg. Die stolzen Knaben Irmfrieds vernahmen vorgebeugt mit leuchtenden Augen die Kunde, welche auch ihr Leben nahe anging, und Gottfried saß zu den Füßen des Bruders, hielt die Hände über dem Knie desselben gefaltet und blickte ihm unverwandt in das bewegte Antlitz, während Odo zuweilen einen neuen Span in das Feuer legte. Immo aber wurde froh, daß er von Hildegard erzählen durfte, und lachte dabei treuherzig wie ein Kind, er schilderte ihr Aussehen und ihre Art, so daß sie auch seinen Brüdern gefiel, obwohl sie die Tochter eines wunderlichen Mannes war.
Als Immo geendet hatte und alle in warmer Teilnahme schwiegen, begann Odo nachdenkend: »Sage uns, welche Meinung hat Graf Gerhard zu dir?«
»Du kennst ihn ja auch,« versetzte Immo, »daß er hastig nach jedem Vorteil züngelt und schmeichelnde Worte nicht spart; aber ich fürchte, im Grund seines Herzens ist er mir abgeneigt, da er schon mit unserm Vater in Unfrieden lebte.«
Odo nickte. »Klein ist der Funke, welcher ein großes Feuer entzündet, auch uns bedroht die Flamme. Gegen dich stehen der König und der Erzbischof, das Recht des Vaters und der Friede der Stadt, und es wird ein Kampf gegen große Übermacht um Gut und Leben, für dich und deine Helfer. Aber der König ist, wie wir hören, auf dem Wege nach Italien, das Recht des Erzbischofs beginnt erst mit dem nächsten Morgen, das Recht des Vaters werden wir alle ungern ehren, und wegen des gebrochenen Stadtfriedens werden die Erfurter vielleicht mit sich handeln lassen, zumal wir selbst einen Hof in ihren Mauern haben. Doch, wenn auch all diese Hoffnung trügt, hartnäckiger Wille eines Mannes vermag viel. Und zuletzt hast du noch deine Brüder. Denn ich denke nicht, daß diese hier den Bruder in der Not verlassen werden.«
Da sprangen die Jüngeren alle in die Höhe, zuckten an den Schwertern und riefen: »Nimm den Schwur.« Und Odo fuhr fort: »Lüfte dein Schwert, mein Bruder, damit wir alle unsere Hände zugleich darum werfen. Während das Herdfeuer lodert und das Dach unseres Hauses uns bedeckt, geloben wir, dir mit Leib und Leben, Gut und Ehre zu helfen, damit du die Braut heimführst. Denn wir alle wissen, daß wir im Tode zu dir gehören, wie du zu uns.«
So schworen die Sieben sich zusammen und küßten einander am Herdfeuer. Danach setzten sie sich wieder zu geheimer Beratung.
Eine Stunde darauf ritten die Brüder den Mühlberg hinab, Immo mit Gottfried nach der Stadt Erfurt, die andern nach dem Herrenhofe. Immos Seele hob sich in neuer Hoffnung, als der warme Frühlingswind um seine Wangen wehte, und als der Bruder, welcher ihm am vertrautesten war, ihn immer wieder an der Hand faßte und durch seine vertraulichen Fragen lockte, von Hildegard zu reden. Sie ritten durch das offene Tor in die große Marktstadt, die der ganzen Landschaft für ein Wunder galt, obgleich sie in vielem einem ungeheuren Dorfe ähnlich war. Denn hölzern waren die Häuser, neben den meisten öffnete sich ein Hoftor, durch welches man auf die Dungstätte und die Ställe sah, die Gänse wateten durch den Kot der Gassen und das Borstenvieh lief schonungslos umher. Aber die Mauern und Tortürme ragten gewaltig, von den großen Kirchen und Kapellen läuteten fast den ganzen Tag die Glocken, auf den Marktbänken der freien Plätze war eine unendliche Fülle begehrenswerter Sachen zum Verkauf gestellt, und wer selten nach der Stadt kam, der wurde nicht müde, nach der Heimkehr von dem Unerhörten zu erzählen.
Diesmal achteten die Helden wenig auf die Waren und wenig auf die stattlichen Männer und Frauen, welche in den Gassen ihren Geschäften nachgingen, sie stiegen in dem Hofe ab, der dem Geschlecht seit alter Zeit gehörte, und eilten zu Fuß nach dem Hause des Goldschmieds.
Der Hof Herimans war leicht kenntlich durch das große Wohnhaus, welches sich neben dem verschlossenen Hoftor erhob. Denn ein Stockwerk ragte über dem Flur vorspringend in die Straße und trug noch einen Giebel mit mehreren Bodenräumen. Schon auf der Straße vernahm man Hammerschläge; als Immo das Gatter öffnete, welches bei Tage den unteren Teil der Türöffnung verschloß, fand er im Hausflur einen schlanken Knaben im Schurzfell, der mit Raspel und Feile an einem Metallgerät arbeitete. Auf die Frage nach dem Herrn führte der Knabe eine kleine Treppe hinauf in den hinteren Teil des Hauses, wo die Werkstatt des Goldschmiedes sich nach dem Hofe öffnete. Heriman saß mit seinem Knappen über der Arbeit, im Takte schlugen die kleinen Hämmer, um glänzendes Silberblech zu runden. Als er die beiden Krieger im Kettenhemd erkannte, sprang er auf, warf den Hammer in eine Ecke, fuhr sich heftig durch die wallenden Haare und über sein mannhaftes Gesicht flog ein Schatten von Besorgnis. Aber er bot mit ehrlichem Gruß seinen Gästen die Hand und geleitete sie aus der Werkstatt nach dem oberen Stockwerk. Durch die Lichtöffnungen der verschlossenen Läden fielen die Sonnenstrahlen in ein großes Zimmer, auf viele Truhen und Schränke und auf die schmale Bettstelle, in welcher Heriman selbst als Wächter seiner Waren zu ruhen pflegte. Während Gottfried sich neugierig nach dem Silber- und Goldgerät umsah, welches der reiche Goldschmied in seinem Hause verwahrte, stieß Heriman einen Laden auf, doch so, daß das Innere des Zimmers den Nachbarn gegenüber verborgen blieb, und rief: »Bei Tageslicht will ich mit euch verhandeln, obwohl es ein nächtliches Werk ist, an welches ihr denkt.« Er holte tief Atem und fuhr sich wieder durch das Haar. »Bevor ihr mir's sagt, weiß ich, weshalb ihr im Kriegskleide kommt, denn durch meine Base Kunitrud erfuhr ich, daß heute abend ein Gast in der Stadt einzieht, um den ihr Sommer und Winter gesorgt habt.«
»Sie darf die Schwelle des Klosters nicht überschreiten; und ich will es hindern, oder meinen Leib in euren Mauern zurücklassen.«