»Denkt in eurem Schmerz auch daran, edle Frau, daß eure Söhne durch ihre Missetat dem Spruch des Königs verfallen sind.«

»Sind meine Söhne schuldig zu büßen für eine schwere Tat, so bin ich, ihre Mutter, in derselben Schuld. Denn Blut sind sie von meinem Blut, und wenn sie jetzt auch auf ihren eigenen Beinen dahinschreiten, wohin sie ihr Mut treibt, meine Seele wandelt mit ihnen allen bei Tag und bei Nacht. Dies Geheimnis einer Mutter vermag kein Priester zu begreifen. Haben sie Missetat geübt, so bin ich dem Richter verfeindet, wie sie; und gleich ihnen will ich das Erbe des Geschlechts bewahren gegen jedermann, auch gegen den König selbst.«

»Hütet euch, Frau,« mahnte der Erzbischof, »freiwillig eure schuldlose Seele mit derselben Schuld zu beladen, welche auf jenen liegt. Denn nicht nur den irdischen Richter haben sie erbittert, auch dem Himmelsherrn haben sie geraubt, was ihm zukam, als sie eine Jungfrau entführten, die geweiht werden sollte. Darum sorgt für das Heil ihrer Seelen, indem ihr die Jungfrau zurückgebt, sonst möchte der große Richter des Himmels sich ungnädiger erweisen als König Heinrich, und eure Söhne für ihre Tat hinabstoßen in das Reich des üblen Drachens.«

Da rief Edith mit flammenden Augen: »Und wenn wahr wäre, was ihr sagt, und wenn der große Himmelsgott ihnen die Wolkenhalle verschließt um so kleine Schuld, weil sie den Besitz eines geliebten Weibes begehrten und weil sie alle treu waren in der Not; meint ihr, ehrwürdige Väter, daß die Mutter allein im Himmelssaal kauern wird, getrennt von ihren Kindern? Werden diese verworfen, so will auch ich verworfen sein, lieber will ich meinen sieben Knaben ihre Becher und Schüßlein in der finstern Hölle zureichen, als fern von meinen Kindern euch, ihr Heiligen, in der strahlenden Burg des Himmels.«

Der Mönch Reinhard warf sich auf die Knie und Willigis schlug schnell das Kreuz. Er war ein alter und gestrenger Herr, der eifrig für die Kirche sorgte. Aber als Frau Edith so empört vor ihm stand, höher als sonst und einem Weibe aus der Urzeit ähnlich, da dachte er daran, daß sie von den wilden Sachsen herstammte, wie er selbst auch; und obschon ihm graute, so kam ihm doch vor, als ob er wohl auch so reden könnte. Aber seiner Würde gedenkend, zog er sein Gewand zusammen und wandte sich zum Abgang. »Wer die Strafen der Menschen nicht scheut und die Strafen der Ewigkeit nicht über alles fürchtet, mit dem hat ein Priester nichts mehr zu reden.«

Edith jedoch faßte ihm das Handgelenk mit eisernem Griff. »Haltet an, ehrwürdiger Vater, ihr selbst und wohl auch andere haben mich in meinem Glücke über Gebühr gerühmt als ein gottseliges Weib, das den Heiligen treu diene. Weshalb meint ihr wohl, bin ich verwandelt? Den ältesten Sohn habe ich verloren, weil ich nach eurem Rat forderte, daß er gegen seinen Wunsch der Kirche diene und diese Burg den Heiligen übergebe. Als er sich weigerte, habe ich ihm gezürnt und mein Auge hat ihn seitdem nicht wieder gesehen. Finstern Gedanken habe ich seine junge Seele preisgegeben, gerade als er den Rat und die Liebe der Mutter am meisten bedurft hätte. Untreu war ich als Mutter, weil ich den Heiligen zu getreu diente. Jetzt ist er, wie ich fürchte, in dieser Welt für mich verloren, und diese Burg, die der König ein Nest unholden Geflügels nennt, soll zerworfen werden durch Eisen und Feuer. Versucht das rühmliche Werk, laßt eure Knechte kommen mit der Haue und dem Brande, stürmet die Mauern, erschlagt meine Getreuen und führt hinaus an Strick und Kette, was ihr hier an lebenden Häuptern findet. Einen Leib werdet ihr dennoch zurücklassen. Folgt mir, ihr Geweihten, zu der Stelle, die auch ihr ehren solltet, wenn ihr eures Amtes denkt.« Sie zog den Erzbischof aus der Halle über den Hof und öffnete die Tür der kleinen Kapelle. Es war nichts darin als ein Altar mit dem Kreuz darüber. »An dieser Stätte hat der große Verkünder Winfried einen Stein der Heiden geworfen und sein Genosse Wigbert hat darüber den Altar geweiht. Euch, Erzbischof, und dem frommen Könige sollte dieser Ort ehrwürdig sein, und ich meine, ihr solltet für Frevel halten, dies Mauernest zu zerreißen und den Flug der Vögel, welchen hier die Heiligen ihren Sitz geweiht haben. Was ihr tun wollt, steht bei euch, was ich tun will, berge ich euch nicht. Brecht ihr das Haus, dann wird dies die Stätte, wo ich ausharre unter berstenden Mauern und brennenden Balken. Sagt dem König, daß hier das Grab der Edith ist, und daß die Mutter der sieben Knaben keine andere Antwort für ihn hat.« Sie warf sich am Altar nieder, die Sendboten verließen schweigend den Raum.

»Wilde Worte hörten wir,« begann der Erzbischof zu Reinhard, als sie herabritten. »Doch auch der schüchterne Vogel wandelt seine Art, wenn ein Feind die Krallen nach seiner Brut ausstreckt.«

Reinhard antwortete seufzend: »In meinem Herzen fühle ich den Jammer über das Schicksal, welches diesem Geschlecht bereitet wird. Hochwürdiger Vater,« bat er, die Hände faltend, »wenn jemand den Helden Immo vom Tode zu retten vermag, so ist eurer Weisheit diese gute Tat vorbehalten.«

Der Erzbischof schüttelte das Haupt. »Du kennst noch zu wenig den Sinn dieses Königs. Meinst du, daß Heinrich seine Reise unterbrochen und uns alle als Zeugen seines Tuns mitgeführt hätte, wenn er nicht seine eigene Macht erhöhen wollte, indem er die Häupter eines edlen Geschlechts auf den Rasen wirft. Selbst wenn er dem Schuldigen nicht feindlich denkt, ja auch, wenn er die Missetat in seinem Herzen entschuldigt, ihm ist doch willkommen, sich vor seiner Kriegsfahrt als strenger Richter zu erweisen. Denn die Trauer über des Richters Spruch fühlen nur wenige, die Kunde aber, daß er wieder einen Räuber aus der Zahl der edlen Schildträger getroffen hat, fliegt durch das ganze Land, sie schreckt die Argen und gewinnt dem König die Herzen der Friedlichen. Auch hat der König hier wenig um die Rache mächtiger Herren zu sorgen, denn einsam und ohne großen Anhang von Lehnsleuten haust das Geschlecht am Walde.«