»Tutilo,« schrie die Mutter entsetzt.

»Seitdem hält der König fest, was euch zwingt. Liefere mir die Nestlinge des toten Irmfrieds, befahl der König, bevor die Sonne zur Mittagshöhe gestiegen ist; wenn sie länger zaudern, so lasse ich den Gefangenen an den Fuß der Mühlburg führen, wo man von der Höhe sein Haupt sehen kann, und ich werfe sein Haupt auf den Grund. Austilgen will ich den frechen Trotz, der Landrecht und Königsmacht mißachtet, und ausbrennen will ich die Mauern, hinter denen die Räuber mir widerstehen. Darum wollt ihr, junge Helden, den Bruder vor jähem Tode bewahren, so folgt mir aus der Burg zum Könige. Wenn er eure Ergebenheit sieht, wird sein Sinn eher der Gnade zugänglich und dem Rat solcher, welche euch Gutes wünschen.«

Da wandte sich Odo zu seinen vier Brüdern: »Unsere Lose warfen wir am Herdfeuer, als wir uns dem Bruder gelobten. Wenn wir willig waren, in den Gassen der Stadt unser Leben für das seine zu wagen, so müssen wir dasselbe vor dem Schwert des Königs tun. Ich bin bereit, den Priestern zu folgen. Vier von euch lade ich, daß sie zu mir treten.«

Da traten alle Fünf auf seine Seite, Odo aber wies seinen Bruder Gottfried zu der Mutter: »Nach dem Willen des Gefangenen gehörst du zu ihr, und dir ziemt auch jetzt diesen Willen zu ehren. Hochwürdiger Herr, wir sind gerüstet, euch zu folgen. Wir allein, denn nur wir fünf waren Genossen des Bruders bei der Tat. Die Burg unseres Geschlechts aber, die Dienstmannen und die Braut des Bruders vermögen wir euch nicht zu übergeben; darüber zu entscheiden, steht bei unserm Bruder Immo, wenn er auch gefangen ist; und solange wir nicht deutlich erkennen, daß er die Übergabe fordert, dürfen wir Brüder sie nicht vollbringen. Darum lege ich die Gewalt über die Burg und über alles, was sie umschließt, in die Hand unserer Mutter. Sorge du, Mutter, für Braut und Erbe deines Sohnes Immo, uns aber segne, da wir uns von dir scheiden.«

Die fünf Brüder warfen sich vor der Mutter auf die Knie und küßten ihr Hände und Gewand. Sie riß bleich und tränenlos einen der Liegenden nach dem andern an ihr Herz, ihre Lippen bewegten sich im Gebet, aber man vernahm keine Worte. Und als die Fünf der Tür zuschritten, stürzte sie ihnen nach und umfaßte ihnen noch einmal Hals und Haupt, bis sich die Weinenden von ihr lösten.

Die geistlichen Boten hatten der Trennung teilnehmend zugesehen, obgleich sie gewöhnt waren, alle irdische Liebe als nichtig zu betrachten. Jetzt begann der Erzbischof: »Den redlichen Entschluß eurer Söhne, edle Edith, will ich gern dem König rühmen; die Helden haben wohlgetan, dem Urteil der Mutter zu vertrauen, denn als fromm und weise wird sie im ganzen Lande geehrt.«

»Sechs junge Leben, die mir gehören, hat König Heinrich für sich genommen, was will er von der verwaisten Mutter noch mehr?«

»Die Burg und die geraubte Jungfrau, die eure Söhne darin bewahren, begehrt er von euch.«

»Die Braut meines Sohnes Immo gehört in das Frauengemach, in welchem die Mutter gebietet, und nicht in das Heerlager des Königs. An die Burg aber hat der König völlig kein Recht, und ich bewahre sie selbst um der Lebenden und Toten willen.«