Kaum hatte der Erzbischof das Gemach verlassen, so lag Tutilo vor dem Könige auf dem Fußboden. Als der Mönch nach kurzer Unterredung mit gesenktem Haupt, einem reuigen Manne ähnlich, entwich, trat Heinrich in den Saal, in welchem sein Gefolge harrte, und rief: »Ihr sagtet mir, ehrwürdiger Vater, daß der Räuber Immo spurlos verschwunden sei, wenn er nicht etwa bei seinen Genossen auf der Mühlburg hause, ihr waret im Irrtum.« Und er rief Gundomar und gab ihm einen leisen Befehl.

An demselben Tage ritt eine Schar Königsmannen dem Dorfe zu, in welchem der Hof des Bauern Balderich lag. Die Reiter umstellten das Dorf und drangen unter harten Drohungen in den Hof. Gundomar trat mit dem Königsvogt von Erfurt in die Kammer, in welcher Immo saß. Dieser wandte sich finster ab, als er seinen Oheim erblickte, aber dem Vogt reichte er die Hand. »Mir tut's von Herzen leid, Held Immo,« sprach dieser traurig, »daß ich dich zur Stelle dem König überliefern muß.«

»Ich vermag mich nicht zu wehren, wie du siehst,« antwortete Immo ruhig, »nur eine Bitte erfülle mir, verhindere deine Reisigen, daß sie den Leuten hier einen Schaden an Leib und Gut zufügen, denn aus Mitleid haben diese mich aufgenommen, als ich hilflos vor ihrer Schwelle lag.« Das versprach der Vogt.

Am andern Morgen sahen die von der Burg in der Morgensonne blinkende Speere und wehende Banner; der König hielt mit seinem Heerhaufen bei dem nahen Dorfe, in welchem die Sachsenkönige seit alter Zeit einen Hof hatten, das Königsbanner ließ er auf einem Hügel errichten, der zu dem Erbe Irmfrieds gehörte, und rings herum die Wagenburg schlagen. Aus dem Heerlager bewegte sich zur Mühlburg langsam ein friedlicher Zug, an dessen Spitze der Erzbischof Willigis ritt und neben ihm der Mönch Reinhard. Edith selbst mit ihren sechs Söhnen empfing die frommen Väter am Tor und geleitete sie in die Halle. Sie begann, auf ihre Söhne weisend: »Als ich zum erstenmal nach meiner Vermählung vor dem Altar kniete, erbatet ihr, hochwürdiger Vater, den Segen der Himmlischen für mein Leben; hier seht ihr, was ich von meinem Glück zu bewahren vermochte. Daß ihr jetzt in unserer Not zu uns kommt, dafür danke ich dem Ewigen, denn als eine gute Vorbedeutung sehe ich euer geweihtes Haupt in diesen Mauern.«

»Ich komme nicht als Bote des milden Himmelsgottes,« versetzte Willigis, »sondern als Diener eines strengen Richters. Eile hinauf, gebot er mir, zerwirf das Nest unholder Vögel und bringe mir die Brut herab unter meine Hand. Darum übergebt euch der Gnade des Königs ohne Widerstand, denn scharf ist sein Zorn und schnell folgt seinem Willen die Tat.«

Odo versetzte ehrerbietig: »Wir stehen hier in festen Mauern unter treuen Schwurgenossen, wir haben nicht die Wahl, ob wir die Feste und die Jungfrau dem König ausliefern wollen oder nicht, denn unser Bruder Immo, der hier gebietet und heute fern ist, befahl uns, beide zu halten gegen jedermann.«

Da entgegnete der Erzbischof: »Es ist eures Bruders Hals, um den ich sorge, wenn ich von euch die Ergebung fordere. Denn wisse, Geschlecht Irmfrieds, Held Immo liegt gefangen in des Königs Gewalt.«

Edith rang die Hände gegen den Himmel und die Brüder traten bestürzt zusammen.

»Diesen Morgen brachten Reisige des Königs den Verwundeten in das Lager, sein Versteck wurde dem König durch einen Feind verraten.«