Hildegard verhüllte das bleiche Antlitz und sank abgewandt von der Mutter auf die Knie. Edith saß lange Zeit schweigend, endlich begann sie forschend: »Klagst du, daß er und sein Geschlecht um deinetwillen an Leben und Ehre bedroht sind? Die Klage allein schafft keine Hilfe, auch der Himmelsherr erhört nur die Bitten derer, welche in Demut und Reue zu ihm flehen. Reut dich das Unheil, das allen droht, so denke auch auf die Rettung. Um dich allein geht der Kampf. Du vermagst ihm Leben und Freiheit zu bewahren. Denn milder wird die Strafe des Richters sein, wenn er Ergebung und Gehorsam findet.«

Hildegard lag unbeweglich, Edith trat näher und sprach über ihrem Haupt: »Liebst du ihn über alles, wie du sagst, so kannst du das jetzt erweisen: kehre zurück zu deinem Geschlecht, wende deine Schritte dem Kloster zu und entsage ihm, damit du ihn rettest.«

Ein Schauer flog über Hildegards Leib, sie richtete sich auf, und ihre großen Augen starrten entsetzt auf die Mutter. »Ist deines Herzens Meinung, Herrin, daß ich tue, wie du sagst?«

»Ich sagte dir's, du aber antworte.«

Hildegard fuhr in die Höhe. »Eine Feindin hörte ich des geliebten Mannes und eine Feindin meiner Liebe. In den Abgrund will ich tauchen, in die Flammen will ich springen, um sein Leben zu retten, bezeugt ihr guten Engel, die ihr meine Gedanken bewacht, daß ich die Wahrheit rede. Mein Leben nehmt für ihn, aber meine Liebe verrate ich nicht. Hat er alles für mich hingegeben, ich habe dasselbe getan. Gebunden bin ich an ihn und solange ich atme, gehöre ich ihm zu. Jetzt ist meine Treue der Stab, an den er sich hält auf seinem Lager, in seiner Angst. Du aber willst mich zerbrechen und hinwerfen, damit er erkenne, daß seine Liebe nichtig war und die Jungfrau, der er alles geopfert hat, feige und schwach und seiner unwert. Und wenn alle Menschen auf uns blicken wie auf zwei wilde Tiere, welche von den Jägern umstellt sind, wisse auch, unter den friedlosen Tieren ist der Brauch, wenn der Bär verwundet ist und von den Hunden umstellt, so läuft die Bärin nicht abwärts, um ihn zu retten, sondern sie wirft sich der Meute entgegen. Die Kraft der Glieder ist mir versagt, aber mein Wille ist fest wie der seine. Sage mir, wie ich sterben soll, um ihn zu retten, aber mahne mich nicht, daß ich lebend ihm entsage.«

Da rief Edith: »Jetzt erkenne ich, wie du bist. Einer Taube siehst du ähnlich, aber wer dir die Kappe von dem Haupte löst, der erkennt die edle Art eines Falken. Zürne nicht, daß ich dich versucht habe. Denn ganz fremd warst du mir. Auch das Herz einer Mutter fühlt Eifersucht, und sie frägt zuerst, ob das Weib, das der geliebte Sohn sich erkor, würdig ist, seine Vertraute zu werden anstatt der Mutter. Gesegnet seist du, Jungfrau, und willkommen bist du mir als Braut des Sohnes und als Genossin im Hause. Deine Mutter bin ich von heute und du mein Kind, und verteidigen will ich dich gegen den König und alle Welt. Komm zu mir, Hildegard, zusammen wollen wir den Himmelsgott anflehen, daß er mir das Glück gewähre, deine Hand in die meines Sohnes zu legen.«

Hildegard warf sich an die Brust der Mutter.


Frau Edith hatte recht verkündet. Als der König durch reitende Boten des Erzbischofs die Kunde von dem Raube der Jungfrau erhielt, da hemmte er, wie sehr auch sein Herz sich nach dem Süden sehnte, sogleich die Fahrt und kam mit den Edlen und den Heerhaufen, welche um ihn gesammelt waren, über die Werra zurück. Der Erzbischof ritt ihm entgegen. Er fand den König hocherzürnt und wortkarg, und als er ihm von dem Raube berichtete, unterbrach ihn der König heftig: »Wer ist Kläger?« Und da der Erzbischof erwiderte: »Ich selbst durch meinen Vogt, und der Vater der Jungfrau,« hob der König drohend die Hand und rief: »Sagt dem Grafen, er soll seine Pflicht nicht säumig tun, denn des Königs Auge ist noch über ihm.« Zuletzt sprach der Erzbischof: »Ist auch die Stunde ungünstig, um die Verzeihung des Königs zu erbitten für einen andern, der in Ungnade lebt, so darf ich doch dem Flehenden mich nicht versagen, da er ein Geweihter ist. Der Mönch Tutilo begehrt, sich vor dem König zu demütigen; unstet treibt er umher im Zwist mit seinem Abte, er kam von Ordorf zu mir und stöhnte, daß ich ihm die Huld des Königs wieder erwerbe.«

»Er hat also Lust, die Rute zu küssen, wie die andern Empörer seines Geschlechtes getan haben,« spottete der König. »Manchen bessern Anblick weiß ich, als einen hochfahrenden Mann, der widerwillig die Knie beugt und seine Miene zur Demut zwingt. Doch da dem Könige nicht ziemt, gegen einen Mönch zu hadern, so laßt ihn herein.«