Graf Gerhard eilte an die Schranken und führte den Wirt des Hessenhofes herbei. Der Mann kniete nieder und bekannte: »Laut gellte der Notschrei einer Weiberstimme aus dem Gemach, in welchem die Jungfrau rastete, und als ich vom Lager sprang und mit meiner Waffe in das Zimmer eilte, fand ich es leer, auf der Straße sah ich Reiter davonsprengen und erkannte, daß einer die Jungfrau vor sich auf dem Rosse festhielt.«
»Der Notschrei klang von den vier Wänden,« bestätigte der König, »doch sah der Zeuge nicht, ob es die Jungfrau war, welche rief. Hauste das Grafenkind allein in der fremden Stadt?«
»Nur ihre Dienerin kam mit ihr,« antwortete der Graf, »ein unfreies Mädchen.«
»Warum ist sie nicht zur Stelle?« frug der König. »Du hörst, Beklagter, etwas fehlt an dem Zeugnis gegen dich. Vermagst du den Spruch gegen dich weniger schwer zu machen durch deinen Eid und den Eid deiner Helfer, so darfst du schwören, daß die Jungfrau dir ohne die Notklage gefolgt ist.«
»Ich schwöre nicht gegen ihre Ehre,« antwortete Immo, »was mir auch darum geschehe.«
Da hob Hildegard das bleiche Antlitz ein wenig und begann leise: »Einen Goldfaden sandte ich ihm und er bewahrt ihn an seinem Herzen, die Sommerlinde auf der Idisburg sah es und weiß es, daß er mich küßte. In der brennenden Stadt stand ein steinernes Kreuz, so wahr das Kreuz dort steht, so wahr ist es, daß er mich aus den Händen der Mörder gelöst hat durch seinen Arm und sein Schwert. Dann kam er in der Nacht, in der ich angstvoll am Boden lag, weil ich die Liebe zu ihm im Herzen trug und doch am nächsten Morgen zu den Heiligen sollte; er weiß es wohl, daß ich schwieg, als er mich auf das Roß seines Freundes hob.«
In der Stille, welche diesen Worten folgte, hörte man nur das Stöhnen des Vaters, welcher sich abwandte und die Hände vor sein Antlitz hielt.
»Folgtest du freiwillig, ohne deiner Kindespflicht zu gedenken,« frug der König, »wer denn tat den Klageschrei? Weiß jemand Antwort zu geben, der antworte, damit der Zeuge nicht als meineidig erkannt werde.«
An den Schranken rührte sich's unter den Bürgern, welche aus Erfurt herbeigeeilt waren. Frau Kunitrud wurde von Heriman und andern vorgeschoben und der Rufer öffnete ihr auf einen Wink des Erzbischofs die Schranken. Sie warf sich auf die Knie, und begann mit geläufiger Stimme, während sie mehrmals aufstand und wieder niederkniete, bis sie in der Nähe des Königstuhls beharrte: »Es wird kein Brei so heiß gegessen als er gekocht ist, und ein Kind aus Burg Erfurt traut sich auch noch vor dem Könige zu reden, zumal wenn er jung ist. Alles kann ich auf das genaueste verkünden, Herr König, denn ich selbst habe die Entführung erlebt, und sie war das Ärgste nicht, was ich erlebt habe; schlimmere Gewalttat geschieht in der Welt, und noch dazu von Leuten, welche weniger gutherzig sind als dieses junge Blut. Ihr sollt wissen, Herr König, daß ich in jener Nacht bei der edlen Hildegard war. Reisemüde saß sie oder sie lag auf dem Boden und rang die Hände, wie es ihr gerade gefiel. Da vernahm ich draußen Getümmel und Klappern von Pferdehufen und ich tröstete die edle Hildegard und sagte ihr: Das tut nichts, es sind nur volle Brüder, welche gegeneinander die Messer zücken und es ist des Königs Wache, sie werden sich untereinander raufen, wie sie oft tun. Da sprang die Tür auf und der Held Immo trat ein, ganz in Eisen, und er fuhr auf die Jungfrau zu, welche wie ein Rohr wankte, da sie ihn sah; er faßte sie und rief: »Mußt du Zeter schreien, Kunitrud, so harre, bis ich zu Rosse bin.« Ich schlug erschrocken die Hände zusammen, und lief an das Fenster, riß die Decke weg und sah hinab, aber ich sah nur Undeutliches in der Finsternis, bis ich mich endlich besann und das Geschrei erhob, wie sich geziemte.«
Der König winkte und der Rufer bedeutete der behenden Frau zu schweigen, worauf sich diese wieder mit Kniebeugungen aus den Schranken zurückzog.