»Folgte das Weib widerstandslos dem heischenden Manne,« entschied der König, »so vermag der Richter nicht ihre Ehre zu rächen, sie selbst hat sich ihres Rechtes begeben und ist Mitschuldige der Gewalttat. Denn nicht ihr stand zu, sich den Gemahl zu wählen, sondern ihrem Herrn und Vater. An der Jungfrau hast du, Schwertloser, durch den Raub keinen Frevel geübt; der Richter fragt, ob du ihn geübt hast gegen Gerhard den Grafen. Dieser aber hat, wie du selbst sagst, dir sein Kind nicht verlobt, sondern er wollte es nach dem Wunsch des Königs geschleiert den Heiligen weihen. Weißt du, Immo, was dich von dieser Missetat entschuldigt, so verantworte dich.«
Die Lippen Immos bewegten sich, aber er schwieg.
Da Immo auf die Frage, welche für sein Leben entscheidend war, nicht antwortete, hob Edith mit einem Klageschrei die Hände zum Himmel, eilte durch die Versammlung zu ihrem Sohn und umschlang ihn mit ihren Armen. Er aber warf sich vor seiner Mutter nieder und barg sein Gesicht in ihrem Gewande.
Unter den Brüdern entstand eine Bewegung, Odo trat ein wenig vor und begann auf einen Wink des Richters: »Immer wünschen wir, daß der König uns gnädig sei, zumal wenn wir vor ihm sprechen sollen und doch behender Worte nicht sehr mächtig sind. So geht es jetzt mir. Was aber die Klage des Grafen Gerhard angeht, so behaupte ich, Odo, Irmfrieds Sohn, und mit mir meine Brüder Ortwin und Erwin, Adalmar und Arnfried, daß die Klage völlig eitel und nichtig ist, und wenn des Königs Huld uns Schwert und Roß gewähren will, so sind wir Fünf, die wir jetzt schwertlos stehen, bereit, dies gegen den Grafen Gerhard und vier ehrliche Kämpfer seiner Freundschaft zu erweisen, überall, wo die Sonne scheint, die Luft weht und der Anger grünt.«
Der König sah verwundert auf den jungen Helden, dem man wohl anmerkte, wie er die Worte bedächtig erwog, während er die grauen Augen und das unbewegte Gesicht auf die Versammelten richtete. »Du bist ein verwegener Gesell, daß du die Klage über eine ruchbare Missetat ungehörig schiltst. Du selbst hast die geraubte Jungfrau auf der Burg verschlossen.«
»Ich bin nicht mein Bruder,« versetzte Odo trocken, »mir war auch bisher ganz wohl in meiner eigenen Leibeshülle. Die Klage aber geht gegen den Helden Immo und nicht gegen mich. Darum ist sie grundlos und für jedermann ist deutlich, daß mein Bruder die Jungfrau nicht geraubt hat. Sie hat den Rücken seines Rosses nicht berührt; als sie in der Nacht unter den Sternen dahinfuhr, war er gar nicht in ihrer Nähe, als sie hinter dem Burgtor abgehoben wurde, lag er weiter von ihr entfernt, als die Stadt von der Burg. Wir im Lande aber strafen nur die schwere Tat, nicht schweren Willen. Was er gewollt hat, darum mögen sich die Unsichtbaren kümmern, welche, wie uns die Priester sagen, sogar die Gedanken eines Mannes erspähen, der Richter unter der Linde spricht nur über ruchbare und greifbare Tat.«
Der König musterte mit scharfem Blick den stattlichen Jüngling. »Wenn ich dich und deine Brüder betrachte, so wundert mich nicht, daß ihr die Sache wieder von des Königs Bank hinweg auf die Beine eurer Rosse bringen wollt. Ich merke, du wagst vor dem König Haare zu spalten. Was jener nicht vollbrachte, tat einer seiner Blutgesellen.«
»Dies gerade ist es, was ich der Gerechtigkeit des Königs sagen wollte. Ungern redet ein Mann gegen sich selbst. Auch ich erinnere hier nur daran, daß er schuldlos an der Tat erkannt werden möge, weil er der älteste von uns Brüdern ist und wie ich wohl weiß, unserer Mutter der liebste. Und ich fürchte, sein Tod würde ihr das Herz brechen. Muß also Strafe das Haupt eines Mannes treffen, weil das Grafenkind auf ein Roß geschwenkt wurde, so darf doch nicht mein Bruder für die Tat büßen, die ein anderer vollbrachte. Hätte Graf Gerhard diesen andern verklagt, so dürfte der andere sich nicht beschwert fühlen.«
»Du selbst warst der andere?« frug der König.
»Die Jungfrau wurde dem gereicht, der das stärkste Roß hatte,« versetzte Odo vorsichtig. »Das Roß wurde vor Jahren von dem Weidegrund des Königs nach Thüringen geführt, es ist vom besten sächsischen Schlag.«