»Auch der Reiter, wie ich merke,« versetzte der König. »Tritt zurück, Jüngling; die Klage nennt nach Recht den Urheber, er gab den Rat, er stiftete die Tat, ihm frommte das Vollbringen. Du aber warst nur sein Gehilfe. Zum andern Mal frage ich dich, Immo, weißt du etwas, was dich entschuldigt, so sprich.«

Immo stand in hartem Kampf, er wußte wohl, daß Gerhard in Wahrheit niemals der Vermählung günstig gewesen war, er selbst hatte früher dem König gestanden, daß der Graf ihm kein Versprechen getan habe, und obwohl er jetzt in Todesnot war, so erschien ihm doch nicht mannhaft, an nichtige Worte des Gegners zu mahnen. Während er mit seinen Gedanken rang, ob er reden sollte oder schweigend den harten Spruch erwarten, begann der König, zu dem Erzbischof gewandt: »Als die Ratgeber mir durch euren Mund, hochwürdiger Vater, ihren Rat kündeten, haben sie, so scheint mir, eines nicht erwogen. Der Thüring Immo war es, welcher dem Grafen zu Hilfe kam, als dieser in Kerkernot saß. Denn hätte der Jüngling nicht vor mir das Knie gebeugt, so würde der Graf einem schweren Schicksal nicht entgangen sein. Damals nun hat, so scheint mir, der Jüngling von dem Grafen selbst ein Versprechen erhalten, welches die Tochter betraf. Hat aber der Jüngling den Raub verübt auf Grund eines Gelöbnisses, das er von dem Vater empfing, so würde seine Verschuldung gegen den Gerhard gering erscheinen, denn er hätte durch empfangenes Versprechen ein Recht auf die Jungfrau gewonnen, wenn auch der Raub ein Frevel gegen den König und den Stadtfrieden war.«

Da drängte sich Graf Gerhard eilig hervor und rief laut in dem Ringe: »Keinerlei Gelübde hat der Räuber erhalten, und kein Schwur vermag ihm zur Entschuldigung zu gereichen; weder die Tochter noch irgend etwas anderes habe ich ihm verheißen, damit er tue, was mir zum Heil helfen konnte. Ganz ohne Entgelt wagte er, was für ihn kein schwerer Dienst war, da des Königs Gnade über denen, die im Unglück sind, ohnedies barmherzig waltet. War ich ihm einen Dank schuldig, so hätte ich ihm wohl etwas Gutes erwiesen durch ein Roß oder ein stattliches Gewand, wie es im Lande Brauch ist, nur nicht durch so unerhörten Lohn, wie das Magdtum meines Kindes.«

»Wie?« rief Heinrich, »war er so töricht, deine Sünden zum Könige zu tragen, ohne den Brauch der Welt zu üben und an den eigenen Vorteil zu denken? Ungern mag ich das glauben, wenn auch du es sagst. Sprich selbst, schwertloser Mann, redet der Graf die Wahrheit?«

Durch Immos Seele fuhr ein heißer Schmerz; hätte er den Schwur des Grafen angenommen, vielleicht würde er jetzt der Gefahr enthoben und zuletzt doch mit der Geliebten vereinigt. Die Lehre, welche er vom Vater Bertram gekauft hatte, mochte Unglück und Tod über ihn bringen. Und doch hörte er in diesem Augenblicke der Entscheidung wieder das feierliche Flüstern des alten Mönches, das ihn damals mit Ehrfurcht erfüllt hatte, und in seiner Seele schrie es, daß der Rat hochsinnig und ehrlich gewesen war. Darum sprach er leise in der Versammlung: »Der Graf redet die Wahrheit, ich empfing keinen Schwur von ihm, weder um seine Tochter noch um etwas anderes, und ich habe mir sie geraubt, wie Kriegsleute in der Not tun, weil sie mir lieber ist als mein Leben.«

»Nun denn,« rief der König, »so sprich, was trieb dich damals, ein unholder Bote des Grafen zu werden?«

»Mich jammerte, daß der Edle gegen einen Ehrlosen kämpfen sollte, und mehr noch als das Schicksal des Gebundenen ängstigte mich die Trauer der Jungfrau. Und Herr, wenn ich alles sagen darf, wie es mir damals erging, ich trug den Brief wahrhaftig in Einfalt und treuem Sinne, denn ich wußte und bedachte nicht, daß ich meinem huldreichen Herrn Ungünstiges reichte.«

Da flog ein heller Schein über das Angesicht des Königs. War es ein Sonnenstrahl oder ein Wetterleuchten aus seinem zornigen Gemüt, das wußten die Herren nicht, die den König mit gespanntem Blick betrachteten.