»Wohlan,« entschied der Graf, »da du dich vor meinen Mannen nach Gebühr zu entschuldigen weißt, so will auch ich heut an die Ehren deines Vaters gedenken. Siehe zu, ob du meine Tochter Hildegard erbitten kannst, daß sie deinen Stuhl in ihrer Nähe leidet, denn sie ist gleich dir vor kurzem aus der Klosterschule geschlüpft, und sie soll dir wie ein Abt in Latein dein Urteil sprechen. Wir andern aber wollen ruhig zuschauen, wenn sie über dem Scholastikus zu Gericht sitzt.«
Das Mädchen saß unbeweglich und sah errötend vor sich hin.
»Sei mir hold,« bat Immo, »da du doch aus der Schule bist.«
Ein freundlicher Blick des Einverständnisses fiel auf ihn, dann sah sie wieder vor sich hin.
»Hast du das Sprechen verlernt, Hildegard?« frug der Graf unwillig. »Sechs teure Rosse haben die frommen Frauen genommen, um dich in ihrer Zucht zu unterweisen, obgleich ich das Gewieher der Rosse lieber höre als das unverständliche Murmeln in fremden Zungen. Mich reut meine Spende, wenn du dem dreisten Schüler nicht zu antworten vermagst.«
»Cave ne iram augeas,« sprach das Mädchen leise, ohne den Schüler anzusehen.
»Nur dürftig rinnen die Worte wie aus versiegendem Quell, was hast du ihm gesagt, Mädchen?« frug der Graf.
»Sie hat mich gemahnt,« antwortete Immo sich erhebend, »daß ich mit ehrerbietiger Bitte euch nahen soll. Darum flehe ich, Graf Gerhard, daß ihr mir, wenn ich auch euer Gefangener bin, den Sitz gestattet und mich nicht von eurem Tische sendet. Denn um euch alles zu sagen, gar nicht reichlich war heut die Mittagskost im Kloster und der Ritt zwischen den Rossen eurer Reisigen war auch einem fröhlichen Imbiß sehr ungleich, und gern würde ich Heil für euch und die Jungfrau trinken, wenn ich es vermöchte.«
Da der Graf an dem beifälligen Murmeln seiner Dienstmannen erkannte, daß diesen die Art des Jünglings wohlgefiel, so lachte er und rief über die Bänke: »Wahrlich, dieser Schüler versteht nicht nur sich selbst, auch andern Ehre zu geben. Darum gefällt mir, daß heut die beiden Lateiner zusammensitzen. Fülle deinen Becher, Hildegard, und biete ihm den Trunk, rücke ihm auch deinen Teller hin, denn als dein Geselle soll er heut von deinem Teller essen und aus deinem Becher trinken.«