»Sei bedankt, Geselle,« sprach Immo. »Komme ich einmal aus dem Kloster, so sende ich auch dir etwas, das dir Freude macht.«
»Du weilst ungern im Kloster, mir aber wurde das Scheiden bitter,« begann Hildegard zutraulicher, »denn selig waren die Tage meiner Jugend unter den frommen Frauen, und wilde Reden höre ich hier unter den Männern.«
»Manches Vöglein, das aus dem Bauer kam, duckt sich furchtsam auf dem Aste, zuletzt lernt es doch unter dem blauen Himmel fliegen,« tröstete Immo.
»Als mir die Mutter starb, fand ich unter den frommen Frauen getreue Pflege.«
»Waren sie streng in der Schule?« frug Immo teilnehmend.
»Am Vormittag durften wir nur lateinisch reden,« erklärte Hildegard, »und wir lasen im St. Augustinus und die Verse im Virgilius: Conticuere omnes.«
»Infandum regina jubes renovare dolorem,« rief Immo, »manchmal hat mir der Heide den Kopf heiß gemacht,« und beide lachten vergnügt einander an.
»Auch andere Kunst lernten wir,« fuhr Hildegard mutig fort, »denn im Schreiben war Mutter Mechthild sehr geschickt und sie vergönnte mir, daß ich die Hymnen für mich schrieb. Ich habe auch das Buch genäht, ich habe es auch selbst in Holz gebunden und der Schmied hat acht Edelsteine in die Ecken gesetzt.«
»Diese Kunst vermag ich nicht zu üben,« versetzte Immo.
»Auch mit der Nadel lernten wir Bilder sticken aus Purpur und bunten Seidenfäden. Sogar Goldfäden für die Kunstreichen fehlten selten im Kloster. Sieh her, das habe ich mir selbst gestickt,« und sie wies ihm die Verzierungen am Ärmel ihres Gewandes.