Aber die Mutter zog den Ältesten wieder zu sich: »Sieh, die Knaben und die Bäume, sie sind zusammen aufgeschossen.«
»Alles, was unter deiner Hand steht, gedeiht, ich sehe, auch die Obstträger lohnen der Herrin die Mühe.«
»Die frommen Väter von Ordorf brachten nicht umsonst die Pfropfreiser zu unserm wilden Holz; wundervoll gewürzig sind die Äpfel, sie trugen zum erstenmal reichlich in dem Jahre, wo du von uns schiedest, und als der Herbst kam, hatte ich das Herzeleid, daß du die guten nicht mehr schmecktest. Dafür sandte ich einen Korb an die hohe Frau Adelheid, die Kaiserin, welche damals neben unserer Mark ihren Hof hielt. Denn gütig war sie immer gesinnt und sie freute sich auch über die Früchte und schenkte mir als Gegengabe eine Büchse mit Balsam aus dem heiligen Land. Das ist in Wahrheit ein kaiserliches Geschenk, denn es heilt schnell auch tiefe Schwertwunden und es hat sich an tapferen Männern hier in der Gegend mehr als einmal bewährt.«
»Zeige mir deine Kunst,« sprach Immo zu Gottfried, »die wohl in kurzem auch tiefe Wunden schlagen wird.« Der Knabe ergriff die Stangen und warf herzhaft. »Ich lobe die Treffer,« ermunterte Immo, bald ergriff er selbst die Gere und sie gellten so stark vom weitgesteckten Ziele, daß Gottfried freudig die Hände zusammenschlug und die andern Brüder Beifall riefen.
»Ganz gut gefällt mir, Immo,« sprach Edith zuschauend, »daß du in der Schule auch Werke eines Kriegsmannes geübt hast. Denn reitest du einst als ein gewaltiger Herr und Bischof unter deinen Kriegern, dann mußt du auch die Helden, welche das Schildamt bei dir versehen, durch Gut und Gaben ehren; und darum ziemt dir zu verstehen, wer am besten seine Waffe gebraucht.«
Immo legte die Stangen zur Seite und senkte das Haupt.
An dem Gitter stand Gertrud und erinnerte an das Mahl. In der Mitte ihrer Söhne betrat Edith den Saal, in welchem die Tische gestellt waren. An der Tür standen gedrängt die Dienstleute, um den Gruß des Herrensohnes zu erwarten. Während Immo unter sie trat und mit alten Vertrauten fröhlichen Gruß wechselte, brachte der Truchseß die Speisen und Trinkkannen. Die Mutter führte den Sohn zum Ehrensitz an ihrer Seite: »Schmal war die Kost meines Lieblings im Kloster,« sagte sie lächelnd, »dafür hat er dort das Glück genossen, neben heiligen Männern zu sitzen. Und ich vertraue, auch du hast dir in deinem Dienst bereits Ehre erworben.«
»Im Dienst vor den Altären gewinnt ein Schüler geringe Ehre,« versetzte Immo unzufrieden. »Zuerst sollte ich das Rauchfaß schwenken, doch den Brüdern gefiel nicht der Schwung meiner Arme. Dann war ich Türsteher und mit der Keule wachte ich an der Pforte, das unordentliche Volk abzuwehren, aber auch dieser ruhmlosen Arbeit enthoben mich die Dekane, weil einige Schreihälse aus der Menge Wehe riefen wegen eingeschlagener Zähne. Zuletzt las ich manchmal als Lektor vor den kleinen Altären.«
Die Brüder lachten, aber Edith merkte in ihrer Mutterfreude den Ärger des Sohnes gar nicht und zu ihrem Sitz tretend, bat sie: »Sprich das lateinische Gebet, das sich in der Stunde ziemt, wo ein Geweihter das Haus seiner Väter betritt.«