»Ich weiß nur von einem, der als verlorener Sohn nach Hause kam,« murmelte Immo, und er sprach das lateinische Vaterunser.
Immo saß wieder in dem Saal seiner Väter und sah verwundert in den großen Raum. Auf dem Fußboden aus geschlagenem Lehm, welcher glatt war wie eine Tenne, standen die Tische ganz wie sonst, von dem Herrensitz sah er durch die geöffnete Tür in den wohlbekannten Hof; hinter ihm und auf den Seiten lief, durch ein geschnitztes Geländer eingefaßt, die erhöhte Bühne, von welcher zahlreiche Türen nach den Kammern und Wohnräumen des mächtigen Hauses führten. An den Wänden hingen die alten Rüstungen und Waffen, Kampfbeute früherer Helden, auf der Bühne im Hintergrund stand der Ofen und daneben der Herrenstuhl, im Winter der wärmste Platz, aber ehrenvoll auch im Sommer. Alles war wie vor Jahren. Auch wenn er seine Mutter ansah und die alten Diener des Hauses, so dünkte ihm seine Abwesenheit und das Kloster fast nur ein übler Traum. Wenn er aber die männliche Stimme der erwachsenen Brüder hörte und die kurzen Reden, die sie während ihrer eifrigen Arbeit am Tische wechselten, so kam ihm wieder vor, als sei er bei den Erdmännchen in der Höhle gewesen, viele Jahre lang, denn er merkte, daß ein neues Geschlecht in dem Saal herrschte.
Nach dem Mahle trat Immo zu seinen Brüdern und suchte ein freundliches Gespräch, während Frau Edith der Dienerin Gertrud winkte und mit ihr den Saal verließ.
Als Edith wieder eintrat, setzte ihr die Dienerin den Spinnrocken neben den Ofen, die Herrin saß auf dem Stuhle nieder und ergriff die Spindel. »Komm an meine Seite, Immo,« bat sie, »damit ich vertraulich mit dir rede, wie sonst. Seit du von uns gingst, hat diese Hand manches Gewebe gesponnen, auch für dich, mein Sohn; ich spann dir gute Wünsche hinein, und manchmal, wenn ich deiner dachte, lag die Spindel in meinem Schoß. Denn neben diesem Rocken stand deine Wiege, ich hob dich heraus und du griffst nach den bunten Bändern am Flachse. Und als du im Hemdchen laufen lerntest, da kauertest du auf der Fußbank und warfst deine Beinchen um die Stange. Später sprangst du übermütig um meine Arbeit, wirrtest mir den Flachs und verkehrtest mir die kreisende Spindel. Jetzt freilich hast du bei den frommen Vätern gelernt, ruhig zu sitzen. Sieh dorthin,« unterbrach sie sich selbst, »an dem Türpfosten haftet noch der Speer mit dem Zeichen deines Wachstums. Denn am Speer maß euch der Vater, jedem von euch nagelte er einen Schaft an den Pfosten und in den Schaft schnitt er jedem seine eigene Marke, mit welcher der Sohn in Zukunft sein Gerät zeichne. Und als das Friedel sein Maß erhalten sollte, da lachte der Vater, weil er am Pfosten keinen Raum mehr fand, und schlug den Speer an die zweite Tür, dort steht er allein. »Denn dem Vater war das Prüfen der Größe in jedem Jahr eine Freude, obgleich die Alten sagen, daß man die Kinder nicht messen soll, euch aber hat es nichts geschadet, denn ihr seid alle hoch emporgeschossen. Tritt an das Maß,« bat sie, und als Immo ihren Willen tat, rief sie erfreut: »Mehr als eines Kopfes Länge überragst du das letzte Zeichen und der größte bist du geblieben. So ziemt es sich auch und ich dachte das immer. Wisse, Immo, in jeder Größe vermag eine Mutter ihre Kinder zu schauen, wenn sie gerade nicht bei ihr sind. Auch dich schaute ich in meinem Sinn, ganz klein und wieder größer. Aber wunderlich war es, wenn ich allein saß, dann hielt ich dich in meinen Gedanken am liebsten als ein kleines Kind auf meinem Schoß, und ich freute mich, daß du die Arme zu mir aufhobest, obwohl du doch älter warst als meine Knaben. Vielleicht sah ich dich so, weil du als kleines Kind mir gehörtest.«
Immo neigte sich zu ihr und ergriff ihre Hand.
»Wende dich noch ein wenig ab, wenn ich mit dir rede,« bat Edith und eine feine Röte flog über ihre Wangen. »Denn wenn du mich heut ansiehst mit den Augen und mit dem Antlitz deines Vaters, dann weiß ich nicht, du Holder, ob ich deine Mutter bin. Kehre dich doch wieder zu mir,« rief sie wieder und warf den Arm um seinen Hals, »denn lange habe ich dich entbehrt und mir war's zuweilen, als ob ich selbst fremd im Hause sei, weil du mir immer fehltest. Sommer und Winter schwanden dahin, meine Knaben wuchsen heran, oft machten sie am Abend der Mutter die Freude, still am Herde zu sitzen, oft trieb sie auch ihr Jugendmut auf den Höfen der Nachbarn umher. Doch muß ich meine Söhne rühmen, denn gehorsam und der Mutter treu gesinnt waren meine Knaben alle.«
»Auch ich bin dein Sohn,« rief Immo.
»Ja du,« antwortete Edith und blickte ihn mit strahlenden Augen an. Und leise fuhr sie fort: »Anders vermag ich mit dir zu reden als mit ihnen, und als ich dich am Tisch hörte, sprachst auch du nicht wie die Knaben, denn reichlicher schweben deine Worte von der Zunge und mit fremdem Klange dringen sie in das Ohr. Doch hört es sich gut an, Immo, und es macht dich meinem Herzen vertraulich. – Reich und froh fühle ich mich heut zum erstenmal wieder, seit mein Gemahl von uns ritt und mir ist, als könnte ich dir alles Geheime sagen, wie man es am Altare den Heiligen zuraunt, du liebes Opferkind. Denn du gehörst ja, wenn du auch unter uns weilst, mehr den Himmlischen an als wir andern.«
Lange Jahre hatte Frau Edith in ihrem Witwenschleier still dahingelebt, als ernste Gebieterin hatte sie die wilden Söhne gezogen und über den Dienstleuten gewaltet, ihr eigenes Herz, wenn es heftig pochte, hatte sie fest gebändigt; jetzt brach in der Freude des Wiedersehens die Mutterliebe wie ein starker Bergquell aus der Tiefe ihrer Seele. Dem Sohn schien sie einer begeisterten Seherin gleich, noch niemals hatte er sie so gehört; er lauschte hingerissen auf den Klang ihrer bewegten Stimme und doch empfand er geheimen Schmerz bei den liebevollen Worten.