Eberhard musterte den Arm. »Es ist eine Herrenfaust. Kommst du festzuhalten oder wegzugeben?«
»Ich gedenke zu bewahren, was mir zufällt,« versetzte Immo.
Da erhellte sich das Gesicht des Mannes und er rief: »Ich dachte wohl, daß du von dem Glockenseil der Geschorenen zurückkehren würdest. Denn du gehörst zum Walde, und hier merkt der Mann andere Unsichtbare, welche ungern auf das Bimmeln der Ordorfer Glocke hören.« Er betrachtete die Brüder und fuhr dann fort: »Sechs Söhne Irmfrieds stehen vor mir und allen weide ich mit meinen Knaben ihre Herden. Dennoch will ich wissen, wem ich selbst in Zukunft angehöre und ihr sollt mir's kund tun.«
Die Brüder sahen einander lächelnd an. »Du sollst es wissen nach der Teilung.«
»Meint ihr den alten Knecht gleich seiner Herde durchs Los einem unter euch anzuwerfen? Anders gedenke ich meinen Herrn zu finden. Steigt ab und folgt mir, ihr Jünglinge, denn ich will euch den Willen eures Vaters verkünden.« Er führte hinter die Hütte zu dem stärksten Eichbaum, den er mit Bündeln Astholz umschichtet hatte. »Seit acht Jahren liegt das Astholz an dieser Stelle und jedes Jahr binde ich und schichte ich aufs neue, damit das Holz vor fremden Augen verberge, was mir das liebste Stück meiner Habe ist.« Als er geräumt hatte, sah man an dem Stamme eine Waldaxt, die mit starkem Schwunge eingetrieben war. »Diese Axt,« begann der Hirt, »schlug Herr Irmfried in den Baum, als er das letzte Mal zu seinen Ebern kam. Damals bot er mir eine Hand zum Abschiede, weil ich ihm ein treuer Knecht gewesen war, und die andere Hand legte er auf mein Haupt. Ich frug unter seinen Händen: Herr, wenn ihr nimmer heimkehrt, wem soll ich ferner dienen? Darauf sprach er: Deiner Herrin Edith, solange sie dir das Brot hinaussendet und dir das Lager bereiten läßt, wenn du im Winter zum Hofe kehrst. Ich antwortete: das tue ich gern. Aber sieben Frischlinge laufen auf dem Hofe, und wenn mich die wilden Gewalten des Waldes bis zu dem Tage verschonen, an welchem ihnen die Eberzähne schießen, welchem der jungen soll ich angehören? Laßt mich nur dem besten dienen.« »Wer der beste wird, weiß nur der Christengott, versetzte der Herr, nicht ich. Herr, sagte ich dagegen, der stärkste ist mir im Walde der beste. Da sprach der Herr: Wenn der Tag kommt, wo die Sieben miteinander zu deinem Baum treten, so nimm diese Axt, neu geschärft und mit neuem Stiel, und biete sie meinen Söhnen dar, damit jeder von ihnen die Axt in diesen Baum schlage, mit dem besten Schwunge, den er vermag, der jüngste zuerst, der älteste zuletzt, so wie ich sie jetzt schlage. Und siebenmal sollst du selbst die geschwungene Axt aus dem Holz reißen, dabei prüfe, welcher von meinen Knaben am schärfsten schlägt; und der dir selbst als der stärkste erscheint, dem magst du dienen. Da hob Herr Irmfried seine Axt aus dem Sattelgurt und schlug sie in den Stamm, so wie sie jetzt noch hängt.« Die Jünglinge traten neugierig an die Waffe des Vaters. Der Alte aber stellte sich abwehrend davor und fuhr mit gehobenen Armen fort: »So bezeuge der Eichbaum und bezeuge die Herrenaxt, daß Held Irmfried mir solches Versprechen getan hat. Vor meinen Zeugen frage ich euch, ihr Söhne des Toten, ob ihr den Willen eures Vaters zu ehren gedenkt oder nicht.«
»Wir gedenken seines Willens,« antwortete Odo.
»So helft auch mir, daß ich darnach zu tun vermag. Achtmal hat das Laub gegrünt, niemand hat die Axt gehoben; das Eisen ist verrostet, das Holz ist herumgewachsen, ich selbst hütete sorglich meine Zeugen an ihrer Stelle. Jetzt aber naht die Zeit, wo ihr Sieben zu euren Tagen kommt und im Schwertgurt das Erbe eures Vaters teilen werdet. Für diesen Tag muß ich den Stiel schnitzen und das Eisen schärfen und darum will ich, daß heut einer von euch die Herrenaxt heraushebe und mir in die Hand lege, damit ich mein Recht gewinnen kann.«
Da rief der junge Adalmar nach dem Axtstiel greifend: »Gefällt es euch, Brüder, so schärfe der Knecht zur Stelle die Schneide und heut schon prüfen wir die Kraft, damit er seinen Willen habe.«
»Mir aber gefällt es nicht, daß ihr leichtherzig an dem Stiele zerrt,« versetzte der Sauhirt finster. »Nicht alle seid ihr versammelt, der jüngste ist noch ein Kindlein und ganz richtig begehre ich die Herrenwahl, wie euer Vater gebot. Heut will ich selbst einen von euch rufen, der zuerst nach seinem Vater den Stiel erfassen soll.«
Odo antwortete: »Wenn dein Ruf nur ein Spiel sein soll, das dir gefällt, so spreche ich nicht dawider.«