»Ich habe nicht gehört, daß du uns das Begehren gestellt hast,« sagte Odo trocken.

»Freundlicher Sinn wartet bei dem, was sich geziemt, nicht auf die Bitte,« entgegnete Immo.

»Bei uns aber ist die Gewohnheit,« antwortete Odo, »daß der Gast am liebsten das eigene Pferd besteigt, dessen Tugenden er vertraut.«

»Ich lobe den Reiter,« rief Immo mit blitzenden Augen, »dem auch auf einem mäßigen Pferde ein guter Sprung gelingt. Folgt mir, ihr Knaben.« Er hob die Hand und setzte über Graben und Hecke, die sich längs dem Wege hinzogen. Sogleich folgten die Brüder einer nach dem andern, nur Odo ritt gleichmütig auf dem Wege weiter, und als die Reiter zurücksprangen und lachend die aufgeregten Tiere zum Trabe bändigten, sagte er kühl: »Wir haben heut einen langen Ritt und ein verstauchtes Bein wird uns hindern.« Aber das schnelle Wesen Immos gefiel doch den andern, sie wandten sich seitdem vertraulicher zu ihm und hörten teilnehmend auf seinen Bericht über die Zucht der Klosterfüllen.

So ritt die Schar in scharfem Trabe über die Fluren, voran Ortwin, der Sprecher, zuletzt Erwin, der Marschalk. Nahten die Reiter dem Wallgraben eines Dorfes, so blies Ortwin in ein Horn des Auerstiers, das er am Riemen trug, und sie sprengten in die Dorfgasse vor den Hof des Ortsmeisters, wo sie anhielten, bis der Mann heraustrat. Verschieden waren Gruß und Fragen, wenn er ein Freier und wenn er ein Höriger des Geschlechtes war. Auch in der Flur hemmten die Reiter den Trab, wo Arbeiter auf dem Acker schafften oder wo Hirten weideten; dann eilten auch diese heran und berichteten: ob fremdes Volk über die Flur gestrichen, ob ein Diebstahl im Felde erkannt, ob ein Raubtier in die Gehege gebrochen sei und ob ein Wanderer neue Kunde aus der Welt zugetragen habe. Verwundert starrten die Landleute auf den fremden Reiter, aber wenn sie ihn erkannten, traten sie mit lautem Zuruf heran und boten ihm treuherzig die Hand, in den Dörfern drängten sich auch die Weiber und Kinder um ihn, und Immo hatte zuweilen Mühe, sich aus dem Haufen zu lösen, wenn Odo wartend nach ihm zurücksah.

Über kahle Höhen und Gestrüpp ritten sie in einen alten Buchenwald und wanden sich zwischen mächtigen Stämmen, an denen selten die Axt klang, der Höhe zu. Dort gab Ortwin das Zeichen, aus der Tiefe vor ihnen antwortete ein ähnlicher Hornruf und wildes Geheul von Hunden. Die Reiter stiegen in ein Kesseltal hinab und sahen vor sich die Hütte, welche der Sauhirt für den Sommer aus Stangenholz und Rinde zusammengeschlagen hatte, und daneben das Gehege für die Schweine. Es war ein düsterer Ort, in den Vertiefungen des aufgewühlten Bodens stand sumpfiges Wasser, um welches sich die entblößten Baumwurzeln wie dicke Schlangen dahinwanden; das Roß Immos schnaubte und scheute vor der unholden Stätte. Ein riesiger Mann in einem Rock aus Fellen, mit hohen Lederstrümpfen und Schuhen, an denen noch die Haare hingen, kniete auf dem Boden, beschäftigt, einen toten Wolf abzubalgen. Er erhob sich, scheuchte die anspringenden Hunde und begann mit finsterm Lächeln: »Den alten Grauhund traf mein Holz diesen Morgen. Wollt ihr, daß die Herde nicht zersprengt werde, so helft selbst die Wölfe schlagen, ihr Herren, denn seit vielen Jahren haben sie nicht so arg zwischen den Hügeln geheult als in diesem Sommer; ich allein mit den Knechten vermag ihrer nicht Herr zu werden. Die Nachtgänger wissen, daß die Helden in der Ebene sich zur Kampfheide rüsten und sie heulen nach ihrem Anteil an Lebendem und Totem.«

»Was hast du von der Herde verloren?« frug Odo.

Der Knecht wies auf eingekerbte Zeichen an den Pfosten der Hütte. »Die Waldweide wird gut,« sagte er kurz, »und ihr könnt den Schaden ertragen. Ein fremdes Roß sehe ich,« fuhr er fort, »aber darüber zwei Augen, die einst meinen Wald so gut kannten als ich.«

»Sei gegrüßt, Eberhard,« rief Immo und faßte die Hand des Mannes.