»Ist die Jungfrau aus eurem Dorfe?« frug Immo lächelnd.
Brunico schüttelte das Haupt und wies nach Osten. »Weiter aufwärts am Bach. In der nächsten Nacht hole ich dort Bescheid.«
Als Immo die Schar der Brüder aus dem Dorfe reiten sah, lenkte er sein Pferd dem Hofe des Baldhard zu. Der Bauer stand in seinem Hoftor. »Sei gegrüßt, Immo,« rief er ihm zu, »einem Helden gleichst du auf deinem Rosse, reite ein, damit du der Mutter von ihrem Kinde erzählen kannst.«
Immo saß zwischen den beiden Alten und vertraulicher als gegen sein eigenes Geschlecht sprach er zu ihnen vom Kloster und von der treuen Gesinnung des Rigbert. Frau Sunihild trug auf, was sie vermochte, um den Gast zu ehren und pries ihn glücklich, daß er den Heiligen dienen sollte; doch in der Miene des Hausherrn erkannte Immo trotz der gutherzigen Weise eine Unzufriedenheit. »Manches Mal hast du mir Gutes geraten, Vater,« begann Immo, »auch heute begehre ich etwas von dir, was meiner Zukunft nützen soll.«
»Willst du Geheimes von mir hören,« versetzte der Alte, »so tritt hinaus ins Freie, denn der Wind, der über das Halmfeld weht, verträgt geheime Worte besser als die hallende Hauswand.« Baldhard führte seinen Gast aus der Niederung nach der alten Grenzeiche, die auf freier Höhe weit im Lande sichtbar stand. »Du kennst die Sage,« begann der Alte, »welche verkündet, daß um diese Eiche vorzeiten ein Lindwurm gehaust hat, welcher Feuer in die Höfe trug und sich die Menschen zum Fraß raubte, bis einmal ein starker Held mit seinem kleinen Sohn des Weges kam. Dieser setzte seinen Sohn auf einen Stein, und als der Arge herankam, das Kind zu holen, erlegte der Held den Wurm, aber ihn selbst verbrannte die flammende Lohe, welche aus dem Rachen des Untiers kam. Ein Weib aus unserm Dorfe drang mutig zu der Stätte, sie fand den Helden tot, den Knaben unversehrt unter brennendem Holz und versengtem Gras. Unsere Väter meinen, der Knabe sei von deinem Geschlecht gewesen und das Weib, welches ihn bewahrte und erzog, von meinem. Darum ist dies die Stelle, wo ich mit dir am liebsten vertraulich reden will.« Er trat unter die Eiche, wies nordwärts über die große Flur seines Dorfes und die benachbarten Markungen und begann: »So weit du hier das Land siehst, war einst alles freies Erbe handfester Männer, siehe zu, was die Kirche und die Grafen daraus gemacht haben. In allen Dörfern liegen jetzt die Hufen unter verschiedenem Recht. Viele gehören den Mönchen deines Klosters, andere den Mönchen von Fulda, noch mehrere dem Erzbischof von Mainz, und was am leidigsten ist, viele auch den gräflichen Dienstmannen. Diese sitzen unter uns und sperren, wenn sie es vermögen, ihre Höfe mit einem Graben gegen das Dorf, obgleich sie vielleicht als unfreie Leute unter der Faust der Grafen stehen. Völlig zerrissen ist die Gemeinschaft der Dorfgenossen, schon sind an vielen Stätten unseres Stammes die Freien in der Minderzahl, alljährlich verschlingen die Kirche oder fremde Gebieter mehr von unsern Hufen und Behausungen. Wie sollen die Landleute noch zusammen halten, wenn sie von allerlei Herren Befehle empfangen und um die Gunst Verschiedener zu sorgen haben. Keine Dorflinde kenne ich, unter welcher der Friede bewahrt wird, bei jeder Fehde der Großen streiten die Genossen desselben Dorfes gegeneinander und über jede Flur reiten fremde Herrenrosse. Wer aber mächtig ist, ob er die Kutte trägt oder den Schwertgurt, der weiß sich auszubreiten, wenn er sich einmal in einer Flur eingenistet hat. In unserem Dorf mißlang es den Fremden bisher noch, in den Bund der Freien einzudringen. Denn wenn die Grafen wider das Recht im Gemeindeholz gerodet hatten, um ihre Leibeigenen anzusiedeln, so weigerten unsere Knaben den Unfreien Gruß und Verkehr auf dem Anger und verbrannten bei Nacht die neuen Hütten.« Er sah mit einem wilden Blick nach der Seite, von welcher die Rauchsäule aufstieg. »Ich selbst habe einen Sohn auf den Altar gelegt, weil die Mutter das weinend von mir erbat, und ich hoffe, die Gabe wird den Heiligen willkommen sein. Auch bin ich nicht säumig, dem Kloster Spenden zu geben, und mehr als ein Füllen und manches junge Rind habe ich nach Ordorf geführt. Aber das Land, auf dem wir im Herrenschuh schreiten, wollen wir, soweit es uns noch geblieben ist, vor den begehrlichen Mönchen bewahren, obgleich sie uns viel Günstiges in der großen Wolkenburg verheißen. Darum vernahmen wir Landleute mit Trauer, daß dein Geschlecht um deinetwillen eine gute Burg der Kirche übergeben will. Denn wir gedenken wohl, daß die roten Berge zur Zeit unserer Väter der ganzen Landschaft vor den wilden Ungarn Zuflucht gewährt haben. Damals lagen die Weiber und Kinder und das Herdenvieh unserer Dörfer in eurem Bergwall und die Männer verschanzten die Talwege und die Höhen mit Verhau und Wasser und wehrten den Einbruch der grausamen Heiden siegreich ab. Damals öffnete dein Geschlecht uns die rettende Burg und seine Helden geboten im Kampfe. Jetzt aber sollen die Pfaffen dort herrschen und niemand weiß, wem sie bei einer Fehde anhängen werden.«
Immo ergriff die Hand des Bauern. »Vater, so wie du, denke auch ich. Wenn ich es zu hindern vermag, soll kein Geschorener auf der Mühlburg gebieten, nicht der Erzbischof und nicht ein anderer.«
»Du selbst aber bist der Kirche verlobt?« frug Baldhard erstaunt.
»Als Kriegsmann will ich zu König Heinrich reiten, wie sehr auch meine Mutter traure, und grade deshalb komme ich zu dir.«
»Wahrlich,« rief der Bauer, dem Jüngling kräftig die Hand drückend, »jetzt gefällst du mir ganz und gar, Immo, und ich hoffe auch, obwohl du jung bist, daß du diesen Sinn bewahrst und in deinem Leben allem Herrendienst widerstehst.«