Als er seinen Willen verkündete, ein Kriegsmann zu werden, riefen ihm die Dienstmannen Heil und schlugen ihre Waffen zusammen, die Brüder aber standen mit umwölkter Stirn und waren nicht willig ihm nachzugeben. Endlich begann Odo: »Hat sich dein Sinn so gewandelt, daß du gegen den Willen der Eltern ein Kriegsmann werden willst, so siehe zu, wie du dich vor unserer Mutter entschuldigst. Darüber mit dir zu rechten, steht uns Brüdern nicht zu. Die Teilung des Vatererbes aber vollbringen wir erst in Jahr und Tag, wenn das Kind Gottfried sein Schwert trägt und bei der Teilung als Jüngster sein Recht ausüben darf, vorweg zu wählen. Denn so ist es beschlossen und wir alle haben uns seither in der Gemeinschaft wohl befunden. Die Mühlburg hatten wir widerwillig auf das Bitten der Mutter von dem Erbteil ausgeschieden, doch nur für den Fall, daß du die Pflicht der Weihen über dich nimmst, welche das Geschlecht dir aufgelegt hat. Weigerst du dich, dein Haupt zu scheren, so bestehen wir andern darauf, daß die Burg uns allen gemeinsam bleibe bis zur Teilung. Die Herrschaft aber im Geschlechte über Dienstmannen und Höfe gestehen wir dir nicht zu, obgleich du an Jahren der älteste bist, denn aus dem Kloster kommst du, fremd dem Lande und fremd kriegerischer Sitte, und wir vermögen keinem, der von der Schülerbank entlief, die Sorge um unser Wohl und Wehe zu übergeben. Ziehe du dem Heere des Königs zu, wenn dich der Wunsch übermächtig treibt, versuche, ob du dort als Ältester Ehre gewinnst. Im Walde aber und im Tale der Heimat behaupte ich bis zur Teilung mein Recht, die Brüder und Mannen zu führen.«
Immos Hand ballte sich und das Blut schoß ihm zum Haupte, aber Berthold, der alte Dienstmann, welcher in der Mühlburg gebot, trat schnell in den Ring und begann gegen Odo: »Traurig ist dieser Tag für einen Alten, der euch beide auf dem Arme hielt, als ihr noch lachende Kinder waret. Euch Herrensöhnen steht wohl an, heiß nach Ehre und Macht zu streben, doch hörte ich den Mann noch höher rühmen, der sich friedlich mit seinem Geschlecht verträgt. Aber deiner Rede, Herr Odo, muß ich widerstehen. Denn nicht zwischen euch allein schwebt der Streit, auch uns verdirbt er das Leben. Das Erbe des Vaters mögt ihr teilen, wann es euch gefällt, über die Ehre des Ältesten aber müßt ihr euch zur Stelle entscheiden. Das fordern wir, die wir euch dienen, als unser Recht. Ihr ladet uns und gebietet, daß wir auf die Kampfheide ziehen und gegen jeden streiten, der euer Feind ist, und jeden ehren, den ihr ehrt. Dem Geschlecht Irmfrieds haben wir Treue geschworen und wir folgen, solange das Erbe ungeteilt ist, dem Ältesten. Bisher warst du, Odo, uns der Älteste. Jetzt aber steht ein Bruder, der an Jahren dir voraus ist, im Schwertgurt gegen dich und begehrt sein Geburtsrecht. Euch beiden zugleich vermag keiner von uns zu gehorchen, wenn ihr uneinig seid. Und ich sage dir, wir Dienstmannen müssen, bevor die Sonne untergeht, den Herrn erkennen, welchem wir fortan folgen. Darum vertragt euch zur Stelle gütlich, was ich herzlich wünsche, oder entscheidet euren Streit wie Helden geziemt, indem ihr ein Urteil sucht vom Himmel oder von der Erde oder von eurem Schwert.«
»Gut spricht der Alte,« rief Immo. »Ich biete dir die Hand zur Versöhnung, mein Bruder, behalte du bis zur Teilung das Recht der Erstgeburt in allen Höfen, ja auch unter den Nachbarn, welche uns freiwillig ehren; mir laßt die Burg mit den Bergen und den Dienstmannen, bis in Jahr und Tag das ganze Geschlecht sich gütlich vergleicht.«
»Hältst du die roten Berge in deiner Hand,« versetzte Odo, »so bleibt das Geschlecht in der Ebene wehrlos und die Mutter und die Brüder mögen büßen, was dein wechselnder Sinn ihnen erfindet. Nötig scheint mir, daß in dem Kriege, der jetzt entbrennt, Land und Leute in einer Hand stehen, damit nicht auf dem Grunde unserer Väter der Kampf zwischen Brüdern beginne. Darum vermag ich nicht nach deinem Willen zu tun, selbst wenn ich dir bessere Gesinnung gegen uns zutraute, als du seither bewiesen hast, und bevor ich dir nachgebe, hole ich ein Urteil von meiner Schwertseite.« Er griff nach dem Schwert, die Brüder sammelten sich um ihn.
»So bezeugt mir, ihr Helden, die ihr meinem Geschlechte dient,« rief Immo in aufbrennender Wut, »bezeuge mir, hoher Himmel und du Grund meiner Väter, daß ich den gerechten Stolz gebändigt und ihm nachgegeben habe, soweit ich vermochte, und daß er mich schmäht und meinen guten Willen verachtet. Entehrt vermag ich nicht zu leben, das Blut des Bruders scheue ich mich zu vergießen. Darum fordere ich ein Urteil vom Himmel oder aus der Tiefe. Besser ist es, daß einer von uns beiden dahinschwinde, als daß das ganze Geschlecht in Zwist verderbe. Seht um euch, ihr Männer, wo ihr steht, die roten Berge gleißen und leuchten zu der Herrenwahl und die in der Erde hausen, rüsten sich einen Helden zu empfangen.« Er wies vor sich hin, die Tiefe lag in grauem Dämmer, der Dunst auf Wasser und Wiese schied den Bergring von der Ebene; wie abgelöst vom Boden schwebten die Gipfel in der Luft und in der Abendsonne leuchtete das Erdreich gleich glühendem Metall.
»Gewaltig sind die Worte, die du in der Schule gelernt hast,« warf ihm Odo mit düsterm Blick entgegen, »doch schwerlich gleicht ihnen die Tat. Du warst behend, über geschorene Köpfe zu hüpfen, aber denke nicht, dich ebenso mit leichtem Fuß in die Ehre des Geschlechts zu schwingen.«
»Verhöhnst du meine Sprünge,« schrie Immo außer sich, »so wage auch du, mir einen Sprung nachzutun, den ich jetzt um mein Recht wage. Das Gottesurteil hole ich von dem Boden unserer Väter, vertraust du deinem Recht, so folge mir nach, oder entweiche.« Er wies nach der Seite.
Dort gähnte wenige Schritte von den Männern ein Erdriß, der nahe am Gipfel begann und sich bis zum Fuß des Berges hinzog. Vielleicht hatte das herabstürzende Wasser die Kluft geöffnet, vielleicht hatte unterirdische Gewalt das Gefüge des Bodens gesprengt. Die Stelle war unheimlich, und die Leute wußten, daß sich die Schlucht in mancher Zeit schloß und wieder öffnete, so oft Unheil die Landschaft bedrohte. Nackt und kahl starrte das wilde Erdreich in dem Spalt, kein grünes Kraut haftete darin, nur beim Gewitterregen rauschten schäumend die Wasser in trübem Schwall hinab und führten den roten Schlamm über das lichte Gehölz und den Wiesengrund. Ungern klomm jemand längs dem Riß hinab, denn man sagte, daß dort der Eingang in das Innere des Berges sei, und daß böse Gewalten aus dem Reich des alten Gottes das Tor hüteten. Mehr als einer der Burgleute hatte bei Nacht ihr Geschrei gehört, Schnauben der Rosse und Bellen der Hunde, und viele hatten im Abendlicht erkannt, wie große Rudel von Wölfen hinein- und herausfuhren. Jetzt gerade war der Riß auf der Oberfläche breiter als wohl sonst, an manchen Stellen so tief, daß man von oben in das Innere des Berges hineinzusehen meinte.