Immo sprang an den Schlund, aber Berthold lief ihm nach und schlang die Arme um ihn. »Halt ein,« rief er, »greulich ist die Stelle, kein Menschenfuß vermag die Tiefe zu überfliegen, fürchte die Unsichtbaren, welche dort unten lauern.«

Aber Immo schüttelte den Alten ab und rief: »Den guten Gewalten meines Lebens vertraue ich, ob sie mir gnädig sind. Sieh her, Odo, der Springer schwingt sich in sein Erbe, folge mir, Kriegsmann, wenn du vermagst.« Und weit ausholend, setzte er in mächtigem Schwunge über den Schlund. Erschrocken sahen die Männer die wilde Tat, als er aber am andern Rand des Schlundes auf die Knie sank und die beiden Arme gegen die untergehende Sonne hob, da schrien die wilden Genossen lautes Heil und zogen die Schwerter. Im nächsten Augenblick verstummten die Rufe, der Leib eines Mannes sank mit schwerem Fall, Odo stürzte in die Tiefe. Immo wandte sich um und Entsetzen durchfuhr ihn, als er den Bruder undeutlich unter sich liegen sah. Die jüngeren Brüder liefen abwärts, die Gewappneten drängten sich mit starren Blicken um den Spalt. Sobald aber Immo erkannte, daß Odo, der weiter abwärts an das Licht getragen wurde, die Glieder regte und sich auf die Schulter eines Bruders stützte, hob er sich empor auf den Vorsprung, der untergehenden Sonne zu, riß das Schwert aus der Scheide, schwang es dreimal gegen die Sonne und rief: »Zu mir, ihr Helden. Von der Sonne holten meine Ahnen ihr Recht und von keinem geborenen Manne. Bezeuge mir, milde Herrin, daß ich als rechter Erbe Besitz ergreife von Burg und Herrschaft.«

Die Schatten der Nacht lagen auf dem Lande und dunkle Wolken verdeckten das Sternenlicht, als Immo in den Hof zurückkehrte. Vor der Tür harrte seiner der jüngste Bruder. »Wie geht es dem Gestürzten?« frug Immo. »Er sitzt zerschlagen im Saal,« antwortete der Knabe traurig. Immo atmete tief und stieß die Tür auf, die Mutter saß bleich auf ihrem Sitz, die Brüder schweigend an der Bank.

Als Immo auf der Schwelle der Mutter gegenüber stand, erhob sie sich, riß das Schwert, welches sie den Abend vorher den Händen des Sohnes entwunden hatte, von der Wand und schleuderte es zwischen sich und Immo auf den Boden. »Hier nimm, was dir zukommt,« rief sie, »die Teilung des Erbes suchst du bei den bösen Geistern des Abgrundes. Das Recht des Ältesten begehrst du an Leib und Leben deiner Brüder. Dem Helden, der so mannhaft denkt, gebührt die unheilvolle Waffe; prüfe die Schneide, du Held. Erkennst du alte Rostflecke darauf, so wisse, daß die Waffe schon einmal von Bruderblut gerötet ist.«

Immo trat einen Schritt auf Odo zu. »Mich reut der wilde Zorn, mein Bruder, und groß war meine Angst, als ich dich in der Tiefe sah. Zur Stelle fühlte ich schweres Leid. Daß ich dich wiederfinde, nimmt mir das Grauen von der Seele.«

Aber Odo sah finster vor sich hin und antwortete nicht.

»Ich lobe die Entschuldigung,« rief Edith bitter, »welche eine Untat abbläst, wie den Staub der roten Berge. Und da wir alle hier gesellt sind, das ganze Geschlecht Irmfrieds mit freundlichem Herzen und guter Meinung zueinander, so vernehmt eine Sage, meine Söhne, welche die Mutter am Feierabend für euch bereit hält. Einst, da ich Jungfrau war im Vaterhause, dachte ein junger Held der Thüringe darauf, ein Sachsenmädchen zur Hausfrau zu werben und der Vater war ihm wohlgeneigt. Da kam der ältere Bruder des Jünglings, mächtiger an Gut und Ehren, von einem Kriegszuge in den Sachsenhof, dieser gewann größere Gunst des Vaters und erhielt die Jungfrau zum Weibe. Unter den Brüdern entbrannte Feindschaft, in den Mauern ihrer Stammburg zogen sie gegeneinander die Schwerter und der jüngere wurde durch die Waffe des Bruders schwer getroffen. Seitdem ahnte den Gatten Übles für die Zukunft und sie meinten den Zorn der Ewigen zu versöhnen, wenn sie das erste Kind dem Dienst des Himmelskönigs weihten. Dies Kind warst du, Immo. Heute aber trug ein Bruder deines Klosters mir die Kunde zu, daß du am Altar der Heiligen die Hand gegen einen Geweihten erhoben hast und als ein Missetäter aus dem Kerker des Klosters entwichen bist.«

»Den Tutilo schlug ich am Altar nieder,« rief Immo dagegen, »weil er die Faust gegen seinen Abt ballte und gegen mich selbst die Geißel schwang. Wurde die heilige Stätte entweiht, nicht ich war der Verbrecher, sondern er. Und wagt der Babenberger mir noch einmal gegenüber zu treten, bei allen Heiligen des Himmels, wo es auch sei, ich tue ihm dasselbe. Du selbst aber weißt, daß ich nicht aus dem Zaun des Klosters gebrochen bin, sondern durch den Abt in Freiheit zu dir gesandt.«

»Nicht als ein Freier kehrtest du in das Haus deiner Väter, als Geweihten des Herrn begrüßten wir dich und du täuschtest die Mutter durch unwahren Bericht.«

»Das tat ich nicht,« rief Immo. »Als ich die Freude sah, mit der du auf meine Weihen hofftest, da wurde mir allzu schwer, dir zu sagen, daß ich die Stola für mich nicht begehre. Heut aber bekenne ich dir's, obwohl du zornig bist. Ich vermag nicht den Heiligen zu dienen, wie du begehrtest.«