»Ungehorsam willst du sein deinen Eltern und treulos gegen den Himmelsherrn,« rief Edith heftig.
»Gehorsam wirst du mich finden in allem, worin der Sohn seiner Mutter gehorchen darf, und um die Gnade des Himmelsherrn denke ich als ein ehrlicher Kriegsmann zu werben. Aber ein Pfaff werde ich nicht.«
»Als ich dir das erste Gewand auf deinen Leib zog, habe ich dich dem Dienst der Heiligen gelobt. Wie darfst du wagen, das Gelübde deiner Mutter unwahr zu machen?«
»Hast du dein Kind zum Opfertiere geweiht, um dich von der eigenen Not zu lösen,« rief Immo, »so siehe zu, ob du ihm seine Hörner zu binden vermagst. Ist das die Liebe der Mutter, daß sie den Sohn in das Elend stößt und mit seinem Haupte die Buße bezahlt, um sich selbst das irdische Heil zu sichern?«
Edith zuckte wie unter einem Schlage, ihr Antlitz erblich, als sie sprach: »Eines Gottlosen Stimme höre ich. Für ein Elend gilt dir der heilige Dienst und einen Verstoßenen nennst du dich, während ich dir das Beste bereiten will, was dem Menschen auf dieser Erde vergönnt ist. Mein bist du, von meinem Leibe kommst du und meine Treue hat dir das Leben bewahrt. Wem gehörst du an, wenn nicht deiner Mutter?«
»Gabst du mir das Leben, so gabst du mir doch nicht denselben Wunsch, der dir die Seele füllt. Nicht nach deinen Gedanken vermag ich zu wandeln, Liebe und Leid fühle ich anders als du und dem eigenen Willen gedenke ich fortan zu vertrauen, wenn ich auch deinen Rat ehrfürchtig höre.«
»Bist du so frei von der Pflicht gegen die Mutter und gegen dein Geschlecht, so vergiß auch, wer dich laufen lehrte und wer dir zuerst die Worte deiner Rede vorsprach, vergiß, daß du ein Sohn des Irmfried und der Edith bist, und wandle dahin gleich einem Vater- und Mutterlosen, der irgendwo am Wasser oder unter dem Baum gefunden ist. Alles Gute, das dir von der Mutter und den Ahnen kommt, willst du für dich nützen, deines Geschlechts willst du dich rühmen, und wenn sie dir sagen, daß dein Antlitz dem deines Vaters gleicht, willst du lachen und nicken. Aber was dir von Pflichten obliegt als dem Sohne deines Hauses und dem Kinde deiner Eltern, dem willst du dich frevelhaft entziehen. Ich lobe die Klugheit, Immo. Doch wisse, du Freier, wenn du deine Pflicht gegen die Mutter verachtest, so naht der Tag, wo die Mutter sich deiner schämt.«
Mit glühendem Antlitz sprang Immo zurück: »In der Halle meiner Väter höre ich die Kuttenträger zischen; sehnsüchtig kam ich her und begehrte die Liebe der Mutter und der Brüder; geschwunden ist die Treue, kalte Hohnrede vernahm ich von den Lippen der nächsten Verwandten. Lenke du den Flug deiner Nestlinge, Mutter, wie es dir gefällt, mir aber hast du den Sinn verwandelt und unter den wilden Tieren will ich lieber hausen als hier.« Er sprang aus der Tür und über den Hof, riß sein Pferd aus dem Stalle, hob den Balken des Hoftors und sprengte über die Brücke, während die Mutter in der erleuchteten Halle stand und die Hände über ihr Herz preßte. »Eilt ihm nach,« befahl die Mutter, »daß seine Seele nicht unter den bösen Geistern der Nacht verderbe.«
»Wie mögen wir ihn hindern, er ist ja der ältere,« versetzte Odo trotzig. Doch Gottfried lief in den Hof und rief den Namen des Bruders in die Nacht hinaus, nur undeutlich klang die Kinderstimme in das Ohr des Entweichenden. Es war ein leiser Ton, aber die Tränen brachen dem Flüchtigen aus den Augen, da er ihn hörte. In die Nacht hinein ritt Immo halb bewußtlos, das Blut hämmerte in seinem Haupte, die Mondsichel am Himmel zitterte und die Sterne flirrten und verschwanden vor seinen Augen; er sprengte durch den Bach, daß die Flut um sein Haupt spritzte, und fuhr über Wiesengrund und Felder den Bergen zu. Dort fand er sich in dichter Finsternis, schwarze Baumwipfel bargen das Wolkenlicht, die Äste und Zweige schlugen in sein Gesicht und hielten wie mit Krallen sein Haar und Gewand. Zitternd suchte das Roß einen Weg durch das wilde Gestrüpp, bis der Reiter wieder den Nachthimmel über sich sah und einzelne Hügel, die dunkel vor ihm aufstiegen. Als er sich in dem Talkessel zwischen den roten Bergen fand, da hob er den Arm in wilder Freude nach den Gipfeln und ritt längs dem Bergwall dahin. Die Stimmen, welche in dem hohen Rohr schrien und stöhnten, warnten ihn, daß er sein Roß der Höhe zu riß, denn dort unten hausten tückische Geister, die Roß und Mann festhielten und langsam hinab in die grundlose Tiefe zogen. Vor ihm flackerte durch den Wasserdunst ein rotes Feuer und undeutliche Schatten fuhren riesengroß durch den Lichtschein. Da sträubte sich ihm das Haar, auch das Roß ächzte und stauchte zurück und er hörte eine Menschenstimme: »Wer stört das Mahl und dringt in den Reigen, haltet ihn fest und werfet ihn zu Boden.« Er spornte das Roß zu weiten Sätzen und als er vorüberfuhr, sah er eine Flamme auf Steinhaufen, grell beleuchtete Gestalten von Männern und Weibern, wilde Gesichter und gehobene Arme. Wie vom Sturmwind getragen fuhr er hindurch, hinter ihm flogen Speere und krachte eine geworfene Axt, lautes Hallo und Geheul folgte. Dann war er wieder allein in dichtem Nebel. Er schlug sein Kreuz und sprach hastig das Kredo, er wußte, jene hinter ihm waren Landleute aus der Ebene, die dort heimlich alten Opferbrauch übten. Als Kind hatte er Schreckenvolles gehört von der Grausamkeit, mit welcher sie die Störer ihrer abgöttischen Feier straften, und er erinnerte sich, daß er schon einmal als Knabe von fern den Lichtschein gesehen hatte und daß der fromme Bruder, der damals sein Lehrer war, ihn ermahnt hatte sich abzuwenden, damit der teuflische Schimmer ihm nicht den Sinn verstöre.
Wieder umschloß den Reiter unheimliche Nacht. Kläglich seufzten die Unken im Teich und über ihm jammerten die Nachtvögel, die Rudel der Wölfe bellten und heulten und ihre schwarzen Schatten fuhren durch den Nebel dahin, da meinte er in der Luft die Gewaltigen der Nacht zu schauen, riesige Männer auf dunklen Rossen, welche ihm zuwinkten und nach dem Tor im Berge wiesen. Denn vor ihm gähnte der Erdriß, den er heute übersprungen hatte, und die Schatten mahnten zur Rache. Er hielt wie fest gebannt, das gellende Geschrei der Nachttiere und das Flattern in der Luft betäubte ihm das Hirn, daß er im Sattel schwankte. Aber im nächsten Augenblicke rückte er sich kräftig auf dem Rosse zurecht und atmete tief wie einer, welcher erkennt, daß sein Bangen unnötig war. Denn zwischen dem wilden Heidenlärm vernahm er laut und lauter das Rauschen eines gebändigten Wassers, unter welchem sich ein Rad schwang, und er vernahm das Klappern des Mühlwerks, die freundliche Stimme, welche von den Mönchen durch die Worte gedeutet war: Hilf, Herre Gott. Daran dachte er jetzt. Die Mühle klang bei Tag und Nacht langsam und schneller, wo Menschenwerk fleißig geübt wurde, sie hatte Frieden bei Heiden und Christen und Gutes bedeutete ihr Gesang jedem, der ihn hörte; alle Hausfrauen im Lande riefen ihr Heil und Segen zu, denn das kluge Werk befreite ihren Hof von der Mühe, die Handsteine zu drehen; die wilden Tiere fürchteten den Lärm und sogar der tückische Wassergeist saß, wie die Leute wußten, stundenlang am Ufer und horchte erstaunt auf das lustige Pochen. Und er hatte einst, da die Mühle grade still stand, dem Vater des jetzigen Müllers zugerufen: »Müller, laß dein Hackebrett klingen, damit meine Kleinen darnach tanzen.« Da lachte Immo und er gedachte, daß er einst im Kloster als Schüler bei großer Wassersnot mit dem Sintram und einigen Jünglingen dem Müller zu Hilfe gesandt worden war. Dort hatte Vater Sintram in der Nacht lange gegen den Wasserschwall gebetet, bis er darüber entschlief. Die frechen Knaben aber hatten dem schlafenden Greise sein Gesicht und den Scheitel ganz mit Mehl bestreut, daß er aussah wie ein Schneemann. Und als der Alte so verwandelt vor den Müller trat und aus dem Lachen des Mannes die Untat erkannte, da hatte er ruhig sein Haupt in das Wasser getaucht und darauf zu Immo gesagt: »Mir geschah recht, weil ich im Schlaf meine Pflicht vergessen hatte. Du aber mein Sohn hast unrecht getan, einem alten Manne die Ehre zu kränken.« Seit diesen milden Worten bestand das gute Vernehmen zwischen ihm und den beiden Greisen.