Immo sprang vom Rosse und blickte lange auf das stäubende Wasser und die weißen Blasen, welche in der Finsternis dahinschwanden, übertönt war das wilde Geschrei in seinem Rücken, er stand im Frieden, den der Mensch von den Gewalten der Natur erzwingt. Er beugte sich nieder zum Wasser und schöpfte einen Trunk mit der hohlen Hand, dann schlug er kräftig an die Pforte, bis Ruodhard, der Müller, öffnete und verwundert den Herrensohn und das Roß in seinem Gehege aufnahm.

Am Morgen saß Immo allein in dem öden Turmgemach der Mühlburg, der Gewitterregen schlug gegen die Mauern und goß sein Wasser durch die kleine Fensteröffnung auf den Steinboden. Die gute Lehre, welche der Mönch im Garten ihm zugeteilt hatte, war von ihm mißachtet worden. Hätte er der Mutter und den Brüdern sogleich bei der Ankunft die ganze Wahrheit gesagt, so hätte der Zorn nicht wie ein verdecktes Feuer um sich gefressen, bis er die Freundschaft verdarb. Er gedachte auch der Rede des Sintram und frug sich selbst, ob er noch jemanden in der Welt hätte, der für ihn bete. Denn den Himmlischen war er wohl verleidet, die im Kloster haßten ihn und die eigene Mutter hatte ihn von sich gestoßen. Ein Gefühl der Einsamkeit, wie er es im Kloster nie gekannt, bedrückte ihm das Herz, jetzt war er frei, er saß als Herr in der Burg, welche die Feinde das Nest der Zaunkönige nannten, aber er war auch frei wie ein Vogel und freundlos.

Als er aufsah, stand vor ihm die alte Gertrud, vom Regen durchnäßt und stellte einen Tragkorb zu seinen Füßen nieder. »Dies sendet dir Frau Edith, Immo.«

»Was sprach die Mutter?« frug Immo wild.

Gertrud hob ein leinenes Bündel aus dem Korb und breitete es mit zitternden Händen auf der Bank aus. »So redete Frau Edith zu mir: Trage dies dem Jüngling Immo und sage ihm, ich sende, was ihm gehört, und was ich in der Stille von seiner Habe bewahrte. Dies ist das erste Hemdlein, das ich ihm spann und das er trug, die Leinwand ist vergilbt, denn kein Sonnenstrahl hat sie gebleicht und kein Nachttau hat sie genetzt, aber die bittern Tränen der Mutter hängen daran, denn als er das erste Gewand auf seinem kleinen Leibe trug, habe ich ihn dem Dienst der Heiligen gelobt. Und hier sind andere Gewänder des Kleinen, sein Spielwerk, an dem er sich freute, als er zu meinen Füßen saß und die Kinderwaffen, welche ihm der Vater geschnitzt hat. Alles hob ich auf in der Truhe und oft hat mich gefreut, es herauszuholen und dabei an meinen Sohn zu denken. Jetzt hat er sich feindlich von mir gelöst, darum sende ich ihm, was sein ist.«

»Hart ist die Mutter,« rief Immo, seine Augen in der Hand verbergend.

»Und Frau Edith sprach weiter: Sage dem Kriegsmann, daß die Treue einer Mutter nicht verloren geht, wenn auch der Sohn statt des Vaterhauses sich die finstere Nacht erwählte. Solange ich lebe, werde ich harren, daß er zu den Heiligen zurückkehrt. An dem Tage werden ihm meine Arme geöffnet sein, und der Ehrensitz im Saal seiner Väter bereitet.«

»Vergebens wird sie diesen Tag erwarten,« rief Immo.

»Beide seid ihr feurig,« fuhr Gertrud begütigend fort, »wenn auch die Mutter ihre Hast besser zu bergen weiß als du. Denn ganz ruhig sprach sie zu mir, aber ich weiß wohl, wie ihr zumute war. Euch beiden kommt wohl die Überlegung, daß eins dem andern sich fügt. Unterdes gebot mir Frau Edith, daß ich auf dem Berge bei dir bleibe, mein Sohn, damit dir in der Einsamkeit die Pflege nicht fehle.«