»Ich liege über dir in den grünen Blättern,« klang es von oben zurück. »Ganz gut ist mein Lager auf starkem Ast; blicke aufwärts, wenn dir's gefällt, damit ich einmal deine großen Augen sehe, denn diese haben mich hergezogen.«

Das Mädchen erhob sich schnell und wandte sich dem Ast zu, in demselben Augenblick neigte Immo das Haupt behend abwärts, umschlang von der Höhe mit einer Hand ihren Hals und küßte sie auf den Mund. »Guten Tag, Geselle,« sprach er, »so hatte ich mir's ausgesonnen und so ist es vollbracht.« Er fuhr wieder aufwärts und sah von seinem Aste zärtlich in das gerötete Antlitz.

»Wenn ich die Wächter rufe, fangen sie dich,« murmelte Hildegard halb bewußtlos.

»O tue es nicht,« flehte Immo, »denn bei Tag und Nacht dachte ich daran, ob ich dich wiedersehe. Wenn die liebe Sonne nach Westen ging, so freute ich mich, daß sie deine Wangen bescheinen würde. Oft habe ich dir Botschaft gerufen über Berg und Tal und den Bergwind ermahnt, daß er dir etwas von mir zutragen solle. Aber ruhelos schweift der Wind und unsicher ist, ob er nach unseren Bitten tut. Darum kam ich lieber selbst.«

Hildegard sah ihn furchtsam an. »In unserem Turme fand ich ein graues Käuzlein, als es in Not war, das bewahrte ich mir gern in meinem Gemache. Aber über Nacht hat es sich in ein Raubtier verwandelt. Ganz anders erscheinst du mir hier als daheim in der Halle; wie ein Drache in seinem Schuppenkleide liegst du auf dem Ast, und ich weiß nicht, bist du noch der, an den ich dachte, oder bist du ein Fremder.«

»Aus dem Gewand des Kauzes bin ich geschlüpft und das Eisenhemd trage ich, Hildegard, auch um deinetwillen. Wenn einmal der Spielmann vor dir singt und du vernimmst, daß er auch meine Taten rühmt, dann sollst du stolz sein auf deinen Gesellen.«

»O du törichter Immo,« rief das Mädchen kummervoll, »wie soll ich mich freuen, wenn ich von den Schwertern höre, die dich bedrohen, und bedenke, daß die Streitaxt gegen dich fliegt. Leidig ist mir der Ruhm, den die Sänger geben, denn sie preisen am liebsten die Helden, welche tot auf der Walstatt liegen. Ich aber dachte dich zuweilen gern an meiner Seite, dann sangen wir zusammen und ich strafte dich, wenn du unartig warst, indem ich dich an deinen Haaren zog.«

»Tue das jetzt,« bat Immo, neigte den Kopf wieder zu ihr herab und sah sie bittend an. Aber der Jungfrau rannen die großen Tränen aus den Augen, sie lehnte ihr Haupt an den Baumstamm und weinte still vor sich hin. Immo schob sich näher, wieder legte er seinen Arm um ihren Hals und sprach ihr leise ins Ohr: »Geliebte, dich selbst will ich gewinnen auf der Kampfheide. Wenn ich mein Haupt stolz tragen darf, erbitte ich dich von deinem Vater zum Gemahl.«

Hildegard blickte ihn treuherzig unter Tränen an und antwortete: »Das weiß ich, und darum weine ich.«