»Ich will sie fragen, ob auch ihnen mit dem Raub des Schatzes die Kampflust geschwunden ist. Die ich führe, sind freie Knaben vom Walde, und ich weiß die Antwort im voraus.«
»Wieviel sind ihrer?« frug der Graf mit einem Wolfsblick. »Mich wundert, daß du sie von meinen Leuten getrennt hältst.«
Immos Auge flog über das Tal, er sah, daß er selbst in der Gewalt des Grafen war, denn ein Wort vermochte die ganze Meute gegen ihn zu hetzen, er trat deshalb zurück, legte die Hand an das Schwert und antwortete: »Meine Knaben sind schnell zu Fuß und von der Heimat her an Waldversteck gewöhnt, auch ihr Lager haben sie vorsichtig gewählt und wer sie bewältigen wollte, würde harte Stöße erhalten und schwerlich Beute aus ihren Taschen davontragen. Darum ist es besser, daß ihr uns ungekränkt ziehen laßt, wohin wir wollen. Ihr aber vernehmt zum Abschied noch eins: Große Lügen erzählen die Leute auf der Landstraße, vielleicht war es gar nicht der Schatz des Königs, welcher gefangen wurde, oder doch nicht der beste Teil. Wer die Ehre eines Herrn hat, wie ihr nach eurer Rede, der sollte vorsichtig sein, bevor er sie gegen Schande weggibt. Lebt wohl, Graf Gerhard, wenn wir uns wiedersehen, so möge es in Frieden sein, denn zweimal habe ich als Gast an eurem Tisch gesessen und ungern würde ich euch feindlich gegenüberstehen.«
Während der Graf betroffen die kluge Warnung erwog, gewann Immo sein Roß, welches Brunico bereit hielt, und verließ unangefochten das Lager.
Als die Sonne sank, warf sie ihr goldenes Licht über die Höhe, auf welcher die Idisburg stand. Der alte Turm glänzte wie mit leuchtender Farbe übergossen und an der niedrigen Burgmauer lagen die Ranken der Brombeeren wie mit Purpur und Goldfäden umwunden. In der unteren Hälfte des umschlossenen Raumes brüllten die Rinder, welche von den Dorfleuten dort zusammengetrieben waren. Auf der höchsten Stelle im Burgwall stand eine Sommerlinde, welche ihre großen Blätter als ein dichtes Laubdach fast bis zum Boden breitete. Es war ein wonniger Platz, wilde Glockenblumen blühten in dem lichten Schatten und kleine Schmetterlinge fuhren hin und her, die Vögel lockten ihre Jungen in den Ästen des Baumes zusammen und die Grillen schwirrten den Chorgesang zu dem Ruf der Gefiederten. Dort saß Hildegard, das Grafenkind; die Hände im Schoß gefaltet sah sie in das Tal über das Lager der Reisigen, über den Laubwald und über die geschwungenen Höhen dahinter bis in die Ferne, wo Erde und Himmel im Dämmerlicht zusammenfloß. In ehrerbietiger Entfernung lagerten einige alte Dienstmannen, welche zum Schutz der Jungfrau hinauf gesandt waren, auch sie schauten abwärts nach dem Main hin und wiesen einander unter dem lichten Gewölk die Grenzburgen des Feindes. Es war still um die Jungfrau, nur einzelne Klänge aus dem geräuschvollen Lager drangen herauf, zur Seite blökte das Herdenvieh und zuweilen lief eine Ferse nahe heran und rupfte die Blätter des Baumes. Dann knackte und rauschte es hinten in den Zweigen, Hildegard wandte sich um und scheuchte die Vorwitzigen, aber sie kamen doch wieder, und das Mädchen vergaß zuletzt in ihren Träumen die genäschigen Gäste.
Ihre Lippen bewegten sich und leise klangen die gesungenen Worte des heiligen Liedes:
Audi, benigne Conditor,
nostras preces cum fletibus[3].
Aber sie gedachte im Singen nicht sehr an den Schöpfer, sondern mehr an einen Flehenden, der ihr dieselben Worte vor wenig Wochen im Scherz zugerufen hatte. Und während sie so sang und mit verklärtem Blick vor sich hinsah, war ihr, als tönte der Sang noch einmal über ihr in dem Baume. Sie hielt inne, da rauschte es in den Zweigen und bei dem Säuseln der Blätter klang über ihr wieder dieselbe Weise, aber mit anderen Worten, und sie vernahm von der Höhe:
Rana coaxat suaviter
In foliis viridibus[4].
Sie saß unbeweglich, ein Lächeln flog um ihren Mund und eine hohe Röte ergoß sich über ihr Antlitz, aber sie wagte nicht aufzusehen, damit der lustige Traum nicht entschwinde. »Bist du es, Geselle?« frug sie leise. Aber gleich darauf schämte sie sich der vertraulichen Rede.