Der Graf sah seinen Dienstmann kummervoll an, ohne zu antworten. Aber Immo vermochte seinen Unwillen nicht zu unterdrücken.
»Dreiste Worte höre ich von den Helden eurer Bank, Graf Gerhard; mich dünkt, sie stehen solchen übel, die dem König zuziehen.«
»Wie vermag ich ihre Gedanken zu beugen,« versetzte der Graf ärgerlich, »da sie doch recht haben? Kann der König seinen Kriegern nicht lohnen, wie sollen sie ihm dienen? Entweicht zur Seite,« rief er den Dienstmannen zu, »vergällt ist mir der Trunk, harret, bis ich allein den Rat finde, der uns frommt.«
Die Bankgenossen brachen auf und setzten sich in die Nähe ihrer Rosse mit bedrängtem Gemüt zu kleinen Haufen.
Immo merkte, was in der Seele des Grafen vorging und daß seine stille Hoffnung, der Jungfrau in den nächsten Tagen als Reisegenosse nahe zu sein, schnell dahinschwand. Er begann deshalb: »Zürnt meiner Jugend nicht, wenn ich dreist mit euch rede. Ich ahne, daß euch die Reise zum König verleidet ist, denkt daran, daß seine Gefahr größer ist als die eure und daß ihr ihm gerade jetzt eure Treue erweisen müßt. Denn er ist nach Recht unser Herr, und er hat euch, wie ihr mir vertrautet, im voraus gelohnt. Ich vernahm immer, daß Treue und Dankbarkeit starke Ketten sein sollen, welche den Helden binden.«
»Du sprichst gut,« versetzte der bekümmerte Graf, »aber du bist jung. Glaube mir, Immo, als ich in deinen Jahren war, lebte ich so treu und dankbar wie ein Hündlein, ich lief hin und her, um andern zu dienen, und wenn mir die Könige einen Brocken zuwarfen, so sprang ich vor Freude. Jetzt aber habe ich eigenes Gut zu bewahren und muß vielen Begehrlichen spenden, jetzt rät mir die Vorsicht, vor allem zu fragen, was mir vorteilhaft ist, damit ich mich in meiner Macht erhalte zwischen Pfaffen und Laien, welche sämtlich gierig sind, sich zu meinem Schaden auszubreiten.«
»Zürnt mir nicht, Graf Gerhard, wenn ich euch sage, daß es edler ist, mit Ehren unterzugehen als in Schande zu leben,« rief Immo.
»Dasselbe ist immer auch meine Meinung gewesen,« versetzte der Graf. »Ganz wie du war auch ich in meiner Jugend willig, mich für den Herrn töten zu lassen, dem ich damals diente. Jetzt aber bin ich selbst ein Herr, welcher andere erhält, die für ihn auf der Walstatt sterben, jetzt habe ich um eine Herrenehre zu sorgen und diese befiehlt mir vor allem, daß ich Herr bleibe über andere und mit hundert oder zweihundert Rossen ins Feld ziehe, für oder gegen wen es auch sei. Darum will ich auch dir Gutes raten. Setze dich nicht in ein Haus, welches stürzen will.«
»Soll ich umkehren?« frug Immo prüfend. Da der Graf keine Antwort gab, fuhr er nachdrücklich fort. »Ich gehe zum König, und wenn alle von ihm abfallen, so soll er doch im letzten Kampfe nicht allein stehen.«
»Auch du bist nicht allein, Immo, du hast für andere zu sorgen, welche dir folgen.«