»Mein Oheim Gundomar!« rief der überraschte Jüngling und trieb unwillkürlich sein Pferd mit einem Sprung zur Seite. »Es ist mein erster Kampf, wie darf ich umwenden?«
»Wohl hättest du verdient, daß jene dort dich schnell auf den Rasen legen. Dennoch gehorche, Knabe!« und der Oheim riß ihm das Pferd herum, schlug es mit der Speerstange und beide stoben nebeneinander hinter dem Könige her, der mit wenigen Begleitern flüchtig voranritt. Immo fuhr dahin wie im Traum, zuweilen sah er verstohlen auf die düstre Gestalt des gewaltigen Reiters, der an seiner Seite jagte. »Wende dein Haupt nicht rückwärts,« befahl Gundomar kurz, »achte auf den Zügel, dein Pferd hat heut mehr Meilen gemacht als dir frommen wird, und jene folgen auf auserwählten Rossen.«
»Mich kränkt's, Oheim, daß ich davonreite.«
»Ich meine, andere kränkst du, daß du im Felde reitest,« klang es von dem andern Rosse zurück und weiter ging es Hügel hinauf und hinab. Die Sonne brannte, die Luft wehte scharf an die Wangen. Immo hörte hinter sich Rosse schnauben und sah den Hauptmann, mit dem er gerungen hatte, blutend und staubbedeckt an der Seite seines Oheims. Dieser wies auf die Niederung vor ihnen, durch welche ein Bach mit Erlen und Weidengebüsch umwachsen dahinrann. »Du kennst die Furt, sammle dahinter die noch schlagen können und stelle dich noch einmal gegen die Feinde, wollen sie durchschwimmen, so finden sie die Ufer steil, ihr reitet im Vorteil. Fahre wohl, Bernhard, wer übrig bleibt, sorge dafür, daß er seine Gesellen aus dem Fegfeuer löse, ich gedenke deiner Seele, tue mir dasselbe.« Er winkte mit der Hand, der Reiter blieb zurück; sie tauchten in das Wasser, der weiße Schaum hing sich an ihre Kleider. Der Oheim riß das Roß des Neffen an wegsamer Stelle das steile Ufer hinauf und wieder ging es vorwärts in gestrecktem Lauf. Hinter ihnen klang stärker der Ruf der Verfolger, darauf ein Gegenschrei der Königsmannen und Getöse des Kampfes. Als sie wieder eine Anhöhe erreicht hatten, sah Held Gundomar nach rückwärts, Freund und Feind jagten wild gemengt in geringer Entfernung nach, vor ihnen durchritt der König die Furt eines andern Baches, weiter vorn hob sich ein steiler Berghang mit dichtem Fichtenholz bewachsen. »Hinter dem Harzwald findet er Rettung,« sagte der Ohm zu sich selbst und ritt voran in den Bach. Am andern Ufer gebot er: »Nur wenige Verfolger sind dem Haufen voran, mache die Kehre zum Anlauf.« Er wandte sein mächtiges Streitroß im Bogen und fuhr von der Höhe herab den Feinden entgegen, welche aus dem Bach auftauchten. Behend folgte Immo seinem Beispiel. Als er den feindlichen Reitern entgegenritt, ergriff ihn der Kampfzorn seines Geschlechtes, er hörte seinen Oheim das Kyrie eleison mit schmetternder Stimme rufen, auch er rief sein Hara, und Roß und Reiter schlugen gegeneinander. Ihn umgab ein wilder Wirbel von Männern, welche aus dem Wasser emporrangen, von springenden Rossen und gehobenen Armen. Er warf seinen Speer und traf mit dem Schwert, die Streiche dröhnten von den Schilden und Helmkappen. In der geröteten Flut des Baches sah er sinkende Krieger und ledige Rosse, an seiner Seite fand er den treuen Brunico wacker dreinschlagend mit blutigem Haupte. Und er vernahm wieder die donnernde Stimme seines Oheims: »Wendet nach rückwärts!« Da tauchte er schnell zu Boden, riß dem Manne, den er gefällt hatte, seinen Speer aus der Wunde, und die geborgene Waffe mit Jauchzen über dem Haupt schwenkend, sprengte er hinter dem Oheim die Berglehne aufwärts, bis zu einer Stelle, wo ein Hohlweg den steilen Abhang durchschnitt. Dort stieg Gundomar ab und gebot ihm durch eine Handbewegung dasselbe zu tun, dem Brunico aber winkte er, die keuchenden Rosse weiter hinauf zu treiben. »Hierher habe ich dich geführt, weil du aus edlem Geschlecht bist, und hier ist das Tor, an dem du halten sollst, bis du fällst,« befahl der Oheim mit düsterer Miene, »denn Helden sehe ich gegen uns reiten und kein anderer Pfad führt zum König als über unsere Leiber. Stehe als erster in dem Wege. Nimmer meinte ich, daß die Heiligen mir zur Buße meiner Sünden auferlegen würden, dich zu rächen; doch heut will es das Schicksal so fügen.« Er trat auf einen Stein, wo seine mächtige Gestalt weit erkennbar ragte, und stellte den Schild an seinen Fuß.
Aus der Tiefe sprengten feindliche Reiter. »Weiche abwärts, Graf Ernst,« rief Gundomar ihrem Führer entgegen, »fruchtlos war dein Jagdritt, mein Schild sperrt dir die Wildbahn.«
Graf Ernst sprang vom Rosse und zuckte die Schildfessel am Arme zurecht. »Drei Zäune deiner Speerreiter habe ich durchbrochen, meinst du, daß der letzte mich aufhält? Behende versteht dein König zu fliehen, seine Helden haben gelernt mit den Beinen zu kämpfen, den Rücken bieten sie willig unseren Speeren.«
»Vergebens suchst du mich zum Streite zu locken,« rief Gundomar entgegen. »Ich denke daran, daß wir einst in der Fremde Kampfgenossen wurden, als dein Schild den Tod von meinem Haupte abwehrte.«
»Ich meide dich, solange ich andere Beute finde, tue du dasselbe,« rief der Babenberger. Er hielt den Schild über sein Haupt und sprang die Bergsteile wie ein Raubtier hinauf gegen Immo. Als dieser den gefürchteten Helden erkannte, den er einst im Kloster gesehen hatte, hob sich sein stolzer Mut, und er trat ihm entgegen. Die Speere der Helden flogen und beide hafteten in den Schilden. Sie zogen die Schwerter und tauschten blitzschnelle Schläge, daß die Funken an Helm und Schildrand sprühten. Erprobt war die Kraft des Grafen, aber der Arm Immos schlug stärker von der Höhe abwärts.
Die Krieger, welche dem Grafen folgten, zauderten kurze Zeit und sahen auf den Kampf der beiden Helden, dann warfen sie sich gegen den andern Wächter des Bergtors und Gundomar rang gegen sie wie ein Eber gegen die Hunde.
Mehr Feinde sprengten heran, auch gegen Immo rannte ein zweiter, ein dritter. Immo erhob seine ganze Kraft wider den Grafen zu wildem Sprunge, er schmetterte mit dem Schwert in den Helm und drückte den Schild gegen den Leib des Feindes, daß dieser wankte. Da traf ihm selbst ein geworfener Streitkolben das Haupt, so daß er zurückfuhr und auf den Weg sank. Aber in demselben Augenblick sprang Brunico über ihn und hielt seinen Schild den Markgräflichen entgegen; von der Höhe drang ein Trupp Reiter in den Hohlweg und aus dem Gewühl der Männer und Rosse vernahm Immo die scharfe Stimme des Königs: »Ergreift den Verräter.« Talab wogte der Kampf und aus der Tiefe erscholl freudiges Kampfgeschrei der Königlichen. Als Immo allein lag, fühlte er, daß ihn ein Fuß unsanft berührte und als er halb bewußtlos aufsah, glaubte er das Antlitz Gundomars über sich zu erkennen und zwei Augen, welche mit kaltem Haß auf ihn starrten; darnach verlor er die Besinnung.