»Er raubt wie die andern,« fuhr Heinrich fort, »er ist nicht schlechter als seinesgleichen und schleicht vorsichtig durch die Täler.«

»Seine kleine Schar wird der König ohne Schaden entbehren.«

»Nicht die Schilde, welche er von uns abführt, betraure ich; aber gerade, daß er kein Held ist, der Kühnes wagt, sondern ein Mann wie andere Edle auch, das schlägt mir die Wunde. Denn wie er, werden viele handeln. Wahrlich, es steht schlecht mit der Sache des Königs, wenn diese Art Raubtiere von seinem Pfade weicht.«

»Auch hat Graf Gerhard sich bereits vorweg genommen, was ihm der König als Lohn versprochen hatte,« begann der große Krieger kalt, »und ihm fehlte der Grund, den andere Empörer vorgeben, daß der König zuerst ihnen ein Gelöbnis gebrochen habe.«

Heinrich fuhr auf wie von einer Natter gestochen. »Unleidlich ist dein Trost,« antwortete er scheu, »willst auch du zu meinem Bruder und zu dem Babenberger hinüberreiten, daß du mich in dieser Stunde einen Treulosen nennst und zu einem Gesellen des Grafen Gerhard machst?«

»Ich habe mich dir gelobt, König, und ich denke meinen Eid zu halten, obgleich auch ich zu denen gehöre, die du als Raubtiere schmähst. Aber die Wahrheit berge ich dir nicht, das hast du oft erfahren. Ich stand dabei, als der König dem Markgrafen bayrisches Land versprach, damit das Geschlecht der Babenberger dem König zum Throne helfe. Und ich hörte wieder, daß der König auch seinem eigenen Bruder die Herzogswürde in demselben Bayern verhieß. Jetzt schreien beide durch das Land, daß Heinrich ihnen das Wort gebrochen habe. Befiehl mir, sie im Kampfe zu erlegen, und du weißt, ich werde es tun, wenn ich es vermag. Aber wundere dich nicht, wenn jene beiden von vielen gelobt werden, weil sie ihr Anrecht gegen dich mit den Waffen suchen.«

Der König nahm die kühne Rede schweigend auf und saß wie getroffen von der Vergeltung, endlich hob er das Haupt und begann: »Da ich König wurde, dachte ich besser von den deutschen Edlen. Aber in dem ersten Jahre habe ich sie erkannt. Jedermann hüte sich zu versprechen, was er nicht zu halten vermag, und zumeist hüte sich, wer die Krone trägt. Doch glaube mir, Geselle, keinem wird schwerer auf seinem Worte festzustehen, als dem Könige, wenn er ein Löwe bleiben will in dem Reich gefräßiger Tiere. Niemand weiß es und niemand glaubt es, wie dem König sein verpfändetes Wort und sein redlicher Wille zu einer Todesgefahr wird in späteren Tagen. Durch die Treue, die er andern erweist, schafft er sich Untreue. Wer heute sein Freund ist, wächst morgen, sobald er Gut und Gabe erhalten hat, zu seinem Gegner. Jeder begehrt Macht und je größer seine Macht wird, desto höher steigt seine Begehrlichkeit. Wahrlich, wie ein verächtlicher Tänzer schwankt der König auf dem Seil, und die Arme, welche er ausstrecken muß, um das Gleichgewicht zu bewahren, heißen List und Gewalt. Jammervoll wäre seine Aussicht nach dem Tode, wenn ihm nicht gelänge, den Himmelsherrn wieder zu versöhnen durch Demut und fromme Werke. Daß Gutes aus dem Übel komme, das ist des Königs geheimer Trost.« Er stützte das Haupt in die Hand und sah traurig vor sich nieder.

Ein Reiter jagte heran, ein zweiter und dritter. »Sieh auf, König,« rief sein Begleiter, »dort hinten blinken die Speereisen in der Sonne, Krieger sind es des Gerhard oder der Babenberger, deine Wächter fahren nach rückwärts. Führt die Rosse her,« gebot er. »Hoffen die Toren zum zweitenmal einen Schatz zu fangen? Sie sollen nichts gewinnen als harte Schläge.«

Auf die Ruhe in der Landschaft folgte wilde Bewegung, die flüchtigen Reiter sammelten sich vor dem Könige, am Hoftor stampften die herausgeführten Pferde, der König beobachtete noch immer einen Trupp Feinde, welcher die Wurfspeere schwenkend, heranjagte. »Geringe Ehre wäre es für den König, mitzukämpfen,« mahnte der Vertraute. Heinrich nickte gleichmütig und schwang sich auf sein Roß, während aus der Ferne gellender Kriegsruf erscholl.

Immo sah mit pochendem Herzen und strahlenden Augen auf den Feind, er band sich den Eisenhut fest, rückte den Schild am Arme zurecht, wirbelte den Speer und wollte zu den Wachen sprengen, welche sich gegen den Feind ordneten. Da fiel eine Hand schwer in die Zügel seines Pferdes, neben ihm hielt der große Kriegsmann, ein glühender Blick aus Augen, die er wohl kannte, bannte ihn fest und eine Stimme, deren Ton ihm tief in das Herz drang, befahl: »Zurück!«