Auf dem Wege hielt Immo an und mühte sich, aus dem Feuerkranz, der um die Festung loderte, die Lager der einzelnen Heerhaufen zu erkennen. In weiter Entfernung war der Hügel, auf dem die königlichen Zelte standen, dort und jenseits der Festung lagen bayrische Haufen, weiter abwärts Schwaben, Mainzer und Fuldaer, gerade vor ihm Herzog Bernhard mit seinen Sachsen. Da nickte er zufrieden und wandte sich schnellfüßig dem sächsischen Lager zu. Bald unterschied er hinter der langen Reihe flammender Feuer die starken Heerwagen, welche die Sachsen zu einer Wagenburg zusammengestoßen hatten, um dahinter wie in einem Walle sorglos zu ruhen. Von den Wachen angerufen, wurde er auf sein Begehr zum Zelt des Herzogs geführt. Der Kämmerer kam unwirsch aus dem Zelte. »Wie mag ich meinen Herrn wecken?« antwortete er auf die Forderung Immos. »Jämmerlich ist Bier und Met in Bayerland, und mein Herr schöpft hier so üblen Nachttrunk, daß ich allen Heiligen danke, wenn er nur erst eingeschlafen ist.«
»Ist das die Meinung, die du von deinem Herrn hegst, du grober Waldgötze,« rief eine tiefe Stimme aus dem hintern Zelt und ein Lederstrumpf kam gegen den Rücken des Kämmerers herausgeflogen. »Ich will wissen, wer da ist. Bist du es, Held Immo, so tritt herein.«
Der Kämmerer öffnete den Vorhang, Immo erkannte beim matten Schein einer Lampe den Herrn, der mit einem Lodenmantel aus heimischer Wolle zugedeckt lag und das gutherzige Gesicht ihm fragend zuwandte. Er berichtete die Warnung, welche Wizzelin geraunt hatte, und den plötzlichen Aufbruch der fahrenden Leute. »Sie wären nicht von ihren Feuerstellen gewichen, wenn sie nicht besorgten, daß der Markgraf auf ihrer Seite angreifen wird.«
»Schwerlich hat Hezilo die Spielleute zu seinen Vertrauten gemacht,« versetzte der Herzog kopfschüttelnd. »Und wenn er kommen will, so sind wir bereits da. Auch ist Hezilo ein Christ und ein ritterlicher Mann, der seinen Feind niemals anfallen wird, während die Unholde der Nacht durch die Lüfte fahren. Und wäre er, wie sein Vater war, so würde er uns auch Tag und Stunde vorher wissen lassen, obwohl wir die Stärkeren sind. Doch die jetzige Jugend mißachtet alte Bräuche, zumal wenn sie ihr beschwerlich sind. Darum war deine Sorge unnötig.«
»Vielleicht liegt der Markgraf uns so nahe,« wandte Immo ein, »daß er nicht bei Nacht, aber beim ersten Morgenschein in das Lager einzubrechen vermag. Ihr selbst mögt ermessen, ob er im Vorteil kämpft, wenn er zu dieser Stunde an unsere Hütten dringt.«
Der Herzog richtete sich mit halbem Leibe auf. »Wecken kann ich meine Sachsen nicht, denn wenn sie bei Tage mannhaft kämpfen, so haben sie dafür, sobald sie schlafen, ein solches Gottvertrauen, daß auch ein brüllender Löwe sie schwerlich in die Höhe brächte.« Er setzte gemächlich ein Bein auf den Boden und zog einen Lederstrumpf an. »Dennoch will ich ein übriges tun.« Er befahl, den Hauptmann seiner Leibwache zu rufen, forderte den zweiten Strumpf und schritt gewichtig im Zelte auf und ab. »Sobald die erste Lerche aufsteigt, sollen sie gerüstet bei den Rossen stehen.« Zuletzt warf er den Mantel um. »Komm ins Freie, Held, damit ich selbst zum Rechten sehe.« Sie schritten die Reihe der Wachen entlang, der Herzog prüfte mit scharfem Blick ihre Aufstellung und gab dem Hauptmann Befehle. »Sende sogleich behende Läufer zu den nächsten Scharen, aber vorsichtig, daß man aus der Ferne die Bewegung nicht merke. Auch die Nachbarn sollen sich rühren.« Und als der gute Herr alles vorsorglich bestellt hatte, sprach er zu Immo: »Gedenke auch du der Ruhe, ich mißtraue jedem Manne, der sein Lager gering achtet. Hast du uns Günstiges geraten, so soll dir's vergolten werden, bleibt's bei deinem guten Willen, so werde ich auch diesen dem König rühmen.«
»Gern möchte ich mit dem kleinen Haufen meiner Genossen morgen früh in eurer Nähe sein,« versetzte Immo, »ich bitte, daß ihr mir's gestattet und mich beim König entschuldigt, wenn ich eigenwillig zu euch aufbreche.«
»Deine Knaben sollen eine rühmliche Ecke meiner Holzburg bewachen,« entschied der Herzog, erfreut durch den Eifer, »du aber sollst unter meinen Helden reiten und in meiner Nähe hoffe ich dich zu finden.«
Im ersten Morgengrau klangen bei den Sachsen die Alarmtöne, gleich darauf erhob sich wilder Lärm, die Rufer schrien, Pfeifen und Hörner gellten, das ganze Lager fuhr wie ein aufgescheuchter Ameisenhaufen durcheinander, bald sprangen ledige Rosse über das Feld und verwundete Helden wurden aus dem Gewühl getragen. Vom Sachsenlager her scholl immer wieder das Kriegsgeschrei der Angreifer und Verteidiger und das Dröhnen der feindlichen Äxte an den Bohlen der Wagenburg. Hin und her wogte der heiße Kampf, dreimal suchte der Markgraf den Lagerring in wildem Ansturm zu durchbrechen. Aber die Reiter des Herzogs brachen an jeder Stelle, welche gefährdet war, aus ihrer Burg, hemmten dreimal den Sturmlauf der Feinde und wehrten dem Durchbruch, bis der König selbst mit neuen Scharen herankam. Da wandten jene plötzlich ihre Rosse und verschwanden wie sie gekommen waren. Auch die Verfolgung, welche König Heinrich befahl, vermochte sie nicht zu erreichen.