Die Sonne neigte sich dem Horizont zu, als Heinrich, der mit seiner Leibwache dem Heere die letzte Meile vorausgesprengt war, von der Höhe das Tal der Festung erblickte. Als er die Lagerstätten mit ihren wehenden Bannern unversehrt vor sich sah, da brach er in einen lauten Freudenruf aus und neigte sein Haupt, um das Gelübde, das er dem Himmel in der Sorge getan, mit dankbarem Herzen zu wiederholen. Wie er zum Lager hinabstieg, klang von der Seite Heermusik und eine Schar von Reitern und Fußvolk zog mit ihren Wagen ganz gemächlich dem Lager zu. Verwundert frug der König: »Wer sind diese, die so lustig am Feierabend reisen, nachdem die andern das Werk getan haben?« Immo ritt vor: »Es ist das rote Kreuz von St. Wigbert, Herr Bernheri sendet seine Mannen.«
Da lachte der König: »So hat der Jagdspieß des Alten doch die Empörer gebändigt,« und der Schar entgegenreitend, rief er ihrem Führer Hugbald zu: »Als säumige Schnitter nahet ihr, die Halme sind gemäht. Dennoch seid willkommen zum letzten Sprunge um den Erntekranz.« Und als Immo seinen alten Genossen Hugbald begrüßte, sprach dieser: »Unser Herr Abt sendet dir seinen Segen und Dank für deine Mahnungen, die ihm die Spielleute zugetragen haben. Manchen Heiltrunk hat er dir zu Ehren getan. Jetzt hält er sich auf dem Berge gegen sein eigenes Kloster verschanzt. Doch hoffe ich, euer Sieg soll den Tutilo mit seinem ganzen Anhang austreiben.«
Am nächsten Morgen ließ der König die Gefangenen rings um die Mauern führen, die Belagerten zu schrecken, und sandte seinen Rufer, die Übergabe der Festung zu fordern. Dem Geschlecht des Markgrafen und den Dienstmannen versprach er freien Abzug in das böhmische Land, bei längerem Widerstand drohte er mit Austilgung durch Feuer und Schwert. Die Helden der Burg saßen in sorgenvoller Beratung, die Bedächtigen rieten, besser sei es, etwas zu retten, als alles zu verlieren, denn reißendem Wasser und siegreicher Hand vermöge man schwer zu widerstehen, aber die meisten riefen, sie wollten lieber sterben, als die Mauern übergeben, solange ihr Herr noch in Freiheit lebe. Und sie weigerten zuletzt die Übergabe. Den ganzen Tag wurde verhandelt, der König aber beschloß, die Unschlüssigen am nächsten Morgen durch einen Angriff zu zwingen.
Es war eine mondlose Sternennacht, Immo wachte mit seinen Knaben am Ufer des Baches, nur einen Pfeilschuß von der Festung entfernt. Wie Jäger im Bergwald lagen die Thüringe, ihre braunen Wollmäntel über der Rüstung, Bogen und Pfeil in der Hand, wo ein Strauch oder eine kleine Senkung des Bodens Deckung gab. Sie lauerten auf jedes Geräusch und jeden Schatten, der hinter dem Bach und an den Zinnen der Festung sichtbar wurde. Gerade vor ihnen erhob sich ein dicker, viereckiger Mauerturm, welcher aus der Fluchtlinie der Mauer nach dem Bach vorsprang, damit man aus ihm die anstürmenden Feinde von der Seite treffen konnte. Die rötliche Rauchwolke, welche jede Nacht über der Festung schwebte, sank tiefer, das Geräusch entfernter Stimmen verhallte; Mitternacht war vorüber und der graue Dämmerschein am Rande des Himmels rückte von Norden nach Osten. Da vernahm Immo neben sich das leise Gequake eines Frosches, das Zeichen, durch welches die Jäger einander mahnten; im nächsten Augenblick wand sich Brunico auf dem Boden zu ihm. »Sieh zur halben Höhe des Turmes. Es regt sich in der Luke, ich meine, dort ist ein Lebender zu merken, der graue Schatten sinkt langsam abwärts.« Gleich darauf klang es im Wasser: »Er watet oder schwimmt.« Immo gab das Zeichen, hier und da tauchte ein Haupt vom Boden, die Rohrpfeile flogen an die Sennen und die spähenden Blicke fuhren über jede Stelle des Ufers. Wieder rauschte es, der Leib eines Mannes hob sich über den Rand des Baches, vorsichtig schob er sich auf dem Boden vorwärts, gerade dem Versteck der Thüringe zu. Schon hatte er einen niedrigen Strauch erreicht und richtete sich hinter ihm auf der Lagerseite in die Höhe, um in das ferne Land zu blicken; da, als seine Gestalt über dem Grunde erkennbar wurde, klangen von beiden Seiten die Sennen und flogen die Pfeile gegen ihn. Der Mann stöhnte, neben ihm fuhr Brunico in die Höhe, nach kurzem Ringen trat der Knappe wieder an Immos Seite, und mit einer Gebärde des Abscheus sein Schwert einsteckend, brummte er, »es war Ringrank, der Fechter.« Immo sprang zu der Stätte, an welcher der Unselige lag, beugte sich über ihn und das schwere Haupt hebend raunte er ihm ängstlich zu: »Wer sendet dich?« Der Sterbende tastete mit der Hand nach seinem Messer, als er aber über sich das traurige Antlitz Immos sah und die freundlichen Worte hörte, murmelte er: »Der Rache des Königs dachte ich zu entrinnen, darum trug ich einen Gruß für dich.«
»Wo ist sie?« frug Immo tonlos.
»Wo ich war,« seufzte der Mann wieder und fiel zurück.
Die bleichen Sterne schienen auf glanzlose Augen, Immo deckte dem toten Fechter das Gewand über das Antlitz und wandte sich ab. Ihm hämmerte das Herz in der Brust und sein Blick haftete fest auf dem Turme, aus dem der Fechter herabgestiegen war. Er winkte Brunico an seine Seite, dann wand er sich selbst bis an das Ufer des Baches. Als er zurückkehrte, rief er seine Mannen in eine Talsenkung nach rückwärts. »Mahnt den Hugbald, der neben uns liegt, daß er mit Wigberts Knechten unsere Stelle besetze. Euch aber, meine Knaben, lade ich, daß ihr mir folgt. Denn was mir auch geschehe, ich klimme den Pfad hinauf, den der Tote herabgestiegen ist. Die in der Stadt vertrauen der Nacht und ihrem Handel mit dem Könige, keinen Wächter erkenne ich auf der Zinne, noch hängt das Seil. Halten wir erst den Turm, so soll Hugbald mit Sturmzeug uns folgen.«
»Manche Klippe unserer Berge, die wir erklommen, war höher,« ermunterte Brunico. »Führe, Immo, wir folgen.« Die schnellen Knaben stiegen geräuschlos zum Bach hinab, sie tauchten in die Flut, wateten und schwammen und waren nach kurzer Zeit am Fuß des Turmes versammelt. Immo prüfte den Halt des Seils. »Der Erste sei ich,« brummte Brunico, ihm den Arm haltend. »Keiner vor mir,« befahl Immo, »schwinde ich dahin, so führe du die Treuen zurück.« Er schwang sich am Seile aufwärts und hob sich in die Öffnung des Turmes, gleich darauf schüttelte er das Seil, und seine Knaben folgten schnell einer dem andern.
Das Stockwerk des Turmes war menschenleer, die Tastenden fanden in der Mitte eine große Standschleuder und an beiden Seiten offene Türen, sie führten zu der Holzgalerie, welche an der inneren Fläche der Mauer unter den Zinnen entlang lief. Auch die Galerie in ihrer Nähe war ohne Bewaffnete, nur von dem nächsten Turme, durch welchen ein Tor nach dem Wasser führte, klangen die Tritte der Wachen. Während Brunico vorsichtig die kleine Treppe hinabstieg, welche von der Galerie zum unteren Stockwerk des Turmes reichte, gab einer der Knaben rückwärts dem Hugbald das verabredete Zeichen, einen flüchtigen Feuerschein. Dann harrten die Thüringe ungeduldig auf das erste Tageslicht.