»Es ist ein frommes Werk,« versetzte der Gefangene traurig. »Wisse, Immo, daß es schwer ist, auf Erden ohne Sünde zu leben. So habe auch ich, wie ich fürchte, zuweilen etwas getan, was mich den Heiligen verleiden kann, ich sorge, daß es ihr Zorn ist, der mich in diese Gefahr gebracht hat und daß sie mich gar nicht gutwillig hören werden, wenn ich sie hier aus diesem Loche um meine Rettung anflehe. Denn in meinem Jammer bekenne ich, wenig habe ich ihrer im Glück geachtet. Dem Gebet der Mönche mich zu übergeben, kann gar nichts frommen, denn auch diese sind mir zum Teil verfeindet, und sie beten nur eifrig, wenn sie Hufen und reiche Gaben erhalten. Meines Gutes aber wird, wie ich fürchte, der König mich entledigen. Darum ist mir eingefallen, was mich wohl retten könnte. Ich habe meine Sünden aufschreiben lassen; nicht gerade alle, denn mit den kleinen will ich den großen Fürsten des Himmels nicht lästig werden, aber die schwersten. Drei Tage und drei Nächte habe ich zwischen diesen Steinen darüber nachgedacht sie zu finden und zu bereuen. Dem Beichtiger der Gefangenen – er ist ein ausgelaufener Mönch und ein guter alter Mann – habe ich sie hergesagt und er hat sie auf mein Drängen niedergeschrieben und versiegelt.« Er holte ein zusammengelegtes Pergament unter seinem Sitze hervor, wies es dem erstaunten Immo und sprach feierlich: »Hierin sind meine Sünden, nämlich die groben. Mir kann Rettung bringen, wenn du sie zu wundertätigen Reliquien großer Heiligen trägst und sie in ihrem Schrein oder doch darunter birgst, damit die Heiligen selbst mein Bekenntnis empfangen, und wenn sie es lesen, sich meiner erbarmen.«

Immo trat erschrocken zurück und sah scheu auf das zusammengelegte Pergament. »Wie darf ich mich unterfangen, dies Blatt den Heiligen zu übergeben, da ich kein Priester bin?« versetzte er. »Und wie kann ich einen Reliquienschrein erreichen, da ich selbst kein solches Heiligtum besitze?«

»Schaffe das Blatt an einen Ort, wo große Heilige hausen,« raunte der Graf ängstlich.

»Ich selbst bin aus dem Kloster in Unfrieden geschieden,« antwortete Immo, »und weiß nicht, ob mir die Mönche dort gestatten werden, dem Altar des heiligen Wigbert oder gar den hohen Aposteln zu nahen.«

»Auch erwarte ich wenig Gutes von diesen Heiligen,« versetzte der Graf zerknirscht, »denn ich leugne nicht, alte Händel habe ich mit ihnen und sie möchten mir das gedenken. Auch in Fulda, fürchte ich, hat man schon manches von mir vor den Altären geraunt. Wandle leise zu einem hohen Heiligtum, wo man mich weniger kennt. Einen Reliquienschrein weiß ich, den besten von allen,« und er hob seinen Mund zu Immos Ohr und flüsterte: »das ist der Himmelsschatz unseres Herrn, des Königs. Er ist hier zur Stelle und schnelle Fürbitte tut mir not, sonst kann sie mir für dieses Leben nichts mehr helfen.«

»Wie vermag ich zu dem Heiligtum des Königs zu dringen?« rief Immo.

»Ich weiß, daß du zu den Auserlesenen gehörst, welche die Wache in seiner Behausung haben, da mag dir wohl möglich werden, daß du das Pergament ungesehen unter die Decke schiebst. Vielleicht gelingt dir auch, den Geschorenen des Königs, der über dem Schrein wacht, durch Flehen und Gabe zu gewinnen. Versprich ihm Großes; denn wisse, einen Goldschatz, der nicht klein ist, bewahre ich unter einem Baume verborgen; wird der Priester zu der Guttat geneigt, so will ich den Schatz daran wenden und ihm die Stelle offenbaren.«

»Um die Heiligtümer des Königs sorgt jetzt der fromme Abt Godohard,« versetzte Immo kummervoll, »der Goldschatz wird ihn nicht locken, den hohen Himmelsfürsten, die für den König bitten, in deiner Sache so zudringlich zu nahen.«

»Ich finde dich kalt, Immo, wo es gilt, einen alten Genossen deines Vaters aus der Angst zu retten,« klagte der Graf und griff sich nach der feuchten Stirn. »Besseres hatte ich von dir gehofft und anderes hatte ich auch mit dir im Sinne. Denn als ich dich neben Hildegard, meinem Kinde, sitzen sah, wie du als Geselle ihr zutrankest, da fiel mir einiges ein, was ich mit deinem Vater beredet hatte, als ihr beide noch klein waret, und ich dachte, was nicht geworden ist, vielleicht kann es doch noch werden, wenn die Heiligen es fügen und auch dein Wille dahin geht. Jetzt freilich bin ich arg verstrickt, du aber bist im Glücke. Dennoch erinnerte ich mich an die Augen, die du damals machtest, als ich dich in meinen Saal laden ließ. Aber ich sehe, der Menschen Sinn ist veränderlich, zumal wenn sie jung sind.« Er setzte sich seitwärts auf die Bank und faltete die Hände, aber er sah von der Seite scharf nach dem offenen Antlitz des Jünglings, in welchem der innere Kampf sichtbar war.